Kunstausstellung  im Urweltmuseum und in der Rathausgalerie Aalen 

Natur in der Kunst – Kunst aus Natur

Natur und Kunst stehen bei der aktuellen Ausstellung in der Aalener Rathausgalerie und im Urweltmuseum im Fokus. Wem würde da nicht spontan auch "Natura et Figura", die große Kunstschau im Fachsenfelder Schloss, bei der sich Kunstwerke aus vier Jahrhunderten des Themas annehmen (noch bis 29. Oktober), einfallen. So manch ein Kunstfreund schmunzelte freilich beim Blick auf die Kunstwerke vor der Rathausgalerie, paradieren  doch hier jede Menge heiter dreinblickende Kürbisgesichter. Schnell stellt sich indes heraus, diese Kunst ist nicht Teil der Ausstellung. Die wahren Exponate sind komplexerer Art - zumindest die überwiegende Mehrheit. Dem Thema "Natur in der Kunst - Kunst aus Natur" nehmen sie sich auf höchst unterschiedliche Weise an. Beispielsweise Angela Flaig und ihr "Löwenzahn":  Ganz naturnah und doch überaus artifiziell in Szene gesetzt, Alfred Bast, der akribisch die Natur ergründet, oder Ulrich Sauerborn und Johanna Natterer, die sich der Natur via Kamera annehmen.

Unabhängig von der Herangehensweise, Natur ist in der Kunst ein beliebtes Dauerthema, weil sie sich als so überreiche Inspirationsquelle (siehe "Natura et Figura") verwenden lässt. Wobei viele zeitgenössische Künstler Objekte aus Wald und Flur auch zur kritischen Selbstreflexion und/oder für mahnende Appelle nutzen - für Kunstschaffende wie Kunstfreunde eine Chance zur "Selbstbefragung in Sachen Verantwortung". 

Natur als Wörterbuch

Für alle Künstler sei Natur ein reich gedeckter Tisch von Bildern und Zeichen, meint Ausstellungskuratorin Natascha Euteneier, um zur Erläuterung Charles Baudelaire mit den Worten „eine Art Nahrung, welche die Einbildungskraft verdauen und verwandeln muss“, zu zitieren. Wobei der Maler Delacroix ebenfalls Hilfestellung leistet: „La nature n’est qu’un dictionnaire - Die Natur ist nur ein Wörterbuch.“ Bildhaft verdeutliche es, dass sich alle Künstler aus dem Reichtum der Natur bedienen könnten. Wie die einzelnen Elemente umgesetzt würden, welche Qualität jedoch das künstlerische Endprodukt habe, hänge von der Vorstellung und Einbildungskraft des einzelnen Künstlers ab. "In seiner Schrift spottet Baudelaire über die Maler, die akribisch genau eine Landschaft, eine Blume in guter handwerklicher Manier abpinseln,  jedoch dabei das eigene Empfinden und Denken ausschalten", so Delacroix. Eine gelungene künstlerische Komposition entstehe nur, wenn die Maler „ihrem Wörterbuch die Elemente, die mit ihrer Vorstellung übereinstimmen mit einer gewissen Kunst zu richten, um ihnen eine völlig neue Physiognomie zu verleihen. Diejenigen, denen die Einbildungskraft fehlt, schreiben einfach das Wörterbuch ab.“

Da mag sich der Ausstellungsbesucher beim einen oder anderen Objekt so seine Gedanken machen.

Eine andere Perspektive 

Bei solch einer Themenstellung darf freilich nicht vergessen werden, Natur und Kunst sind zwei völlig verschiedene Dinge. Sie könnten unmöglich das Gleiche sein, wusste schon Picasso. "Durch, die Kunst drücken wir unsere Auffassung von dem aus, was die Natur nicht ist." Vorurteile gegenüber Natur in der Kunst sind damit rasch vom Tisch, denn wer Natur malt, so wie sie ist, macht dennoch immer Kunst. Ganz gleich,  ob gegenständlich oder abstrakt, ob auf Intellekt oder Gefühlsregungen angelegt. In der Ausstellung  findet sich beides.  Malerei, Zeichnung, Skulptur, Installation und Fotografie, in verfremdeter oder realistischer Manier, wobei die Übergänge meist fließend sind. Neben traditionellen Materialien wie Ölfarbe, Acryl oder Bronze bedienen sich Künstler auch unmittelbar aus der Natur, um Kunst mal pur und mal mit Zwischentönen umzusetzen.

Das gilt selbstredend auch für die Skulpturen, deren ältestes Objekt,  Fritz Nuss´ „Flora“ (1948), eine dem damaligen Zeitgeist entsprechend gestaltete weibliche Figur,  die römische Göttin alles Blühenden und der Fruchtbarkeit symbolisiert. Vergleichbar der dreiteiligen Flora von Werner Zaiss, die allerdings abstrakt und in reduzierter Formensprache der blühenden Vielfalt huldigt.

Dass aber Natur nicht nur Harmonie in sich birgt, wer wüsste es besser als Andreas Welzenbach. Seine kleinen Naturkatastrophen leben von Ungewissheit, Überraschung und Ironie. Siehe: „Der Berg, das Haus, die Blume“. Höchst anschauliche Szenarien, die in den Malereien in dieser Deutlichkeit nicht zu finden sind. Elemente aus der Natur, Landschafts- und Naturräume erobern die Leinwände, ihrer Pracht wegen ein Lächeln entlockend oder ihrer  kryptischen Abstraktion wegen die  Phantasie herausfordernd.

