Aalener Sinfonieorchester  

Sommerkonzert mit Ustina Dubitsky und Nicolas Defranoux

Romantik? Das ist doch dieser virtuose Hang zum Schwärmerischen, verbunden mit immer wiederkehrenden lyrischen Klängen, ersonnen von jenen Komponisten, die ihre musikalische Reflexion von Mensch, Natur und Landschaft in solch eine sublime Stimmungspoesie zu setzen wissen. Um jene Verklärung in wohlgesetzten Tönen zu Gehör zu bringen, bedarf es fähiger Musici. Die finden sich in der Region in nur einer Handvoll Orchester, beispielsweise im Aalener Sinfonieorchester unter der Leitung von Markus Hein.

 

Zum alljährlichen Sommerkonzert mit Brahms und Schumann hatten sie just geladen, zum Auftakt Franz Schuberts Ouvertüre aus der "Zauberharfe" erkoren. Ein tatsächlich zauberhaftes Stück, bei dem sich die Streicher fast in einem elegischen Andante verlieren, bei dem erst die Bläser im lebhafteren Allegro in die Wirklichkeit zurückholen.

Wobei Romantik nicht automatisch melancholische Ferne bedeutet, wie die Sinfoniker mit Schumanns "Rheinischer" belegen. Die dritte und letzte Sinfonie des Komponisten, der um 1850 nach Düsseldorf umsiedelte und anscheinend der rheinischen Fröhlichkeit durchaus einiges abgewinnen konnte - zumindest behauptet manch ein Schumann-Fan dies. 

Entsprechend schwungvoll setzt die Musik ein, leitet in den markanten Rhythmus des Hauptthemas über, streift en passant - hier darf das Romantische unüberhörbar, aber nur flüchtig erklingen -  ein lyrisches Präfix. Und während das Scherzo etwas später noch als tänzelnder Ländler daherkommt, sorgt ein erstaunlich kräftiger Bläsersatz stimmungsvoll für das eigentliche Intermezzo. Ganz Schumann eben. Im vierten Satz schöpft er aus dem Vollen, lässt in einem umfassenden Tutti Posaunen und Trompetenfanfaren erklingen, knüpft so einen fabelhaft dichten Klangteppich, der indes unerwartet in bekümmertem Moll endet. So sind sie eben, die Romantiker! Bei der "Rheinischen", man erinnere sich an die Fröhlichkeit, bleibt es aber nicht dabei. Eindrucksvoll zieht es den letzten Satz über einen heiteren Grundton gen festlichem Frohmut - zu einem unverkennbar zuversichtlichen Abschluss.

Fabelhafte Musiker und fabelhafte Musik

Die Aalener Sinfoniker beeindrucken mit Schumanns Opus. Insbesondere da Markus Hein das Orchester exakt durch die heikle Komposition führt, präzise Bläser und feinfühlig Streicher erklingen lässt. Der hieraus entstehende fabelhafte Klang ist keine Selbstverständlichkeit, schließlich gestalten mehrheitlich Freizeitmusiker diese romantisch eingefärbte Hommage an die große Musik großer Komponisten. Wobei das Konzert in guter Tradition des Aalener Sinfonieorchesters steht, stellen doch die Musiker immer wieder ihr Können unter Beweis. 

Und belegen zugleich ihren künstlerischen Anspruch, Musik des Barock und der Klassik ebenso charmant interpretieren zu können wie zeitgenössische und auch romantische. Eine Herausforderung, der die Musici mit auffallender Leistungsfähigkeit, musikalischem Niveau und hoher Spielfreude begegnen. 

Vor allem verstehen sie sich darauf, begabte Solisten einzubinden. Heuer waren es die Violinistin Ustina Dubitsky und Cellist Nicolas Defranoux. Gemeinsam wagten sie sich an Johannes Brahms Opus 102, dem "Concert für Violine und 

Violoncello mit Orchester" - ein Werk, das nahezu vier Jahrzehnte nach Schumanns "3. Symphonie" entstand.

Eine Zeitspanne, in der sich die Musik fortentwickelte, wobei Konzerte mit zwei Solisten keine so große Seltenheit sind, komponierten doch Altmeister Bach und Mozart bereits entsprechende Stücke. Ausnahmen bleiben sie trotzdem. Bei Brahms allemal, handelt es sich doch bei dieser Komposition um sein allerletztes Orchesterwerk, ein fein ausbalanciertes, aber gefühlt sperriges.

Violine und Cello werden zur Riesengeige

In der Vorstellungsrunde erklingt zunächst das Orchester-Tutti, danach die beiden Soloinstrumente, erst einzeln, dann zusammen. Was so leicht zu bewerkstelligen scheint, entpuppt sich als außerordentliche Herausforderung, müssen doch die beiden Solisten über weite Strecken, perfekt abgestimmter Figurationen wegen, höchst präzise "zusammenwachsen". Brahms selbst wollte bei diesen Passagen Violine und Violoncello als "Riesengeige" wahrnehmen. 

Zu Beginn der Solo-Exposition übernimmt Defranoux mit elegantem Cellospiel  die Melodielinie des Hauptthemas, um sich dann nach und nach in Ustina Dubitskys anmutigen Violinklang einzufügen. Für die Zuhörer Hörgenuss der Extraklasse. Nach Hörner und Holzbläser im Andante, führen die Solisten schließlich die Streichergruppe an, verzieren mit ineinandergreifenden Arabesken. 

Zum Abschluss ein Rondo: spielerisch mit aparter Rhythmik, aber in auffallend gezügeltem Temperament. Dann noch ein markanter Paukenwirbel und ein lautstarkes Tutti. Dennoch bleibt es eine eher verhaltene Musik, die indes hohe technische Anforderungen an die Musiker stellt. Dem Orchester gelingt eine perfekte Aufführung; Ustina Dubitsky und Nicolas Defraboux glänzen dabei mit jener Nonchalance, die dem Brahmschen Alterswerk seine unaufdringliche, der Welt entrückte Melancholie verleiht. Eine Emotionalität, die begeistert und für lang anhaltenden Beifall sorgt.

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Aalener Kulturjournal