Konzertauftakt beim Aalener Sinfonieorchester

Wo der Wildschütz auf Don Giovanni trifft

(KH) Wie sich doch die Bilder gleichen! Manchmal auf angenehme Weise: Beim Neujahrskonzert begeisterten Aalener Sinfoniker ihr Publikum mit fabelhafter Musik und exzellentem Musizieren. Weniger angenehm: Rund um die Stadthalle waren alle Plätze zugeparkt, einschließlich der Zugänge zum Parkplatz.

Und noch etwas war wie vor einem Jahr: Die Musici sind zuständig für das allerletzte Aalener Neujahrskonzert. So knapp vor dem Februar durchaus nochmals eine schöne Gelegenheit sich des neuen Jahres zu besinnen. Und eine großartige, darf geflissentlich hinzugefügt werden, denn was die Sinfoniker unter der Leitung ihres Dirigenten Markus Hein präsentierten, konnte sich hören lassen. Immer! Ob beim Neujahrs-, Sommer- oder Adventskonzert. 

Heuer waren es Kompositionen aus der Feder von Antonin Dvorák, Georges Bizet, Albert Lortzing und Wolfgang Amadeus Mozart. Ebenfalls dabei, der in hiesigen Gefilden nicht ganz so bekannte Emmanuel Chabrier. Insgesamt betörende Melodien aus zwei Jahrhunderten.

Rund 1000 Zuhörer lauschten in der Aalener Stadthalle der charmanten Art und Weise, wie die Sinfoniker zu musizieren verstehen. Angesichts des beim Konzert unüberhörbar gesetzten Wohlklangs erscheint es überflüssig zu erwähnen, dass die Orchestermitglieder sich mehrheitlich als „engagierte Laien“ bezeichnen, die im Alltag meist einer völlig anderen Profession nachgehen, aber dennoch in der Region als Garant für erstklassiges Konzertieren einen vorzüglichen Ruf genießen. 

"Es sauset und brauset, es sumset und brumset"

Eigentlich hatte man sich bei den Neujahrskonzerten an Altmeister Johann Strauß schon so sehr gewöhnt, dass man ihn nun beim Blick ins Programmheft schon fast vermisste. Aber nur kurz, denn Antonin Dvorák vertrat ihn mit den "Slawischen Tänzen" (op.46) mehr als vorzüglich. Vielleicht auch, weil im Gegensatz zu den Brahmschen "Ungarischen", die Dvorákschen allem Tempo zum Trotz ihre Rhythmen doch etwas gemütlicher angehen lassen. Im "Presto" beispielsweise einer Furiant den Vorzug geben, einem Volkstanz im Dreivierteltakt. Irgendwie scheint Johann Strauß immer zu grüßen, wenn auch manchmal versteckt. Eine Polka schließt sich an, ebenso eine eher unbekannte Sousedská, eine Art Ländler. 

Zu Dvoráks Zeiten Populärmusik vom Feinsten, um deren Aufführung einst die Orchester wetteiferten.

Hochdramatisch, was (musikalisch) danach folgte. Zumindest ein bisschen, denn während der Ouvertüre zum "Wildschütz" schießt Benjamin Engel (eigentlich für die Pauke zuständig)  in die Luft. Mit Absicht! Aber nicht um die Zuhörer zu erschrecken, sondern weil Komponist Lortzing es so wollte, weil der Schuss mittenhinein  in seine komische Oper führte. Deren Libretto basiert übrigens auf dem Lustspiel "Der Rehbock". Für alle Geschichtsbeflissenen: Die Geschichte stammt von August Ferdinand von Kotzebue, der vor fast auf den Tag genau vor 199 Jahren vom deutschtümelnden Burschenschaftler Karl Ludwig Sand ermordet worden ist. 

