Bachs Trisonaten in der Aalener Stadtkirche

Bach am Morgen ist wie ein Seelenbad

Ruft Meister Bach zum Konzert, darf man sicher sein, Musikfans kommen in Scharen. Guter Beweis dafür ist der "Bach Zyklus" in der Aalener Stadtkirche. Thomas Haller, Kirchenmusikdirektor daselbst, macht sich seit Jahren für die Musik des Thomaskantors stark. Höchst erfolgreich, wie der Bach-Zyklus aufs Beste belegt.

Johann Sebastian Bach gehört nun mal unbestritten zur Elite europäischer Barockmusiker: Und wer sich seine Werke zu Gemüte führt, stellt rasch fest, jedes Stück ist immer völlig abgerundet und in sich stimmig. Von Bach-Interpret András Schiff stammt der Satz: "Bach am Morgen ist wie ein Seelenbad!" Selbiges gilt selbstredend auch für den Abend, für den "Bach Zyklus" um 18 Uhr in der Stadtkirche sowieso.

Noch lange vor dem ersten Akkord sind die besten Plätze bereits vergeben. Angespannte Stille herrscht im Kirchenschiff.  Vor dem Altar warten Cembalo und Notenständer auf die Musici, die aus der Krypta herbeieilen, kurz ihre Instrumente stimmen, bevor die erste Trisonate einen, wie sich schon bald herausstellt, besonderen Musikabend einläutet. Anspruchsvolle Kost, so das Vorurteil, ist angesagt. Doch diese Kammermusik klingt so zart und federleicht, als wär´s ein Kinderspiel. Dietlinde Fuchs spielt die Querflöte, Susanne Walter  die Violine, Frederike Baumgärtel das Cello und Thomas Haller das Cembalo. Die beiden Letzteren werden in zwei Beiträgen für den Basso continuo sorgen. Eine überaus klangsinnlich komponierte Sonate (BWV 1038) zum Auftakt, apart und zum Träumen schön.

Die vier Musiker verstehen sich blendend darauf ein gewisses überzeitliches Timbre hervorzuheben, es in die nachfolgende Sonate (BWV 1030) zu überführen. Hier begleiten nur Cello und Cembalo das Flötenspiel. Aus dem Andante ist jedoch bereits die programmatische Richtung der Sonaten wie der Soirée herauszuhören, der empfindsame Stil, der einst die Frühklassik vorbereitete und der noch heute in galanter Weise die Gefühle der Zuhörer zu beeinflussen versteht. Das kunstfertig verzierte Motiv dieser Sonate entspringt Bachs damaliger “idée fixe”, die sich in den drei Sätzen als Kompendium spätbarocker Kompositionskunst erweist: Zügiges Tempo gleich einem Concerto im Andante, der zweite Satz, ein  "Largo e dolce", angelehnt an eine italienische Oper, während der dritte mit Fuge und Suite liebäugelt.

Spiele er Bach, fühle er sich wie ein Fisch im Wasser, so, um ihn nochmals zu zitieren, Pianist András Schiff. Die Zuhörer in der Stadtkirche verstehen das nur allzu gut. An diesem Fastnachtsonntag bleibt glücklicherweise alles Laute draußen vor der Kirchentüre. Im Innern ist feine Kammermusik angesagt, beim dritten Stück als reines Saitenspiel. Die Rede ist von der "Sonate C-Moll BWV 1017", die Teil der “Sei Sounate à Cembalo certato è Violino Solo” ist, verzeichnet in den Bach-Werken unter 1014 bis 1019.  Alle sechs Sonaten  bilden gemeinsam Bachs bedeutendsten Kammermusikzyklus. Cembalo und Violine erklingen gleichberechtigt, bekommen vom Meister Bach nicht enden wollende musikalischer Fantasie zugeteilt. Ein sanft schwingendes Adagio bereitet italienischer Melancholie (Siciliano) den Boden, ein Timbre, das Bach immer

wieder gerne aufgreift, beispielsweise bei der “Erbarme dich”-Arie in seiner Matthäuspassion. Einen würdigen Abschluss des Sonatensatzes  bildet im Allegro ein "tänzelndes" Zwiegespräch von  Cembalo und Geige. Spätestens nun ist klar, eine weitere Steigerung ist ausgeschlossen. Doch es geht an diesem Sonntagabend mit Bachs "Sonate c-Moll, BWV 1079", bekannter unter dem Namen "Musicalisches Opfer", noch etwas mehr. In Sachen Triosonate ist das Stück seine letzte Komposition, deren Auftraggeber kein Geringerer als der Flöte spielende Friedrich der Große ist. Und weil der "Alte Fritz" als des preußischen Staates erster Musiker die inhaltliche Inspiration vorgibt, heißt das Ganze selbstredend "Sonata sopr’il soggetto reale - Sonate über ein königliches Thema“.

Einen Kompositionsauftrag vom König war auch zu Bachs Zeiten nicht alltäglich. bekam nicht jeder. Für Musikfreunde indes nebensächlich, entwirft doch Bach ein außergewöhnliches Werk über zwei Fugen, zehn Kanons und eben der Triosonate „über das königliche Thema“. Wohlproportioniert in Noten gesetzt und in seiner "empfindsamen" Klangkombination von Flöte, Violine und Cello (in der Kirche gemeinsam mit dem Cembalo) ganz und gar friederizianisch.

Bedächtig entfaltet sich  über einem gleichmäßigen Bass, der dezent das königliche Thema vorwegnimmt, ein eloquenter Dialog zwischen Flöte und Violine. Eine ausführliche Konversation, in der feine Verzierungen für emotionale Affekte verantwortlich zeigen. Im Allegro taucht das im ersten Satz noch verdeckt gespielte Thema offen zu Tage, von den Musici facettenreich wie ausführlich beleuchtet und interpretiert. 

Da darf das eigentliche königliche Instrument, die Flöte, zurecht in die Reprise führen. Im sanft dahinfließenden "Andante larghetto" klingt indes manch ein Motiv seltsam manieriert. Bach spöttelte gerne über Friedrichs Hofkomponisten und auch Friedrich musste sich von Bach vorführen lassen, da dieser das Finale mit solch rhythmischer Raffinements ausstaffierte,  dass der Flötenspieler von Sanssouci höchst anspruchsvolle Tempi bewältigen musste. Wie man weiß, nicht unbedingt die Sache von Friedrich, aber vielleicht Bachs klammheimliche Freude. "Homo sum, humani nihil a me alienum puto -  Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches, denk ich, ist mir fremd" - Aphorismen sind nun mal zeitlos und gelten selbstredend auch in der Beziehung eines Musikers zu seinem König.

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Aalener Kulturjournal