Ausstellung im Bürgerhaus Wasseralfingen

Angela Vaninis verschlungene Wege zur Kunst

Beim Blick in den Bürgersaal des Wasseralfinger Bürgerhauses kommt es unvermeidlich zum Déjà-vu - zumindest bei all jenen, die die Künstlerin seit nahezu zwei Jahrzehnten kennen. Zu sehen waren Abbilder von Frauen mit barocker Figur, üppige Nacktheit, die Anfang der 2000er Jahre bei einer Ausstellung im Hohenstadter Schloss bei einigen Besuchern noch für Empörung sorgten. Wobei die Künstlerin damals selbst wenig zimperlich mit Form und Farbe umging. In Untergröningen gestaltete sie eine Performance, bei der so manch überneugieriger Kunstfreund hernach auf seiner Kleidung über mehr Farbe verfügte als die Leinwand. Angela Vanini, die Künstlerin, ist vermutlich vielen in Erinnerung geblieben, zumal sie lange agil und überall mit dabei war. 

Doch dann wurde es ruhig um sie. Sie sei auf die Kunstakademie gegangen, hörte man allerorten. Bei Ausstellungen war sie allerdings nicht mehr vertreten. Bis dahin gehörte die Aalenerin künstlerisch zu den Autodidakten, deren Lebenswege ähnlich verlaufen: Keine Kunstschule zu Beginn, ein bürgerlicher Broterwerb sichert den Lebensunterhalt, der Feierabend gehört ganz der Malerei. Im einstigen Ostertag-Gebäude wurde eine Ateliergemeinschaft gegründet, die später ins leer stehende Baustahlgewebe-Verwaltungsgebäude (der künftige Kulturbahnhof) umzog. 

Inhaltlich ging es um die Auseinandersetzung mit dem Menschen, um die Suche nach Ausdruck und Form. Dabei wollte die Neapolitanerin Vanini den Homo sapiens in seiner Gesamtheit ergründen und in Öl auf der Leinwand festhalten. Formal wählte sie anfänglich ein Zusammenspiel von  Klassik und Moderne. Fallende, gebrochene  und fließende Linien formten Körper, mal rund, mal kantig, gelegentlich auch beides. Sie wirkten betont flächig, die Gesichter maskenhaft.

Dann folgt ein künstlerischer Umschwung. Vaninis Malstil erscheint homogener, wird logischer, figurativer und plastischer. Die knalligen Farben weichen gedeckten, die Leiber der Portraitierten sind rund und üppig, die Gesichter zeigen menschliche Züge, aber mit Dixschem Habitus - malerisch wie inhaltlich.  

Mit feinsten Saitenklängen spielt  das Cello-Ensemble des KGWs  Consuelo Velázquez "Bésame mucho, que tengo miedo a perderte - Küss’ mich ganz fest, denn ich hab’ Angst, ich verlier’ dich". Eine Melancholie, die sich unterschwellig auch in Vaninis Bildern spiegelt. Auch in ihren neueren Arbeiten, die nun erstmals (und noch bis zum 2. Juli) in Wasseralfingen zu sehen sind.   

Außergewöhnlich nannte Aalens Kunstkritiker Hermann Schludi diese Kunst und die Künstlerin in seiner Vernissagerede. Angela Vanini und den Bildern verlieh er überdies das Prädikat "Geheimtipp". 

Was denn so außergewöhnlich wie auffällig ist, darauf ging Hermann Schludi im nachfolgenden Portrait (Originalwortlaut) der Künstlerin ein.

"Zum einen, dass sie im Sommer 2016 eingeladen wurde auf der „Manifesta“ in Zürich, der Europäischen Biennale für Zeitgenössische Kunst, diese einmalige Werkserie von 13 Arbeiten, die den Kern dieser Kunstschau bildet, vor internationalem Publikum vorzustellen.  Diese Ehre und Auszeichnung wird nicht jedem/r Künstler/in zuteil. Das beweist, dass Roland Hamm und ich damals deinen guten Riecher hatten, als wir A. Vaninis erste Ausstellung organisierten.

