"Agade Quartett" beim Kammermusikforum auf Schloss Fachsenfeld

Lindenblütenträume

Der kleine Fachsenfelder Landsitz sonnt sich im Morgenlicht, Lindenblütenduft liegt honigsüß über dem Schlosshof und in der Voliere turteln Täubchen - die Szenerie scheint einem der Gemälde der Ausstellung "Vom Abbild zur Impression" entnommen, die gegenwärtig ebenfalls im Schloss zu sehen ist. Kurzum: Im Fachsenfelder Schloss regiert Romantik pur, und wer wäre besser imstande, dies auch musikalisch auszudrücken als das "Agade Quartett".

Ein leises Lied klingt durch die offenen Fenster. Die Musiker des "Agade Quartetts" spielen sich gerade "warm". Für eine charmante Matinee, zu der das Kammermusikforum in Baden-Württemberg eingeladen hat, zu einem sommerlichen Ständchen, für das Angelo Bard (Violine), Clemens Ratajczak (Violine), Gero Wittich (Viola) und Christian Fagerström (Cello) betörende Musik ausgewählt haben. Ginge es nur um sommerlich leichte Muße, wäre angesichts der angenehmen Atmosphäre sicherlich Anneliese Rothenbergers und Rudolf Schocks Duett "Ich kann nichts Schöneres mir denken" die erste Wahl. Doch an diesem Vormittag wird das Fachsenfelder Schloss nicht zum "Weißen Rössel" und statt Ralph Benatzky zu bemühen, darf Wolfgang Amadeus Mozart seiner Italienleidenschaft frönen.

Eine über die Maßen verspielte Musik, die indes förmlich nach mehr ruft, nach Kontrasten. Und wer wäre dafür - immer mit Blick auf die sommerliche Zeit - besser geeignet als Béla Bartók, zumal dieser ebenfalls gerne auf Reisen ging. Wie Anfang des letzten Jahrhunderts, als er mit einem Phonographen (1877 von Thomas Edison entwickeltes Aufnahmegerät) übers Land zog, um traditionelle Bauernmusik aufzunehmen. Keine zeitgeistige Kaffeehausmusik ungarischer Zigeunerkapellen, sondern tatsächlich nur überlieferte Melodien, die die Grundstruktur seiner "Rumänischen Volkstänze" bilden sollten. Lebendige Rhythmen mit einem gewissen erzählerischen Moment, eingebettet in wohlbekannte Klangfarben, war doch Bartók begeisterter Beethoven-Fan.

Von Mozartscher Lieblichkeit wechselt das Timbre zu sinfonisch erhöhtem Stab-, Rund- und Stampftanz mit all dem dazugehörigen ländlichen Charme einer unverstellten Musik. Der Gedanke an den Tanzboden unter den Linden im Schlosshof liegt folglich nahe. Allein schon der vom Quartett so hervorgehobenen Rhythmen wegen, die zugleich für besagten Tick mehr Lebendigkeit und Spannung sorgen. Allerdings mit Bedacht, spielen doch die Musiker ihren Bartók leicht gen Mozart gerichtet, im Forte dafür aber nuanciert symphonischer.

Hier trifft Musikerintention auf Zuhörerwunsch, denn Hand aufs Herz: Wer liebäugelt an solch einem Sonntagvormittag nicht insgeheim mit einem weiteren Quäntchen dahinplätschernder Harmonien? Sozusagen auf eine süße Mozartkugel comme dessert? Als ob es die Musici geahnt hätten, servieren sie mit dem "Divertimento KV 136" erneut einen Nachschlag salzburgisch-italienisches Flair. Erwartungsgemäß sinnlich wie schön. So klingt der Sommer, und so klingt es, wenn sich vier leidenschaftliche Musiker zum Quartett zusammenfinden.

Die Treue zu Wolferl bleibt fest, glauben doch die Zuhörer mit Beginn des letzten Musikstückes, sich in einer seiner  Sinfonien wiederzufinden. Aber hier zitiert Felix Mendelssohn-Bartholdy in seinem sentimental anmutenden "Streichquartett e-Moll op 44" wörtlich aus Mozarts "g-moll-Sinfonie KV 550". Danach scheint sich Mendelssohn nicht ganz sicher zu sein, neigt sich doch seine Musik Beethoven zu. Auch er ein Fan des Maestros. Kein leichtes Spiel hingegen für die "Agade"-Musiker, die sich zwischenzeitlich pointierter Mendelssohnscher Kunstgriffe und klangsprachlicher Effekte gegenübersehen. Nach dem verträumten Scherzo zelebriert im nachfolgenden Andante die erste Violine eine feine Kantilene, führt die Musici elegant zum hervorgehobenen Detailreichtum dieser Komposition.  Das lässt das Publikum ebenso aufhorchen wie das temperamentvolle, von melodiösen Sequenzen  durchzogene Finale. Mendelssohn pur!

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Aalener Kulturjournal