Ausstellung Martina Geist

Nicht nur für einen Sommer

In den Bildern liegt die Leichtigkeit des Sommers, obwohl sie als Abdruck eines Holzschnittes zunächst eigentlich  mehr an Erdenschwere verheißen. Doch man sollte sich nicht täuschen lassen und in aller Ruhe die Ausstellung von "Etwas Natur" in der Aalener Rathausgalerie (bis 8. September) zu Gemüte führen. Vielleicht mit den Gedanken von Natascha Euteneier (Kulturamt) im Hinterkopf.

 

 

Einführung in die Kunst von Martina Geist

Zwischen Natur und Bildwirkung

Martina Geist (l) und Natascha Euteneier (r)

Ich rede nicht gerne über Bilder. Schon lieber mit ihnen... Da werden mit dreisten, vorgeblich gescheiten Sätzen Bilder in die Bilder gedacht, ... Da triumphiert der intellektuelle Hohlkopf und der Maler (Anm.: in diesem Fall die Malerin) hat das Nachsehen. Er kann dann nachsehen, wenn alles vorbei ist, ob seine Bilder die Sätze ausgehalten haben.“ (S. 79, Peter Härtling. Es ist eine Wirklichkeit im Kokon. Für Sascha Juritz am 11.9.1979) Soweit der Schriftsteller Peter Härtling, für den Kunst eine Lebensselbstverständlichkeit war und sich dieser bevorzugt im Dialog näherte.

 

I. Der erste Blick

 

Zu einem Dialog möchte ich Sie ebenfalls einladen – mit den augenfälligen textilen Fahnen im Raum, den Holzschnitten und Holztafeln.

Unterschiedliche Bildträger, doch ein Thema: „Etwas Natur“, die hier einen Zweig, dort ein Blatt, überdimensionale Kirschen oder andere Früchte zeigt, ergänzt durch Alltagsgegenstände wie Tassen oder einem kippenden Glas.

Auf den leichten und lichtdurchlässigen Stoffahnen wachsen großformatige Früchte, Zweige und Blätter. Je nach Standort, ob Vorder- oder Rückseite und Lichteinfall verändern sich Farben, Form und Liniengefüge. Gegenüber der luftigen Bewegtheit der Fahnen entfalten die Naturmotive auf Holz und als (mehrfarbige) Holzschnitte auf Papier eine ganz andere Wirkung: Grob strukturierte Holzoberflächen bieten davon kullernden Kaffeebohnen Halt (Auszeit 1, Auszeit II). Daneben sind Holzschnitte die Grundlage für schwarz-weiß gestimmte Bilder, die wiederum prall-gelben Birnen (oder Quitten) auf Grün gegenüber stehen. Da fallen mir unweigerlich die lyrischen Birnen des Theodor Fontane ein, der den Herrn Ribeck von Ribeck im Havelland gerne Kinder mit reifen Birnen beschenken lässt.

Gestaltet sind die Naturmotive in einer stark reduzierten Formensprache, die sehr plakativ wirkt und zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion zu verorten ist.

II. Technik

Holzschnitt

Die Faszination für den Holzschnitt wurde bereits während der Schulzeit bei Martina Geist angeregt.

Diese sehr alte Kulturtechnik stammt ursprünglich aus Ostasien. Im 15. Jahrhundert erlebte diese Technik einen immensen Zuspruch, um Texte und Bilder v.a. mit Werken von Albrecht Dürer, zu vervielfältigen. Eine Zeitlang galt der Holzschnitt als hoffnungslos veraltet. Es waren die Expressionisten (wie Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein, Edvard Munch, HAP Grieshaber als der große süddeutsche Holzschneider der 2. Hälfte des 20. Jhds.), die dieses Verfahren für sich wieder neu entdeckten.

Der Druckvorgang erfolgt durch Handabreibung, nicht mit einer Druckerpresse, was auch deutlich mehr Körpereinsatz verlangt. Zugleich ermöglicht diese „Handarbeit“ (je nach Festigkeit des Handdrucks) Farbnuancen und Abstufungen, die beim Drucken mit einer Presse so nicht möglich sind. (Interessierte können Martina Geist auf Youtube erleben, wie die Arbeitsphasen eines Holzschnittes ablaufen.)

Neben der Widerständigkeit des Materials Holz reizt Martina Geist, die zeichnerische wie auch die malerischen Qualitäten des Holzschnittes: Das Cuttermesser als Zeichenstift setzt eine Reduktion der Bildidee voraus und bedarf einer genauen Vorüberlegung wie das Endprodukt aussehen soll. Das malerische Element besteht aus dem Mischen der Farbe, deren Auftrag auf die Holzplatte und schließlich dem Druck. Interessanterweise nimmt sie Ölfarbe wegen der intensiveren Farbigkeit. Von jeder bearbeiteten Holzplatte druckt Martina Geist, ganz konträr zur Tradition des Holzschnittes, nur einen einzigen Abzug (mit wenigen Ausnahmen) und hat so ein Unikat.

Druckstock als Bildträger

 

Von der Funktion des Druckstocks als reinem Arbeitsmittel löste sich die Künstlerin, als sie die farbigen Druckplatten für sich als eigenständige Bilder entdeckte. Nach dem Druckvorgang wird die Holzplatte nochmals bearbeitet. Sie ergänzt Linien, schneidet neue Formen heraus. Farbige Flächen werden „immer wieder mit anderen Farben eingewalzt und auf Papier abgerieben. Diese Aktion dient dazu, der Holztafel ihre eigene Farbe und Struktur zu verleihen.“ (M. Geist) Und gewinnt so den Charakter eines hölzernen Reliefs. Ein Motiv wird so spielerisch weiterentwickelt und die Druckplatte wandelt sich zum eigenwertigen Bildträger (Auszeit II).