Zum zweiten fällt die Tatsache auf, dass der Prophet, der Künstler, die Künstlerin im eigenen Land, in der eigenen Region oft weniger gilt als außerhalb im größeren Umfeld. Sie haben also hier die Chance sozusagen mit der scharfen Brille der europäischen Kunstszene auf die regionale Künstlerin zu blicken und sie neu zu fokussieren und wertzuschätzen.

Und außergewöhnlich ist zum dritten mit welcher Beharrlichkeit Angela Vanini diesen Weg zur Kunst, zu ihrer Kunst bisher gegangen ist. Nicht ohne Grund haben wir diese Kunstschau mit dem Titel `Wege zur Kunst´ bezeichnet.

Sind doch ihr Lebensweg und ihre künstlerische Biographie weitestgehend bis zur Identität miteinander verwoben. Sie finden gerade in ihrer Serie der `400-Euro-Jobs´ einen künstlerischen Niederschlag, der seinesgleichen sucht.

Diese Bildfolge macht sehr augenscheinlich, wie ihre Wege zur Kunst auch meist ihre Wege zu sich selbst und zu ihren Zielen sind.

So hat die gelernte Frisörin als anfängliche Autodidaktin ihre künstlerische Ausbildung, die unter anderem ein Studium an der Freien Kunstakademie Nürtingen und ein Gasthörerstudium an der Akademie Stuttgart umfasst, immer weiter, immer ehrgeiziger und immer intensiver vorangetrieben. Das galt aber stets unter der unabdinglichen Voraussetzung ihren Lebensunterhalt durch sogenannte 400-Euro-Jobs zu finanzieren. Diese Arbeits- und Lebensstationen ziehen sich wie ein roter Faden durch ihre Malereien, Zeichnungen und Bildfolgen. Sie lebt und gestaltet dabei nach der Devise Hannibals `Entweder wir finden einen Weg, oder wir schaffen einen´. (Hannibal hat es immerhin mit Elefanten und Heer über die Alpen geschafft.)

Ihre Wege zur Kunst entstehen einfach dadurch, dass sie sie geht. Dabei wird ihre eigene Biographie zur bedingungslosen Magd und Dienerin ihrer künstlerischen Entwicklung.

Dieser Wille, diese Erkenntnis liefert für Angela Vanini den Ausgangspunkt und die Motivation für ihre künstlerische Tätigkeit. Durch das Kreieren von Zeichen, von Bildern erobert sie sich ihre Biographie, ihre Schöpfung, ihre Welt. Sie macht sich gleichsam ein Bild der Welt in vielen Bildern. 

Die Arbeiten Angela Vaninis entstehen also, weil irgendein Ereignis oder eine Erfahrung ihre Aufmerksamkeit erregt und als persönlicher Widerhall in der Wahrnehmung, im Traum, im Bewusstsein, im Gedächtnis bleibt.

`Biographische Schnipsel´, wenn man so sagen darf, die ihr aus den unterschiedlichsten Gründen zu- beziehungsweise aufgefallen sind, werden für sie zum Anlass, sich ein eigenes Bild davon zu machen. Und zwar im wörtlichen Sinn. Denn sie malt sich diese Bilder. Sie will die Freiheit, sich dieser Biographie-Ikonen zu bemächtigen, sie zu individualisieren, sie `wahr´-zunehmen.

Ihr Hauptinteresse gilt dabei dem Menschen. Es gilt auch dem menschlichen Körper und vor allem dem menschlichen Antlitz. Kein Wunder also, dass sie sich der realistischen, gegenständlichen Malweise verpflichtet fühlt. Für sie ist der Mensch formatfüllendes Thema in ihren Zeichnungen, Acryl- und Ölmalereien. Sie rückt ihren Motiven dicht auf die Haut. Trotz aller Gegenständlichkeit und Realitätstreue erscheint die Raumperspektive in ihren Werken immer wieder willkürlich gebrochen und manipuliert. 

