Angezettelt. Antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute

"Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch"  

Im Aalener Rathausfoyer ist derzeit die Ausstellung "Angezettelt" zu sehen. Eine aufklärerische  Schau rund um das Thema  Hetze in all seinen Schattierungen. Die Ausstellung setzt sich mit rassistischen und antisemitischen Botschaften  auseinander und zeigt, „Ausländer raus“ und „Lügenpresse“ stehen in einer langen, unguten Tradition. Dementsprechend sprach die Kuratorin der Ausstellung Isabel Enzenbach davon, dass viele antisemitische und rassistische Botschaften von einst inhaltlich gleich geblieben seien, nur  die Bildsprache habe sich verändert. Aufkleber, Marken und Sticker aus dem späten 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Allesamt sogenannte Kleindrucksachen, die nur einem Ziel dienen: Stimmung gegen Juden, Homosexuelle, Migranten und andere Minderheiten zu machen. Sie transportieren

Feindbilder, schüren Vorurteile und rufen zum Teil unverhohlen zu Verfolgung und Gewalt auf. Im "Dritten Reich" begann die Hetze mit solchen Aufklebern, führte zur Bücherverbrennung, Verfolgung und schließlich zu Deportation und Ermordung in Vernichtungslagern. Darauf geht bei der Ausstellungeröffnung Dr. Alfred Geisel (Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“) ein.

In Form von Aufklebern, Marken, Stickern und Klebezetteln würden speziell Juden, unerwünschte Ausländer und jetzt auch Muslime mit unterschwelliger Raffinesse und allen Mitteln der Manipulation verunglimpft, entwürdigt und gedemütigt. "Wobei auch von dem Mittel der Gewalt bis hin zur Vernichtung nicht zurückgeschreckt wird", so Dr. Geisel. "Angezettelt" zeige anhand vieler Dokumente, wie Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in schlimmster Form  sich auf diese Weise Bahn gebrochen haben   -  vom Kaiserreich bis in die Gegenwart. "Bei genauerem Hinsehen werden Sie unschwer  geradezu niederträchtige und entlarvende Parallelen der menschenverachtenden Agitation von damals zu der unserer Tage feststellen können.

Ist schon das Sujet der Ausstellungsobjekte außergewöhnlich, so gilt dies auch für das Datum ihrer Präsentation hier in Aalen, erfolgt sie doch an einem 9. November, also an einem Tag des Jahres, der in vielerlei Hinsicht zu einem Schicksalstag in der jüngeren deutschen Geschichte geworden ist, an dem sich Freud und Leid unseres Landes widerspiegelt."

Der Redner bezieht sich auf den  9. November 1918, dem Kriegsende und der Ausrufung der Republik und auf den Fall der Mauer 1989. Die Beispiele müssten noch durch den 9. November 1923 ergänzt werden, als rechtsradikale Aufwiegler unter Führung von General Erich Ludendorff und Adolf Hitler durch ihren berüchtigten Marsch zur Feldherrnhalle in München, die noch junge deutsche Republik beseitigen wollten. "Und zu dieser Reihe bedeutender Ereignisse zählt schließlich der Vorabend des 9. November 1939, als unser Landsmann Johann Georg Elser durch sein fehlgeschlagenes Attentat auf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller einen letzten Versuch unternahm, dem Krieg ein rasches Ende zu setzen", so Dr. Geisel. "Der wohl schändlichste Tag in der Reihe der genannten Daten ist jedoch zweifelsfrei der 9. November 1938 – der Tag, an dem unter dem verlogenen Vorwand eines angeblichen Volkszorns ein Pogrom schrecklichsten Ausmaßes gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland inszeniert wurde, an dem mehr als 1200 Synagogen und jüdische Gebetshäuser in Flammen aufgingen, an dem unzählige jüdische Geschäfte und

Privatwohnungen ausgeraubt und zerstört wurden, an dem mehr als 30000 jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger willkürlich verhaftet wurden, von denen circa 500 in den Konzentrationslagern Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen oder auf offener Straße ermordet wurden.

Auch hier in unserer Stadt machte dieses Verbrechen nicht Halt. Heinz Pappenheimer, Inhaber eines Textilgeschäftes in der Bahnhofstraße 23 wurde verhaftet, sein Geschäft wurde geplündert und zerstört. Ein ähnliches Schicksal widerfuhr dem Pächter des Aalener Kaufhauses Wohlwert, Alfred Biermann, der im August 1941 von Leipzig, wohin er geflohen war, nach Auschwitz deportiert wurde.

