Sommerkonzert des Aalener Sinfonieorchesters

Skywalker und Captain Sparrow treffen auf Antonin Dvorak und Edward Elgar

Besser hätte das Konzert kaum besucht sein können, auch wenn das Aalener Sinfonieorchester in der Vergangenheit immer wieder zu verlockendem Musikgenuss lud. Vielleicht lag es diesmal aber auch mit daran, dass sich Peter Gollers Abschied von Aalen herumgesprochen hat. Mit der nächsten Spielzeit zieht es den Dirigenten ans Musiktheater Gelsenkirchen. Ein herber Verlust für die Aalener, denn wie Gollers Vorgängern gelang es auch ihm, das Orchester weiter nach vorne zu bringen. Keine lapidare Floskel, wie das Sommerkonzert am Sonntagabend in der Stadthalle eindrücklich bewiesen hat. Zumal höchst gegensätzliche Kompositionen auf dem Programm standen: Neue und Alte Musik, die fein aufeinander abgestimmt und brillant vorgetragen, der Linie klassischer Tradition folgt. 

Auf den ersten Blick nicht selbstverständlich, eröffnen doch die Sinfoniker - übrigens erstmals durch das Junge Kammerorchester der Aalener Musikschule verstärkt - den sinfonischen Reigen mit John Williams "Themes from Star Wars Episode II".  Klassikfans mögen da zunächst tief Luft geholt und als Stoßgebet ein ironisches "Die Macht sei mit Dir" geflüstert haben, doch was Anne Sophie Mutter mit ihrer neuen CD "Across the Stars" kann, können die Aalener Musiker schon lange.

"Stars Wars" ist schließlich Kult. Spätestens nach der träumerischen Oboenromanze als Liebesthema für Padme und Anakin Skywalker selbst für die härtesten Skeptiker auch musikalisch. Die letzten Vorurteile  fegt ein großartiges  Tutti, in dem ein klein wenig Schostakowitsch mitschwingt, weg. Deutlicher hörbar die höchst amerikanisch klingende Marschmusik, deren preußisches Gen nur noch Ansatzweise zum Vorschein kommt. Aber zugleich auf Williams Vorliebe für Märsche verweist und die Grundzüge des populären "Imperial March" der fünften Episode  ("The Empire strikes back") vorwegnimmt.

Eine klangstarke wie atmosphärisch dichte Musik. Nicht allzu weit entfernt vom "Fluch der Karibik", einem Medley, dem die Sinfoniker einen solch weichen, fließenden Glanz verleihen, dass Captain Jack Sparrow vor dem geistigen Auge einfach erscheinen muss. Und selbstredend Gouverneurstochter Elizabeth Swann, schließlich streicht auf der Stadthallenbühne bei der "Madallion Calls"-Hymne Nicola Pfeffer das Cello. Und was für eines! Die karibischen Piraten erscheinen darob wie in Windeln liegend, denn Pfeffers Ruggieri-Violoncello stammt aus dem Jahre 1680.

Vielversprechend: Nicola Pfeffer

Vielsagender ist freilich, welch phantastische Klänge die junge Solistin aus dem Instrument zu zaubern versteht. Bei Edward Elgars  "Konzert für Violoncello und Orchester e-Moll op.85" zieht sie sozusagen alle Register, zupft die Saiten, fährt forsch mit dem Bogen darüber, um im nächsten Moment mit leichtem Strich hauchzarte Töne zu initiieren. Souverän sitzt die 21jährige auf der Bühne, kurze Blicke dienen der Verständigung mit dem Dirigenten. Bei besonders intensiven Momenten schließt sie die Augen.

Nicola Pfeffer spielt schlicht und einfach schön. Brillant! Welch eine Musik, welch umwerfende Musikerin. Auch weil es Nicola Pfeffer so mühelos gelingt, Elgars klare Struktur mit Leben zu füllen, mit nachvollziehbaren Emotionen. Die Voraussetzung, um dieser introvertierten Musik gerecht zu werden. Bereits bei der unbegleiteten Kadenz im ersten Satz und erst recht, wenn das Cello das langsam verklingende Hauptthema der Streicher erneut aufnimmt, scheint es, als halte das Publikum den Atem an.