Dieser Kunstgriff  lässt ihre Bildwelten zwar in vertrauter Räumlichkeit, aber gleichzeitig in verfremdeter Perspektive erscheinen. Ihre Figuren wirken oft in den Vordergrund gezoomt. Bisweilen sind sie nur ausschnitthaft abgebildet, vom Bildrand überschnitten und so weit in unsere Nähe gerückt, dass wir den Gesichtsausdruck deutlich erkennen. Ihre Bilddarsteller bedienen sich zudem einer ausgeprägten und auf den Punkt gebrachten Mimik und Gestik.

 Angela Vanini beobachtet das Verhalten ihrer menschlichen Figuren in höchst alltäglichen Situationen. Ihre kompositorisch effektvoll und energisch in Szene gesetzten Bilder sind bevölkert von sehr plastischen, scharf konturierten menschlichen Figurformen. 

Ihre Bild-Protagonisten bewegen sich eher in Kostümen, als in Kleidung, und ihre Bildraum-Kulisse ist sparsam mit Gegenständen drapiert, die aus dem unerschöpflichen Fundus der Wirklichkeit und der Phantasie stammen. Sie schafft damit aus vermeintlich bekannten, vertrauten Dingen unter Einsatz von Phantasie neue ureigene Bildsituationen. Die Assoziation zur Welt als Bühne und zum Welttheater drängt sich immer wieder auf.

Nicht zuletzt deshalb spielen Posen und Gesten in ihren Menschenbildern eine wichtige Rolle. Spiegelt sich doch gerade in der Posenhaftigkeit ihrer Bild-Modelle die vorgestanzte medial gesteuerte Wahrnehmung der Realität wider; in der jede Pose vorberechnet ist, jede Geste funktionalisiert ist und darauf getrimmt ist, höchstmögliche Aufmerksamkeit beim Betrachter zu erreichen.

 Solche perfekten Bilder sind uns aus der medialen Wirklichkeit vertraut und wir laufen Gefahr sie mit der realen Wirklichkeit! (was für ein Wort) zu vermischen oder gar zu verwechseln. Leider ist dieser Begriff heute aber keine Tautologie, d. h. keine Doppelaussage mehr, da viele von uns in ihrer Wahrnehmung stärker durch Mediales als durch Reales geprägt sind. Um dieser schleichenden Realitätsverwischung zu begegnen, macht sich Angela Vanini ihr eigenes Bild. Bei diesem künstlerischen Prozess bereichert sie das mediale Déjà vu, das mediale Vorbild mit der Aura des Handschriftlichen, des nicht  Perfekten, d. h. sie fügt das individuell Menschliche hinzu.

Mit Hilfe ihrer phantasiereichen, verfremdenden Bild-Mittel unterbreitet uns Angela Vanini distanzierte, ironisierende, karikierende, oft kritische Ansichten zu vermeintlich Vertrautem. 

Die Künstlerin löst mit ihrer Kunst ein Paradoxon auf. Obwohl sie den exzessiven Bilderfluss unserer Realität um weitere Bilder bereichert, versteht sie es, unsere Wahrnehmung einzufangen, sie zu verlangsamen und in kreative Bahnen zu lenken. Das funktioniert, weil sie unseren Blick selektiv auf ihre Weltsicht ausrichtet, weil sie uns auf ihre Wege und Stationen mitnimmt und unseren Augen somit neue Inhalte und Möglichkeiten eröffnet.

Was sie dabei auszeichnet ist die Tatsache, dass sie nicht blind den Fußspuren der großen Meister folgt. Für sie ist es wichtiger auf ihrem Weg zur Kunst das zu suchen, was auch jene gesucht haben. Und das ist ihr eigener Weg.

Sie geht ihn sogar so konsequent, dass Sie jetzt noch ein Hochschulstudium an der Akademie Stuttgart abschließen will, obwohl sie doch längst auf europäischer Ebene als Künstlerin wahrgenommen wird."

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Aalener Kulturjournal