So klein und traurig kann die Welt. Als von Kotzebue  allerdings noch als Librettist durch die Lande zog, verfasste er die bekannte Arie "5000 Taler", beim Konzert in Vertretung für den erkrankten Christoph Schweizer vom Michael Kranebitter gesungen. "Fünftausend Taler! Fünftausend Taler! / Träum' oder wach' ich? Zittre und zag' ich? Wein' oder lach' ich? Götter, was mach' ich? (…)  Es sauset und brauset, es sumset und brumset, / Es schimmert und flimmert, es krabbelt und zappelt / Im Körper, vor Augen und Ohren mir. / Beschlossen ist's im Weltenplan, / Ich werd' ein hochberühmter Mann!" Das ist von Kotzebue tatsächlich geworden, doch auf eine unglücklichere Art als in dieser vergnüglichen Arie beschrieben. 

Exzellente Musik

Frankophile Musikfreunde werden mit dem Namen Emmanuel Chabrier sicherlich etwas anfangen können, alle anderen durften sich in die Musik des französischen, vom Impressionismus beeinflussten Komponist hineinhören. Sichtlich erfreut, denn die Aalener Sinfoniker wählte aus seinem "Le roi malgre lui" ein Stück, das - ganz subjektiv - den großen Einfluss Wagnerscher Musikdramen auf Chabrier belegt: "Danse slave" oder, um es schlichter auszudrücken, in der Komposition treffen ein italienischer Marsch, ein Wiener Mückenwalzer und Preußens Gloria aufeinander. Aufbrausende Musik mit aufreizendem Rhythmus, in glänzender Weise vom Orchester serviert.

Wie Lortzing musste sich auch Bizet gelegentlich mit einem dürftigen Libretto begnügen. Das von "L´Arlésienne" gehört in diese Kategorie. Allerdings verpasste Bizet dem Schauspiel eine derart exzellente Bühnenmusik, dass schon deshalb die "Arlesierin" von Erfolg gekrönt war. Zumindest waren es die beiden Orchestersuiten, die Bizet daraus zusammenstellte. Die Aalener Musici wählten die "Suite Nr. 1", deren vier Sätze sich vom provencalischen Weihnachtslied "Marcho dei Rei“, über ein getragen-melancholisch gestimmtes Liebesthema (Allegro deciso) und einem tänzerisch angelegte Satz (Allegro giocoso) in ein von gedämpften Streicherklängen dominierten Adagio endet. Im letzten Teil (Allegro moderato) entwickelt sich über eine sich stetig wiederholende musikalische Figur eine elegische von Flöten umspielte Episode, die das Ostinato der Harfe (gespielt von South Scott) ablöst.

Frisch, beschwingt und mit Verve

Danach kam der Liebling aller Musikfreunde "auf die Bühne": Wolfgang Amadeus Mozart. Und mit ihm nochmals Michael Kranebitter. "Ach, nun wirst du nicht länger mehr flattern, kleiner Falter, von Blume zu Blume, wirst den schönen die Ruh´ nicht mehr stören, o Narzißchen, Adonis, ihr Gott" - Kranebitter sang selbstredend italienisch. „Non piu andrai“, die süffisant vergnügliche Arie aus der „Figaros Hochzeit“ zu der "Madamina, il cataloge e questo“, die pikante Namensliste aus „Don Giovanni“, so hervorragend passt.  Eine ausgezeichnete Stückeauswahl, die den Aalener Sinfonikern gut zu Gesichte stand und bei der sich das Orchester bestens in seine erfolgreiche

 

Tradition vorbildlicher Konzerte einreihte. Fast ausnahmslos Konzerte mit ausgesuchten Werken aus Barock, Klassik und Romantik, aber auch mit Zeitgenössischem. Immer wieder zeigten die Musici hierbei Leistung und Qualität, in der Art der Darbietung. Frisch, beschwingt, mit Verve und Ausdrucksstärke. Zum lobenswerten Niveau kommen technisches Können, musikalische Stilsicherheit und ein harmonisches Miteinander. Bei einem Orchester, überwiegend aus Hobbymusikern bestehend, keine Selbstverständlichkeit, aber auch kein übertriebenes Lob, wie zum Abschluss des Neujahrskonzert Chabriers abwechslungsreiche Rhapsodie „Espana“ bewies. 

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Aalener Kulturjournal