Ein lyrischer Mittelteil in Dur folgt, ein agiles Scherzo mit ausgreifender Melodik, ein leidenschaftliches Adagio, in dem die Sinfoniker der Solistin die melodische Führung anvertrauen. Eigentlich entspannte Musik. Doch Elgar setzte sein Opus 85 - es entstand kurz nach dem Ersten Weltkrieg - bewusst in Moll, weshalb sich die Komposition im Finale atmosphärisch einem wehmütigen Abschied zuwendet. Nicola Pfeffer unterstreicht  dies exzellent unter anderem mit einer Phrase aus dem Adagio, einer entschleunigten Reprise, die leise verklingt. Absolute Stille im Saal. Dann setzen Jubel und Applaus ein, die junge Musikerin muss sich wieder und wieder verbeugen, kredenzt schließlich eine kleine feine Zugabe.

Antonin Dvoraks nachfolgende "Sinfonie Nr. 7" (Op. 702) mag Gollers Abschied geschuldet sein, zumal hier kein luftiges Thema in den Sommer aufbricht. Dafür hält die in Moll gehaltene Komposition Leichtes und Spielerisches wie auch Gewaltiges und Imperiales bereit. Erinnerungen an das "Star Wars"-Medley vom Konzertbeginn kommen zurück. 

Allerdings zeigt sich rasch, dass Dvoraks Siebte etwas ganz anderes ist. Nicht nur weil sie kompakt und streng daherkommt, sondern weil sie zugleich über eine herbe Melancholie verfügt. Der Komponist hat keine Note zu viel und keine zu wenig gesetzt. Für die Musici bedeutet dies, jedes Motiv ist gut durchdacht.  Angesichts  der  hochkonzentrierten Symphonik ist der Dirigent gefordert, zumal es auch die Vielfalt der Emotionen und Charaktere zu vermitteln gilt, die Dvorak in eine wohlüberlegte Dramaturgie eingebettet hat, Den Musikern steht folgerichtig ein zwar ruhiger, aber unheilverkündender Melodienreigen bevor, aus dem sich eine düsterer Klang erhebt. Ein Timbre, das sich immer wieder aufs Neue entfaltet, um schließlich pianissimo in schattenhafter Stimmung zu verklingen.

Da droht´s und drängt´s

Im Adagio halten die Sinfoniker trefflich dagegen. Nachfolgende Tutti erzwingen schließlich den Stimmungswechsel, Flöte und Trompete rufen zu neuen Ufern, die Streicher schließen sich an, dann das ganze Orchester. Eine friedliche Stimmung kommt auf. Unüberhörbar tänzerisch spielt das Scherzo, Divergenzen dürfen indes sein, schließlich beherrscht nach wie vor energisches Moll den Satz. Nicht nur den, auch im Finale droht´s, drängt´s und fordert´s recht lebhaft. Die Lage scheint aussichtslos, bis nach einem kleinen aber  rhythmisch ausdrucksvollen Unisono-Streicher-Motiv die düsteren Wolken dem Blau optimistischer Dur-Tönen weichen müssen. Ohne allerdings dem Unheil ein Ende zu bereiten. So darf es zum Schluss nochmals richtig dramatisch werden.  Sehr zur Freude der Zuhörer, bekommt man doch  solch intensive und hervorragend gespielte Musik selten zu hören.

Das ist auch ganz im Sinne des Komponisten, der sein Werk mit "Einen schönen Gedanken zu haben, sei nichts Besonderes" kommentierte, um dann festzustellen: "Der Einfall kommt von selbst und wenn er schön ist, dann ist das nicht das Verdienst des Menschen. Aber den Gedanken gut auszuführen und etwas Großes aus ihm zu schaffen, das ist das Schwerste, das ist – Kunst!"

 

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Aalener Kulturjournal