Duncan Macmillans  "All das Schöne"

Wenn sich die Falltür öffnet

Sensibel, dramatisch, ab und an überraschend komisch erweist sich beim Aalener Stadttheater  die Inszenierung von Duncan Macmillans Ein-Personen-Stück "All das Schöne". Ein Kammerspiel, bei dem Schauspieler Gregor Weisgerber Fingerspitzengefühl beweist, setzt er sich doch in seinem Monolog mit dem Leiden Depression auseinander, beleuchtet fast wie nebenbei, jedoch höchst emphatisch, die Konsequenzen einer Erkrankung für Betroffene wie deren Umfeld.  Berührend und traurig erzählt er ausschweifend, warum und wofür es sich zu leben lohnt.

n einer intimen "Lebensbeichte" trägt er eine Million Gründe zusammen, zu der sich Weisgerber den Beistand einiger Mitspieler aus dem Publikum sichert. Der Stuhlkreis erinnert an das Treffen einer Selbsthilfegruppe. Die Zuschauer sitzen um eine fiktive Bühne, lauschen der Geschichte, Claus Wengenmayr steuert Musik bei.  Als Kind habe er den Tod seines geliebten Hundes miterleben müssen, verrät der Erzähler. Später, wie seine depressive Mutter mehrere Selbstmordversuche unternimmt. „Es ist, als ob sich eine Falltür unter dir öffnet“, wird er im Verlauf des Stückes sagen. Ein Gefühl, das ihn nie  verlässt.

Um seine Mutter aufzuheitern, schreibt der Erzähler als Kind all die schönen Dinge auf, die das Leben bereithält. "Eiscreme", "Wasserschlachten", "Länger aufbleiben dürfen". Weisgerber holt sich Unterstützung. Auf Zettelchen stehen durchnummerierte Beispiele, aus dem Publikum zugerufen werden. 314 werden es sein. Dann gerät die Liste in Vergessenheit.

Erst nach dem zweiten Selbstmordversuch wird weitergeführt. Nun kommt der "Geruch alter Bücher", "Nacktbaden" und "Nie zu alt sein, um auf Bäume zu klettern" hinzu. Kann das die Mutter umstimmen? Der Erzähler will dies glauben, spricht sich selbst Mut zu. Das Studium beginnt. Er lernt eine Frau kennen, heiratet. Doch die Beziehung geht in die Brüche. Auch beim ihm beginnt sich eine Depression einzunisten. 826977 schöne Dinge hat er inzwischen aufgelistet, doch nun fällt ihm nichts mehr ein.

Nachvollziehbar schildert Weisgerber den Weg vom Kind zum Erwachsenen, von der Angst um die Mutter bis zur Erkenntnis selbst von einer Depression bedroht zu sein. Immer wieder lässt Regisseur Jonathan Giele ihn sich unmittelbar an das Publikum wenden, bindet dieses in kleine Szenen ein. Der Monolog wird dadurch stimmig unterbrochen, die Konzentration auf das Wesentliche neu gefasst.

Die Szenerie wird dramatischer, Weisgerbers Stimme lauter, unüberhörbar resignativer.  Er weiß um die Gefahr, "dass ich mich eines Tages so elend wie meine Mutter fühle." Der Erzähler akzeptiert seine Erkrankung, findet neue Gründe, warum es sich zu leben lohnt.

 

Fotos: P. Schlipf

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Aalener Kulturjournal