Kompost und Sonnenlicht werden zu Kunst

Natur zeige sich oftmals als üppige Vorratskammer, gefüllt mit unterschiedlichsten Materialien, so Natascha Euteneier. Menschen hätten seit Urzeiten mit diesem eingelagerten Reichtum an Formen, Farben und Lebensprozessen  hantiert. "Aus Werkstoffen wie Algen, Holz, Gras, Blätter, Blumen, Blütensamen, Stein, Fossilien, Erdstrukturen oder Kompost werden vor allem Skulpturen, Collagen und Objekte geschaffen." Beredtes Beispiel sind Angela Flaigs ästhetisch aufgeladene Objekte aus Löwenzahn-, Artischocken-, Distel- und Huflattichsamen. Selbst gesiebter Kompost verwandelt sich in florale Textilstruktur.

Stofflich am weitesten entfernt sich Klaus Joas mit seinen Acrylglas-Geometrien, strahlen sie doch wenig Natürlichkeit aus. Aber sie erlauben, Licht in einer unerwarteten Intensität und Farbigkeit sichtbar zu machen. "Mit künstlichem Material wird natürliches Sonnenlicht eingefangen, welche das fluoreszierende Material zum Leuchten bringt. So sollen - wie auch mit allen anderen Kunstobjekten - Kontraste verdeutlicht, Verbindungen hergestellt, Entdeckung ermöglicht werden. Zugegebenermaßen eine anspruchsvolle Vorgabe, die freilich bei einem einmaligen Besuch der Ausstellung kaum fassbar ist. Nicht nur der Vielzahl der Objekte wegen, verstreut in teils verschlungener Systematik über die Rathausgalerie, entlang des Foyers im 1.OG. bis hin zum Urweltmuseum, in welchem prähistorische "Kunstobjekte" (Fossilien) auf Fotografien (Ulrich Sauerborn), Zeichnungen (Horst Kuschel) und Stubensandkollagen (Robin Messer) treffen.

Chaos im Gepäck

Mit von der Partie bei der Ausstellungseröffnung - eine Performance von Birgit Barth. Rote Tücher zeigen den Weg vom Rathaus zum Urweltmuseum, in weiße Overalls gekleidete Anonymi drehen und wickeln sich in Stoffbahnen, schieben sich gen Urweltmuseum. Choreografie in Zeitlupe, die zu dem hinführen soll, was die Welt im Innersten zusammenhält: Chaos und Ordnung. „Die Natur hält Ausschau nach Augen, die sie sehen“, sagt der Abtsgmünder Künstler Alfred Bast. Bei der Chaos-Performance hat so manch ein Kunstfreund ein Problem damit, denn die Reise ins Chaos will von kaum einem Auge erkannt werden, auch wenn Figurenkonstellationen darauf verweisen wollen, dass in der Unordnung sehr wohl eine Ordnungsprinzip herrscht. Körper und Textilbahnen versuchen sich dennoch in „fraktalen“ Strukturen, formen asymmetrische Geometrien, verdichten ihre Muster, um einer neuen Ordnung Raum zu geben. Birgit Barth sieht in dieser Gegenbewegung zum Chaos die "belebte Natur".

Die Auflösung solcher Strukturen wird während der Ausstellung  noch zweimal mit der Installation „Nebelkammer“ thematisiert. Aus dem vertrauten Alltag kommend, ereigne sich in der Konfrontation mit ihr eine sanfte Auflösung bekannter räumlicher Orientierungsmuster, um einen Raum ohne spürbare Grenzen zu eröffnen, verrät Natascha Euteneier. Für alle, die mit dabei sein wollen: Die Installation "Nebelkammer" kann  Ende November (Sa, 25.11, 19 Uhr; So, 26.11., 18 Uhr) erlebt werden.

 

 

 

 

Teilnehmende Künstlerinnen & Künstler

Alfred Bast, Monika Baumhauer, Regine Baumhauer, Anita Bialas, Andreas Böhm, Hans-Dieter Bolter, Isa Dahl, Martina Ebel, Angela M. Flaig, Gisela Fürst, Beate Gabriel, Armin Göhringer, Heidi Hahn, Monika Hoffer, Rotraud Hofmann, Klaus Joas, Sam Kohn, Horst Kuschel, Simon Maier, Robin Messer, Johanna Natterer, Fritz Nuss, rosalie, Ulrich Sauerborn, Waltraud Schwarz, Stefan Rohrer, Ines Tartler, Ingrid Theinert, Kurt Theinert, Andreas Welzenbach, Heiner Wolf, Werner Zaiß

 

„Natur in der Kunst – Kunst aus Natur“

Fotografie, Installation, Skulptur, Malerei und Zeichnung

Ausstellung in der Galerie im Rathaus Aalen und im Urweltmuseum

1. Oktober bis 26. November 2017

 

Die Installation "Nebelkammer" kann  Ende November (Sa, 25.11, 19 Uhr; So, 26.11., 18 Uhr) erlebt werden.

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Aalener Kulturjournal