Aalener Bach-Zyklus: Eröffungskonzert

Sphärengleiche Musik als meditative Wundermedizin

Johann Sebastian Bach ist ein Muss. Zumindest dann, wenn es um die Aalener Kirchenmusik geht, im Speziellen um den Bach-Zyklus in der evangelischen Stadtkirche. Schlicht "Eröffnungskonzert" schreibt Kirchenmusikdirektor Thomas Haller über den diesjährigen Auftakt, der seit vielen Jahren schon so erfolgreichen Kirchenmusikreihe, die heuer allerdings nicht mit brausenden Orgelpfeifen, Pauken und Trompeten an den Start ging, sondern mit Saitenklängen der besonderen Art. Sabine Kraut (Musikhochschule Stuttgart), die kurzfristig für die erkrankte Lisa Kuhnert eingesprungen ist, streicht behutsam den Bogen über die Violinsaiten, um gemeinsam mit Peter Kranefoed (Organist an der Stiftskirche Beutelsbach) am Cembalo an diesem Abend ausschließlich Bachsche Kompositionen erklingen zu lassen.

Eine sphärengleiche Musik, die in einem anderen Beziehungsgeflecht sicherlich als meditative Wundermedizin gepriesen werden würde. In der Stadtkirche wird sie zum kontemplativen , ruhig dahinfließenden Melodienreigen, ohne störende, weil pointierende Höhen und Tiefen, gefühlvoll interpretiert von einem charmant aufeinander abgestimmten Duo. 

Bereits zum Auftakt kosten die beiden Musiker Bachs "Sonate in c" (BWV 1017) in all ihrer geistreichen Sensibilität elegant aus, heben besinnlichen Ausdruck  und formale Delikatesse

dieser ungewöhnlichen Duosonate hervor. In "augenfälliger" Weise, gehört doch diese Sonate zu dem sechsteiligen Zyklus “Sei Sounate à Cembalo certato è Violino Solo”(BWV 1014-1019), bei dem sich das Cembalo erstmals seiner nachgestellten Funktion als akkordische Begleitung im Basso continuo entledigte, um gleichberechtigt in Bachscher Fantasie zu schwelgen. Ein bemerkenswerter Kontrast zum ebenfalls vorgetragenen Gegensatz, der "Fuga in c" (BWV 1026), bei dem das Cembalo hörbar "lediglich" die bis dahin tradierte Rolle eines klangfüllenden Basso continuo übernimmt.

BWV 1017, die vierte Sonate in diesem Zyklus, entstand übrigens um 1720, als in Europa das - musikalisch gesehen - sizilianische Fieber krassierte, bei dem sich südlich avisierte Melancholie in melodischen Bögen mit sanft-fließendem Duktus wiederfindet. Eben auch in dieser Sonate, die so italienisch beginnt, wie sie nach vier Sätzen endet. Einfach schön zur "Gemüths-Ergoetzung" wie der Meister einst selbst urteilte, allerdings seine "Partita II in C"

(BWV 826) meinend, die Peter Kranefoed in der Stadtkirche für Cembalo auszugsweise zum Besten gab. Ein Solo, so sacht wie fein gesponnen, als wäre es ausschließlich der Stille zugeneigt.

Ob Soli oder Duo die Musik an diesem Sonntagabend verliert nie ihren meditativen Charakter, wirkt dabei aber immer spielerisch leicht. Das gilt auch für das komplexe Gefüge des "Musikalischen Opfers" (BWV 1079), aus dem das Duo die "Fuga cannonica in Epidiapente"  wählt. Danach nochmals Sätze aus der "Partita" und als krönender Abschluss die vorletzte Sonate aus obigen Zyklus (BWV 1018). Zugleich die gedankenreichste der sechs Violinsonaten mit obligatem Cembalo. Und - dank eines ausschweifenden Cembalo-Vorspiels - die eindrucksvollste. Bemerkenswert jene Sätze, in denen sich Sabine Krauts Violine langsam dem musikalischen Motiv nähert, behutsam darauf zugreift und mit Bedacht variiert. Man glaubt zunächst ein wenig Klagegesang herauszuhören, der über den zweiten Satz sich

im dritten überraschend expressiv geriert, um sich schließlich im Finale dem ersten wieder zu nähern. Musik so kontemplativ wie friedvoll. Für Dekan Ralf Drescher Grund genug, an 75 Jahre Frieden in Europa zu erinnern, aber zugleich auch daran, dass dieser immer wieder verteidigt werden müsse. Dies solle im Laufe des Jahres erneut thematisiert werden. Dietrich Bonhoeffers "Von guten Mächten" wolle er hierbei als Leitmotiv voranstellen.

 

INFO

Kirchenmusik in der Evangelischen Stadtkirche Aalen:

Orgelmusik zur Marktzeit am 25. Januar und am 8. Februar (jeweils 10 Uhr)

Stummfilm und Orgelimprovisation  (Pour la Paix du monde) am 16. Februar (18 Uhr)

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Aalener Kulturjournal