Fahnen

Diese Experimentierfreudigkeit setzt sich in den Arbeiten mit leichtem, transparentem Stoff fort. Die Naturmotive erobern sich als Malerei, als Druck oder als aufgenähtes Element den textilen Bildträger. Durch die Bearbeitung von Vorder- und Rückseite ergeben sich lebendige Strukturen der großformatigen Äste, Blätter und Früchte. Wichtige Aspekte bei diesen Arbeiten sind Leichtigkeit, Bewegung, Licht und Farbe. „Früchte und Zweige im Bildraum verortet: Meine textilen Arbeiten vereinen Abstraktion und Gegenständlichkeit – sie sind Spiegel der Natur.“ (Martina Geist)

In der freien Aufhängung wird das textile Kunstwerk ein Teil des Raums, hängt gewissermaßen als Zeichnung im Raum und eignet sich so einen gewissen skulpturalen Charakter an (im Foyer: Großer Zweig #1, #2, #3; 3 Fahnen in der Galerie: Großes Blatt #1, #2).

Wenn Martina Geist eine Ausstellung konzipiert, ist die Einbindung des Raumes ein wichtiges Gestaltungselement für die Präsentation ihrer Arbeiten. Die Hängung der Fahnen und Bilder sind im Zusammenspiel mit dem Raum zu sehen, sie verändern ihn und spielen mit den Ein- und Durchblicken, mit Innen und Außen und dem Dazwischen.

III. Bildraum - Bildkomposition

Mit ihren Arbeiten holt Martina Geist ein Stück Natur in den Innenraum. Die Natur besitzt ein reiches Repertoire an „Bildern und Zeichen“, hält „eine Art Nahrung (parat), welche die Einbildungskraft verdauen und verwandeln muss.“ (Charles Baudelaire, Les Salons, 1845, Essays)

Diese „Nahrung“ nutzt die Künstlerin und verweist mit partiell abgebildeten Pflanzenformen auf die Komplexität der Natur. Als leidenschaftliche Fotografin gibt der Blick durch die Kamera Martina Geist Impulse für ihre Arbeit: Diese fokussiert den Blick, zoomt ein Detail heran und fließt so als Grundlage für ein Bild ein.

Der konzentrierte Blick fällt auch auf Gegenstände des Alltags wie Stühle, Tassen, Gläser, Löffel, als Einzelmotive oder in Kombination mit Naturelementen.

Ganz zentral bei all ihren Arbeiten ist das Verhältnis von Gegenstand und Bildraum. Je nach Komposition strahlen die Bilder, beispielsweise die Zweige und Früchte auf den Fahnen, eine wohltuende Ruhe aus, nur manchmal leicht bewegt von einem Luftzug.

Demgegenüber stehen Bildkompositionen, in denen die Welt scheinbar aus den Fugen gerät. Im Bildgeschehen scheint die Schwerkraft außer Kontrolle: Gegenstände wie Gläser kippen, Tassen halten noch soeben die Balance auf dem Unterteller (Wer das Glas umkippt I, Tasse auf grünem Grund). Flächen, Linien, Formen und Farben überlagern sich und werden so perspektivisch gebrochen. Dieses Ineinandergreifen von Linie und Raum lässt eine irritierende Spannung entstehen. Es bleibt offen, wie der Raum nun genau beschaffen ist oder ob nun das kippende Glas von einem, ebenfalls umgestoßenen, Tisch oder Stuhl rutscht.

Der Bilderrahmen wird zur Bühne, der für einen Augenblick das Glasdrama, den Übergang von Ordnung und Unordnung, festhält.

Sehgewohnheiten in Frage zu stellen, sie etwas durcheinanderzubringen ist ein Anliegen von Martina Geist. Deswegen kann es manchmal sein, dass sie auch Arbeiten umdreht, um eine andere Perspektive zu gewinnen, die deutlicher ihr Bildempfinden ausdrückt.

Das spiegelt sich auch in den drei kleinformatigen Bildern (an der weißen Wand) mit abstraktem, gezacktem, Motiv wider. Auf den ersten Blick scheinbar als „Störung“ im roten Faden des Naturthemas, stellt der Titel Mäander und mäandern doch wieder den Bezug zur Natur her. In abstrakte, geometrische Form gebracht bedeutet Mäander ein Verzierungsmuster und zugleich den gewundenen Verlauf eines Flussbettes.

 

IV. Schluss

 

Meine Damen und Herren, halten Sie Ihren ersten Eindruck fest, den Sie von den Kunstwerken mitnehmen. Betrachten Sie das Miteinander der Kunstwerke mit dem Raum, wie Beton, Glas und Licht mit den Fahnen, Holztafeln und Drucken eine ganz eigene Wechselwirkung eingehen. Und lassen Sie sich von den Bildern „ansprechen“ - vielleicht wie Peter Härtling: „Mit Bildern gehe ich um. Sie fangen meine Blicke auf, verführen mich, machen mich ruhig.“ (Peter Härtling. Vor Bildern für Maler. Porträts in Worten. Stuttgart: 1999)

 

 

Impressionen von der Ausstellungseröffnung

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Aalener Kulturjournal