Traudl von Röthardt und Sylvia Wanke in der Aalener Rathausgalerie 

FigurenKunst - KunstFiguren. Eine Begegnung

Puppen, Masken, Figurinen,wohin das Auge blickt. Dennoch ist die Aalener Rathausgalerie längst nicht zur niedlichen Puppenstube geworden, erweisen sich doch die Objekte von  Traudl von Röthhard (Aalen) und Sylvia Wanke (Stuttgart) rasch als artifizielle Objekte, die über die bloße Charakterstudien und Menschendarstellung hinausgehen. Beide Künstlerinnen besuchten zwar die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, doch ihre bildnerische Ausdrucksweise könnte größer nicht sein.

Ihr ehemaliger Lehrer Christoff Schellenberger umschrieb diese sich unvermeidbar herauskristallisierenden Unterschiede in seinem Buch "Wandlungen": „Die einzige künstlerische Ausdrucksmöglichkeit, die wir haben, ist unsere eigene.

Deshalb zielte das Experiment auf immer neue Möglichkeiten, ohne die Verwurzelung im Traditionellen zu vergessen.“  Experiment und Traditionell seien Fixpunkte in Wirken der Künstlerinnen, unterstreicht Vernissageredner Dr. Helmut Landwehr, der ausführlich über den sich ähnelnden Werdegang berichtete, beispielsweise über beider Aufenthalt (wenn auch zu jeweils anderen Zeiten) in der Prager Figurentheaterhochschule. 

Puppet on the string?

Traudel von Röthardt erlernte hier bei František Vitek die Kunst des Marionettenbaus - Manch einer wird sich noch an ihre von dünnen Fäden geleiteten Puppen erinnern. Allerdings nutzte sie ihre kunsthandwerklichen Fähigkeiten nicht für die Theaterbühne, "sondern konzentrierte sich auf die Gestaltung figürlicher Objekte und baute Figuren – man könnte sie auch als Docken bezeichnen, ein Begriff, der verwendet wird für rundgedrechselte spindelartige Figuren (…), die ihre Herkunft von der Spielzeugpuppe des 19. Jahrhunderts nicht leugnen können und wollen, mit ausgeprägten Silhouetten im Raum. Sie entfalten Ihre Wirkung vor allem im Spiel mit Licht und Schatten, wie sie hier auf dem Laufsteg präsentiert werden" (Dr. Landwehr).

Ein "Laufsteg", dem sich die Ausstellungsbesucher beim  Betreten der Ausstellung en face gegenübersehen. Lauter kleine hölzerne Objekt, in ihrer abstrahierten Körperlichkeit dem Leben enthoben und diesem dennoch zugewandt.  Auffallend ist, dass Traudl von Röthardt die Zeit der Gliederpuppen hinter sich hat. Ihre meist aus Linden- oder Schwemmholz  gestalteten Statuetten zeugen von  kunsthandwerklichem Können, von einer akkuraten Meisterschaft, die  ihren besonderen Reiz gerade durch eine partielle Abstraktion erhält, durch den  Kontrast zwischen stilisiertem  rotbäckigem Holz-Puppenkopf und anders gearteteten Körpern.

"Ich werde mit Freuden für dich da sein. Wie eine an Fäden gezogene Puppe." (Sandy Shaw)

"Meine Puppen entstehen in ungebundener Zweckfreiheit. Einfach nur, damit sie da sind!", betont die Künstlerin gerne, wobei ihre Kreationen rein gar nichts  mit Barbie und Ken, aber auch nichts mit Käthe Kruses Geschöpfen gemein haben.  Vielmehr sind es Objekte einer dreidimensionalen Assemblage, eine Collage aus plastischen Elementen, die über das bloße Abbild eines Menschen hinausgehen, sich erkennbar dem Fantastischen zuwenden.

"Die Köpfe – immer noch als Puppenköpfe identifizierbar – orientieren sich an Gesichtern aus Bildern des späten Mittelalters und der Renaissance: Raffael oder Lucas Cranach – um nur zwei Namen zu nennen. Auch ein Biedermeier-Porzellan-Puppen-Kopf kann als Zitat in der Montage wahrgenommen werden. Solche Köpfe baut Traudel von Röthardt auf plastisch gestaltete hölzerne Oberkörper oder sie sind manchmal auf am Bodensee gefundene Holzstücke platziert, die sie kunstvoll auf von ihr vorsichtig bemalte geometrische Körper montiert", beschreibt Dr. Landwehr, der ein besonderes Auge auf die Kunstfiguren Traudl von Röthardts wirft: "Jede Weiterentwicklung der Figuren ist ein Experiment, das neue Möglichkeiten der Gestaltung zu erschließen vermag. So auch symmetrisch übereinander gebaute rechteckige Blättchen oder Scheiben mit wachsenden oder geringer werdenden Durchmessern, die dann noch transparent bespannt werden, sodass sie wie bekleidet oder ummantelt wirken, oder anders: Eine Art Krinoline setzt sie als stabilen Körper unter den Torso." Durch deren nur noch andeutungsweise vorhandenen  Arme und Hände wenden sich die Objekte von reiner „Puppenkunst“ hin zu einer gelungenen FigurenKunst.

Mehr als ein Nachtstück!  

Wer die Ausstellung besucht, denkt unwillkürlich an E. T. A. Hoffmanns Schauerroman „Der Sandmann“, in welchem Nathanael der schönen Olimpia begegnet.  

Ihr wunderschönes Antlitz wird von  manchen gar als engelsschön bezeichnet, jedoch, wie Nathanael bemerkt, haben Olimpias Augen etwas Starres, „beinahe möcht ich sagen, keine Sehkraft, es war mir so, als schliefe sie mit offnen Augen.“ Dies erscheint ihm unheimlich. Was er nicht weiß,  Professor Spalanzanis Tochter ist in Wirklichkeit eine mechanische Holzpuppe.

Traudl von Röthardts Puppen haben mit Olimpia oder deren modernen Roboterpendants genauso wenig zu tun, wie Sylvia Wankes Arbeiten. Bei allen Unterschieden zu den Objekten der Aalenerin, dürfte wohl die Theatralik am augenfälligsten sein. Wankes Skulpturen ziehen die Blicke der Besucher auf sich, nicht nur der XXL-Größe wegen, sondern weil sie markant an Szenenbilder, Kostüme und figuratives Beiwerk von Oper, Ballett und Theater erinnern. Zu den noch bis Mitte November gehenden 25. Baden-Württembergischen Kinder- und Jugendliteraturtagen in Aalen, steuerte Sylvia Wanke eine besondere Gestalt aus der Magdeburger  Inszenierung von „Peterchens Mondfahrt“ bei, den  „Regenfritz“. Eine humorvolle Figur, die für sich genommen bereits eine gelungene Inszenierung darstellt, realisiert sie doch eindrucksvoll den vom Autor  Gerdt von Bassewitz vorgegebenen Charakter: „Schön war der Regenfritz nicht, so dünn wie ein Lineal war er und langes verwaschen blondes Haar hing ihm strähnig über die Triefaugen und die rote spitze Schnupfennase, einen mächtigen Regenschirm hatte er unter dem Arm und sein langer Rock war patschnass vor Wasser.“

"Sköne Oke - Sköne Oke"

Ein Objekt, wie für Sylvia Wankes kreative Phantasie geschaffen, begeistert sie sich doch für "Spielzeug in vielen Variationen, KunstSpielZeug genannt: sehr kleine Spielobjekte und bewegliches Spielzeug, die allesamt die Spielfreude des Betrachters evozieren – ständig experimentierend mit Material, mit Verwandlungen, manchmal extremen, von Menschen nicht ausführbaren Haltungen. Ihre FigurenKunst ist auch durch diese Gestaltung unverwechselbar und Bestandteil ihrer eigenen Ausdrucksmöglichkeiten; viele ihrer Objekte wurzeln in Traditionen, die bis in die Antike zurückreichen" (Dr. Landwehr). Dabei bedient die Künstlerin die ganze Bandreite an Ausdrucksmöglichkeiten, die sich immer wieder in ihren  Skulpturen und Masken und übrigens auch in ihren in der Rathausgalerie ausgestellten Bildern spiegeln.

Nicht immer sympathisch humorvolle Kunst, aber eine ausnahmslos eindrückliche, wie die „Hirngespinste" - Objekte, bei denen auf Masken oder Köpfen Traumgesichter angebracht sind. Zuweilen gar alptraumhafte Erscheinungen, die Dr. Landwehr zum Goya-Zitat „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ verleiten .

Von Kopfgeburten spricht der Vernissageredner: "Was da entsteht, sind Kopf- und Körperfragmente, Gesichtsformen, bearbeitet und collagiert mit Gittern und Geflechten, Linien und Verschnürungen, Fasern und Nervenbahnen, auch wie schwebend auf sie gesetzt, sodass ein surreales Ensemble entsteht, das bei den Betrachtern Vorstellungen und – vielleicht gar traumatische – Erinnerungen hervorrufen kann."  Und er stellt die Frage, ob das Kopfgebären geistiger Inhalte, die sich außerhalb menschlicher Hirne vernetzen, schmerzhaft sei oder ob es die Erkenntnis "mit welcher Euphorie unsere Phantasien geboren und weiter und weiter und weiter gesponnen werden" sei, die schmerze.

"Das Grosse bleibt gross nicht und klein nicht das Kleine." (Bedřich Smetana)  

Eine Frage ohne Antwort. Dafür wird Sylvia Wanke in ihren Masken deutlich, die venezianischer oder fastnächtlicher Tradition entsprechend Identitäten verbergen oder überdecken. "Der Mensch als Schale, unter der von der menschlichen Persönlichkeit, die sich in ihr zu befinden scheint, nichts bleibt als Fiktion: Auch im Innersten sind wir nicht authentisch wir selbst, sondern auch da maskiert als Produkt unserer sozialen Beziehungen und körperlicher, ja genetischer Wirkkräfte.

Die Figurengruppen lassen uns Erzählerisches assoziieren, ja sie erscheinen als eng auf ein rettendes Schiff zusammengedrängte Menschenansammlung politisch aktuell, sind aber lange vorher schon gezeigte Ensembles – ein weiteres vielfältig bearbeitetes Thema in der Arbeit von Sylvia Wanke" (Dr. Landwehr).

Die Ausstellung "FigurenKunst - Kunstfiguren. Eine Begegnung" überrascht nicht nur  in ihrer Intention, sie überraschte auch mit einer Vernissage, der Anika Herzberg und Zdenek Ehrenberger  mit ihrer tänzerisch-musikalischen Performance "Primadonna, eine Szene für Aug‘ und Ohr“ das gewisse Etwas verliehen. In der von Sylvia Wanke gestalteten Aufführung erwecken die beiden jungen Künstler eine Figur aus Wankes Figurenkosmos zum Leben. Gitarrist Ehrenberger begeisterte bereits zuvor durch eine eigene Variation von Smetanas „Die Moldau“. 

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Aalener Kulturjournal