"Agade Quartett" im Oberkochener Zeiss Forum

Traumhafte Musik von Haydn bis Brahms

Eigentlich ist Puccinis "Crisantemi" der Zugaben-Klassiker schlechthin, obwohl oder weil es eben kein spieltechnisches Bravourstück oder gar Feuerwerk ist. "Crisantemi" verfügt aber über jene ergreifende musikalisch-emotionale Tiefe, die die Zuhörer in deren Innerstem trifft. Zumindest wenn ein so blendend spielendes Streichquartett auf der Bühne steht und wenn es etwas für Herz und Seele sein darf. Sanfte, sinnliche Töne in Moll, wie sie Puccini vorgibt, und vom "Agade Quartett" im Oberkochener Zeiss-Forum so unvergleichlich in betörend schöne Klänge gesetzt. Kontemplative Musik, die nach absoluter Stille verlangt. Kein Hüsteln, kein Räuspern, die Zuhörer schwelgen regelrecht in diesen Wogen  aus fein ziselierten Melodien.

Angelo Bard (Violine), Clemens Ratajczak (Violine), Gero Wittich (Viola) und Christian Fagerström (Cello) vermeiden bei dieser Chrysanthemen-Hommage indes allzu Süßliches, auch weil Puccini das Stückchen eigentlich als "Andante mesto" für den vierten Akt seiner Oper "Manon Lescaut" - die Sterbeszene der Titelheldin - geschrieben hat. In der Urfassung Trauermusik zum Gedenken an Herzog Amadeo von Savoyen. Zurecht spielt das Quartett deshalb dieses Lied mit einer gewissen Nachdenklichkeit, mit nach innen gekehrter Sensibilität.

Während sich an diesem Abend die Stadt auf das WM Spiel Deutschland-Schweden vorbereitete, vor dem Forum ziehen Fußballfans gen Public Viewing, herrscht im Innern das, was Musikfreunde an idealer Akustik mögen, bei Bedarf absolute Schallisolierung gen lauter Welt nach draußen. Glücklicherweise sei angemerkt, setzen doch die Musici zu Haydns "Kaiserquartett" an, dieser fabelhaft schönen Musik, deren zweiter Satz "Poco adagio" gleich vier Cantus-firmus-Variationen über Haydns zuvor komponierten Hymne  „Gott erhalte Franz, den Kaiser“ aufweist. Hoffmann von Fallersleben war von dieser Melodie so begeistert, dass er sie zur Grundlage seines Deutschlandliedes machte (hier sei kein Vergleich zum Fußball gezogen). Bereits das Allegretto des ersten Satzes lässt aufhorchen, verstehen es doch die Vier exzellent, Haydns Fülle facettenreicher Motive virtuos aufzugreifen und glänzend darzubieten. Dann der ersehnte zweite Satz. Beseelt spielt das Quartett die Melodie, zelebriert den feinen Klang, ermöglicht ein erwartungsvolles Hineinhorchen in die Variationen.

"Traumhaft", soll Pianist Alfred Brendel Haydns  dieses "Poco adagio" begeistert immer wieder genannt haben. Besser lässt es sich denn auch tatsächlich nicht umschreiben. Die Wende bringt ein erstaunlich dynamischen Menuett, gefolgt von einem brillant interpretierten Schluss, den die Musici, dramatisch in c-Moll beginnend, ansprechend zu charmanter C-Dur führen.

Ein bemerkenswertes Ensemble, das nicht nur auf allerhöchstem Niveau beweist, sondern sich auch auf einen wandlungsfähigen Klang versteht, der das Publikum begeistert. Einen kleinen Anteil daran haben freilich auch die mit Bedacht gewählten musikalischen  Pretiosen. Nicht nur die von Puccini und Haydn, auch Dvořák und Brahms liefern Vergleichbares.

Vom Ersteren borgten sich die Agadeianer das "Terzetto op. 74", eine zarte kleine Schwärmerei zweier Violinen und einer Viola in makellosen Klangfarben. Zugegebenermaßen spieltechnisch nicht die erste Garde, doch das "Agade Quartett" beweist elegant, dass es darauf eben nicht immer ankommt. Was zählt, sind harmonische Melodien und temperamentvolle Rhythmen. Hier wird die alte Weisheit zur Wahrheit: Der Ton macht die Musik. Doch gibt es nach solch einem bestrickendem Adagio und furiantem Scherzo noch eine Steigerung? Wohl kaum! Nichtsdestoweniger finden die Musici für ihren Schlussakkord  Vielversprechendes wie Bewährtes: Romantikpapst Johannes Brahms liefert seine "Ungarischen Tänze". Deren "Vivace" und "Allegro" klingen für hiesige Ohren - zumal mit Streichinstrumenten intoniert - so faszinierend ungarisch, dass selbst eingefleischte Madyaren entzückt sein müssten.  

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Aalener Kulturjournal