Hermann Pleuer beim Aalener Kunstverein im Alten Rathaus

Ein Maler mit neuer Weltsicht

Denken wir an den „Französischer Impressionismus“, so denken wir an Degas, Renoir, Pissarro, Claude Monet und Édouard Manet. Und diesseits des Rheins? Glücklicherweise müssen die Aalener nicht lange überlegen, findet sich doch in ihren Reihe der - zwar in der Nachbarstadt geborene - Maler Hermann Pleuer, einer der bekanntesten schwäbischen Impressionisten. 1978 gab es in Aalen die letzte große Pleuer-Ausstellung, im Fachsenfelder Schloss sind ebenfalls einige Gemälde zu sehen und nun auch in der Galerie des Aalener Kunstvereins. Den Aalener Kunstfreunden ist er gut bekannt und - was nicht oft vorkommt - auch den Eisenbahnfreunden: Hermann Pleuer.

Zu dessen 155. Geburtstag gibt es die große Kunstschau im Alten Rathaus, bei deren Eröffnung sich vor allem eines offenbarte: Von diesem schwäbischen Impressionisten sind alle hellauf begeistert, führt er doch mit seiner Kunst in eine längst vergangene Welt. Nur noch die Ü60-Genaeration kennt die gewaltigen Dampfeisenbahnen, die einst mit Feuer und Rauch durch die Lande zogen. Zu Pleuers Zeiten Sinnbild ultimativen Fortschritts, dessen technische wie ästhetische Ausformung den Künstler über die Maßen faszinierte. Die Eisenbahnbilder der Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen machten denn auch den 1863 in Schwäbisch Gmünd geborenen Pleuer  schon zu Lebzeiten berühmt. Sein Handwerk habe der  Sohn eines Goldwarenfabrikanten an der Stuttgarter und Münchner Kunstakademie erlernt, verriet Vernissageredner Dr. Dieter Heisenbüttel, der ausführlich auf Pleuers künstlerisches Wirken einging.

Seit 1886 vertrieb sich Pleuer die Zeit als Bohemien in Stuttgart, malte vornehmlich  Nacht-  und Landschaftsbilder (einige schöne Beispiele sind in der Ausstellung zu sehen). Dr. Heisenbüttel zieht den unverzichtbaren Vergleich zu Claude Monets "Impression – Soleil levant", dem Namensgeber des Impressionismus´ . Ein Gemälde, dessen Licht und Farbe die Leichtigkeit des Seins wie kein anderes versinnbildlicht. Allerdings - mit diesem Bild im Kopf sollte niemand die Ausstellung beim Aalener Kunstverein besuchen, denn die Bilder des schwäbischen Impressionisten Hermann Pleuer haben wenig mit denen des Franzosen zu tun. Zumindest formal.  Kein flirrendes Licht, kein strahlend blauer Himmel, dafür in erdigen Farben gehaltene dunkle Wald- und Flurszenen.  Spätestens beim Gang durch die Ausstellung fällt indes auf, Pleuers Welt ist eine mystische par excellence, eine mit einer auffallenden Affinität zu dunklen Nachtszenen.

Kompositionen aus Schwarz in tiefem Schwarz. Da muss man schon recht genau hinschauen, um in dieser Schattenwelt zu erkennen, was Pleuer erkennen lassen will. Licht ist hierbei das A und O. Gedämpftes Licht, das Akzente setzt, nuanciert die Blickrichtung vorgibt.

Bemerkenswerte Kunst. Doch irgendwann packte ihn die Lust auf die Moderne, welche für Pleuer technisch-industrielle Entwicklung und „Rausch der Geschwindigkeit“ - vereint in der Eisenbahn -  bedeutet. Dank eines großzügigen Mäzens, Franz Freiherr von Koenig-Fachsenfeld, konnte sich der Maler ganz seiner neugefundenen Lokomotiven-Leidenschaft widmen. 

Farbe entstehe, wenn Licht auf Finsternis treffe, heißt es in Goethes Farbenlehre. Für Pleuer eine Handlungsanweisung, denn nicht Licht als Phänomen, sondern Licht in seiner Wirkung interessierte ihn.

Insbesondere das aus der Dunkelheit entstehende Licht im Kontrast zu dem Licht in der Dunkelheit dominiert die Stimmungsmalerei, die aber nie an Bodenhaftung verlor. Schwäbisch eben. Vielleicht auch, weil der Impressionist Pleuer in einem gewissen Umfang immer Realist bleibt, auch wenn über Mensch und Natur ein milder Schleier zu liegen scheint. Der schwäbisch-impressionistische Pinselstrich führt ihn allerdings immer wieder zur Lokomotive zurück, zu dieser beruhigenden wie ungewissen Dunkelheit, wie sie sich in Schuppen, Werkhalle und selbst in nächtlichen Bahnhöfen wiederfindet. Für Pleuer eine Art Selbstfindung, von der er nie wieder abkehrt. Zwar haben auch andere Impressionisten Gefallen an den imposanten Dampfmaschinen gefunden, doch keiner mit solch manischer Faszination wie Pleuer.

In der systematischen Durchdringung des Eisenbahnmotivs sei Hermann Pleuer zu seiner Zeit einzigartig, weiß Dr. Heisenbüttel. Die Begeisterung für den Maler teilt er mit dem Aalener Kunstvereinsvorsitzenden  Artur Elmer. "Pleuer ist ein ganz Großer", verrät er und begründet dies mit dem Hinweis, der Maler habe der neuen (modernen) Welt intensiv nachgespürt. Franz Freiherr von Koenig-Fachsenfeld war damals einer der Wenigen, die sich der Bedeutung der Pleuerschen Malerei bewusst waren. Heute, mehr als 100 Jahre später und angesichts der weitreichenden Folgen der mit der Moderne einhergehenden Industrialisierung, erhalten die Bilder der schwäbischen Impressionisten tatsächlich eine neue Sinnenhaftigkeit.

 

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Aalener Kulturjournal