Diese Pogromnacht war der Auftakt der systematischen Ausrottungspläne eines verbrecherischen Willkürsystems, das schließlich in der Ermordung von rund 6 Millionen Juden aus ganz Europa seinen Höhepunkt und Abschluss fand. Und all dies geschah mitten unter uns und in aller Öffentlichkeit als feiges Verbrechen gegen alle Gebote der Menschlichkeit und weitestgehend unter willfährigem Schweigen der Bevölkerung. Auch noch heute, nach 80 Jahren, kann jeder rechtschaffen denkende Mensch nur in ungläubigem Staunen und in Scham diesem Akt der Unmenschlichkeit gegenüber stehen."

Heute, 80 Jahre nach diesen Verbrechen, stellt Dr. Geisel die Frage, ob  aus dem Krieg mit mehr als 50 Millionen Toten, nach der totalen Vernichtung Nazi-Deutschlands, nach zerstörten und verwüsteten Städten, nach Millionen von Heimatvertriebenen Lehren gezogen worden seien. Bei vielen Besuchern der Ausstellung klingt noch der Ruf "Nie wieder!" nach. Die alte Beschwörungsformel. In Vergessenheit geriet hingegen Berthold Brechts Warnung "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch", der Epilog aus dem Theaterstück "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui".

Auch Dr. Geisel gesteht ein: "Lange haben wir uns der Hoffnung, ja dem Glauben hingegeben, dem sei so, der Ungeist der verbrecherischen Nazi-Ideologie habe in unserem mühsam errichteten demokratischen Deutschland keine Chance mehr.

Gott sei es geklagt, dass die Gegenwart uns in mancherlei Hinsicht eines anderen, eines schlechteren belehrt. Wieder werden Juden auf den Straßen verfolgt und verprügelt, nur weil sie Juden sind (jüngstes Beispiel in Berlin) oder es wagen, in der Öffentlichkeit eine Kippa zu tragen;

Wieder ziehen  Horden von gewaltbereiten Neonazis durch unseren Straßen – teils Hand in Hand mit Vertretern einer Partei, die sich anmaßt, eine Alternative für Deutschland zu sein;

Wieder wird Hass und Gewalt gegen Minderheiten und Ausländer gepredigt, die Unterwanderung unseres Landes von gewaltbereiten Muslimen an die Wand gemalt und Denkmale, die an die Verbrechen der NS-Diktatur erinnern, als Denkmale der Schande bezeichnet.

Und was muss im Kopf eines Menschen vorgehen, der die verbrecherische Nazi- Diktatur mit all ihren verheerenden Folgen als „bloßen Vogelschiss in unserer Geschichte“ bezeichnet?

Um mich nicht falsch zu verstehen: Noch wäre ein Vergleich der Bundesrepublik mit den Verhältnissen zu Beginn der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts eine unzulässige Übertreibung. Auch wenn die jüngst veröffentlichten Zahlen einer systematischen Untersuchung der Uni Leipzig eine beängstigende Zunahme an rassistischer, antisemitischer und fremdenfeindlicher Gesinnung registriert, steht der weit überwiegende Teil unserer

Bevölkerung fest auf dem Boden unserer freiheitlichen und weltoffenen staatlichen Ordnung und zu den Grundsätzen unserer Verfassung - der besten Verfassung, die es je auf deutschem Boden gab.   Und das ist gut so! Deshalb sind alle demokratischen Parteien und Organisationen, wir alle dazu aufgerufen, diese demokratische Ordnung, diesen freiheitlichen Rechtsstaat mit Entschiedenheit, mit Entschlossenheit zu verteidigen. Eine Epoche wie die von 1933 bis 1945 darf es in unserem Land nie mehr geben!"

 

INFO

Die Ausstellung ist bis 20. Januar 2019 im Rathaus zu sehen.

 

Öffnungszeiten:

Foyer im Rathaus Aalen, Marktplatz 30, 
Ab 5. Dezember in der Galerie im Rathaus Aalen, Marktplatz 30, 73430 Aalen

Montag 8.30 bis 16 Uhr
Dienstag bis Mittwoch von 8.30 bis 17 Uhr
Donnerstag, 8.30 bis 18 Uhr
Freitag, 8.30 bis 12 Uhr
Freitag bis Sonntag von 14 bis 17 Uhr 
Feiertage geöffnet 
Informationen unter Telefon: 07361 52-1110 oder unter E-Mail: kunst@aalen.de

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal