Ausstellung in der Wasseralfinger Museumsgalerie

Gesichter Afrikas zwischen Tradition und Moderne

Nein, mit Sydney Pollacks  "Jenseits von Afrika" hat die Ausstellung in Wasseralfingen wirklich nichts gemein, mit Tania Blixens "Afrika, dunkel lockende Welt" schon etwas. Zumindest annäherungsweise. Afrika ist eben mehr als Klischee, auch und insbesondere mit Blick auf seine vielschichtige Kultur, wobei es wie auf allen Kontinenten die eine gar nicht gibt. Alles ist komplexer als landläufig angenommen.  Afrika, das ist zugegebenermaßen ein weites Feld. In der Politik derzeit gar ein heißes Eisen. Darum geht es in der Wasseralfinger Museumsgalerie nicht, auch wenn die politische wie soziale Situation des Kontinents als Hintergrundrauschen unüberhörbar mitschwingt. Im Vordergrund steht afrikanische Kunst, insbesondere die Kultur des Nordens, die der Maghreb-Staaten. Zwei Ansatzpunkte bietet die Ausstellung "Gesichter Afrikas", den

der Afrika-Reisenden Andrea Hatam und den der Malerin Gisela Hammer. Beide sind seit Jahren zu entlegensten Orten unterwegs, um dem ursprünglichen Afrika näherzukommen. So dies heute überhaupt noch möglich ist, sei eingeschränkt.

Andrea Hatam, sie treibt die Leidenschaft für Skulpturen und kultische Objekte an - war diesbezüglich eindeutig im Vorteil, konnte man doch noch vor Jahrzehnten fernab des Touristenkitschs tatsächlich manch hölzernes Objekt finden, das der Tradition und nicht der des Marktes verpflichtet war. Solch meist kultisch orientierte Arbeiten finden in Europa erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Objekte atavistischer Kulturen Interesse, werden seitdem erforscht und (unsystematisch) gesammelt. Vom europäischen Kolonialismus geprägt, haften diesen Kunstwerken allerdings nach wie vor Begrifflichkeiten wie Primitivismus und „art negre“ an, Vorurteile die einst von den Künstlern der klassischen Moderne übernommen wurden. 

Auf stolze 41 Reisen ins Maghreb kann Andrea Hatam zurückblicken. Von Anbeginn habe die Suche nach der afrikanischen Authentizität im Vordergrund gestanden, sagt sie. Ein höchst heikles Unterfangen, gerade in der Betrachtung überlieferter Kulturobjekte, von denen heute kaum eines älter als 150 Jahre und damit unter Umständen bereits vom Kolonialismus beeinflusst ist.  Hatams Vorlieben sind Masken, Figuren und Fetische. Entgegen europäischer Wahrnehmungsperspektiven beinhalten diese einen "magischen" Kern mit unterschiedlich symbolischem Anteil beziehungsweise Wirklichkeitsgehalt, was letztlich den Status eines solchen Objektes bestimmt. "Es ist die Magie des Unheimlichen und Dämonischen, die besonders von den Masken und Fetischen ausgeht", erklärt Ausstellungskurator Joachim Wagenblast, für den sich daraus die Frage ergibt, was die Europäer daran so fasziniert. "Sind es die dramatischen Perspektivwechsel, vor allem in der Darstellung der menschlichen Gesichter und Gestalten? Oder ist es die vitale, urtümliche Ausstrahlung, die diesen Figurenwelten innewohnen und unbändige Kraft und Fruchtbarkeit verheißt?"

Obwohl afrikanische Kunst nicht losgelöst von der kultureigenen Intention betrachtet werden kann, wurde sie von europäischen Kunstschaffenden immer wieder nach Form, Technik und Material klassifiziert, einem subjektiven Empfinden unterworfen und vereinnahmt. "Sie hat (so) die europäische Kunst beispielsweise von Matisse, Modigliani und vor allem Picasso beeinflusst. So sehr, dass er (Picasso) sich immer wieder in einem innerlichen, zwiespältigen Kampf mit dieser als `primitiv´ bezeichneten Kunst auseinandersetzte", betont Wagenblast. Dennoch zeigte sich Picasso davon auch begeistert: "Am stärksten künstlerisch berührt war ich immer dann, wenn ich plötzlich mit der erhabenen Schönheit der Skulpturen der anonymen Künstler Afrikas konfrontiert war. Diese Werke einer religiösen, leidenschaftlichen und rigoros logischen Kunst stellen die überwältigendsten und schönsten Dinge dar, die die menschliche Phantasie je hervorgebracht hat."

Interessant ist freilich, dass die im vergangenen Jahrhundert weit verbreitete Meinung, afrikanische Kunst sei immer anonym geschaffene Kunst, längst passé ist, bestätigt doch die wissenschaftliche Kunstbetrachtung individuelle Züge in den einzelnen Objekten.

Der Ansatzpunkt für Gisela Hammers expressive Malerei. Die Ingolstädterin war zunächst als Touristin unterwegs, um in den Nachwehen von Bernhard und Michael Grzimeks "Serengeti darf nicht sterbe" (1959") die bedrohte Wildnis Afrikas zu erleben. 2006 war sie erstmals auf dem "schwarzen" Kontinent und bereits nach der ersten Reise war sie von den Menschen, der Landschaft und der Atmosphäre überwältigt. "Ein einheimischer Guide brachte mich in Dörfer jenseits der Touristenströme", erzählt Gisela Hammer. Was sie dort sah, war erschreckend und faszinierend zugleich: die Situation der Frauen angesichts von Heiratsmärkten und Polygamie, andererseits eine virulente Lebenswelt jenseits allem, was ich bisher kannte." Sozusagen querfeldein durchstreifte sie Tansania und Äthiopien, entdeckte animistische Volksstämme, beobachtete unvorstellbare Initiationsriten.

"Die Gesichter farbig geschminkt, gekleidet in Tierfelle, nach archaischen Bräuchen tanzend - ich dachte, ich bin in einem anderen Film. Das waren völlig unwirkliche Szenen." Sieben Jahre lang bereiste sie Afrika, schoss mit der Kamera viele tausend Bilder, Momentaufnahmen als Hilfestellung beim Malen. "Mit jedem Foto kamen die Gerüche und Farben Afrikas wieder zurück. Ich kann mich so immer wieder aufs Neue in die Atmosphäre des Augenblicks zurückversetzen!" Die Voraussetzung für ihre expressiven Bilder, in denen sie nicht Gesehenes eins zu eins mit dem Pinsel auf die Leinwand tupft, sondern ihr Empfinden, gespeist aus einer inneren Vorstellung, mit hineinlegt.

Den Fokus dabei immer auf die Gesichter der Menschen. Schicht um Schicht spürt sie einem von ihr wahrgenommenen Gesichtsausdruck nach, sucht nach individuellen Unterschieden, nach Nuancen, die in einem langwierigen Prozess aufgearbeitet in einem Portrait münden. 

Die Augen sind in den Bildern das A und O. Sie sind tiefgründig, bergen Geheimnisse, lassen die Portraitierten wieder lebendig werden. Geben dem Betrachter aber auch Rätsel auf. Das größte Kompliment dafür bekam sie von ihrem langjährigen Guide Brook Alayew: "Aus deinen Bildern spricht die afrikanische Seele!"

Eine Aussage mit der die Künstlerin manch Argwohn hiesiger Kulturkritiker abwehrt, die nach einem europäisch-kolonisatorischen Blick auf Afrika in den Bildern suchen. Wobei Gisela Hammer mit solchen Mutmaßungen keine Probleme hat. "Ich male, was ich glaube malen zu müssen", sagt sie knapp. Dass manch Europäisches in ihre Bilder einfließt, liegt in der Natur der Sache, denn jede Kultur kann schließlich auf zweierlei Art betrachtet werden: Kulturintern, hier wird die Bedeutung des

Objektes oder der kulturellen Praxis aus der Sicht des Künstlers gesehen. Wird dagegen eine fremde Begriffswelt angewandt, führt das zwangsläufig zu einer abweichenden Projektion, der auch eine neue  Interpretation folgt. Gisela Hammer sieht sich zwischen beiden Positionen, bestärkt durch Brook Alayew.

Ausstellungsmacher Joachim Wagenblast sieht indes die Ausstellung als ein Vergleich: Hier die Kunst Afrikas, da die Sichtweise einer europäischen Malerin auf Afrika. Über zwei Stockwerke verteilt, erlaubt Andrea Hatams Sammlung einen Einblick in das kultische Leben, während Gisela Hammer sich vier Themengebiete zuwendet: Frauen, die Stärke und Würde zeigen, afrikanische Marktplätze als Kommunikations- und lokales Wirtschaftszentrum,  Afrika in Bewegung und Afrika auf der Flucht.

 

INFO

Gesichter Afrikas zwischen Tradition und Moderne

Museumsgalerie Wasseralfingen

bis 6. Januar 2020

Weitere Infos unter www.aalen-wasseralfingen.de und unter Telefon 07361 9791-0

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Aalener Kulturjournal