Die in England lebende Aalenerin Birte Widmann gastiert beim Stadttheater  

  Theaterspiel als Lebensziel

Eigentlich ist an diesem Nachmittag schönes Wetter angesagt, doch Petrus will es anders. Er öffnet seine Schleusen und Birte Widmann steht im Regen. Besser strampelt im Regen. Sie ist mit dem Fahrrad unterwegs, hat allerdings gut vorgesorgt und sich ein Regencape übergezogen. Eine Praktikerin mit Erfahrung!  Was bei uns als Aprilwetter reüssiert, ist bei ihr schlicht typisch englisch. Sie muss es schließlich wissen, lebt doch die 27jährige Aalenerin schon seit 2013 in Großbritannien (Wimbledon). "England war schon immer und ist nach wie vor mein Sehnsuchtsort", schwärmt Birte Widmann. "Bereits in der fünften Klasse beschloss ich, später in Cambridge zu studieren." Nach dem Abi am Schubart-Gymnasium stand zunächst aber ein Anglistik- und Germanistikstudium in Stuttgart an. Doch wer in seinem Innersten für etwas ganz anderes brennt, dem rät Kinderbuchautor Dr. Seus (Pseudonym): "We all have two lives, the second begins when we realize we only have one."

Warum also warten? Insgeheim hatte sich Birte Widmann schon an vielen bekannten Londoner Schauspielschulen um einen Studienplatz beworben. Plötzlich hatte sie die Einladung der  „East 15 Acting School“, einer renommierten britischen Schauspielschule in Essex, in den Händen. Zunächst nur zum Vorsprechen  Das Gefühl sagte ihr indes: "Entweder die oder keine!" Wer England erobern will (als Künstlerin versteht sich), muss englisch reden. "Ich habe mir schon als Kind englische Filme im Original angesehen, mit meiner Mutter Englisch gesprochen und englischsprachige Hörkassetten in Endlosschleife gehört."  Erfolgreich, denn auf der Bühne ist sie heute kaum von einer Engländerin zu unterscheiden. "Briten verorten mich des leichten Akzents wegen eher nach Südengland, manchmal vermuten sie in mir auch eine Australierin."

Vor dem Vorsprechen war Birte Widmann schon bange, schließlich ist die Konkurrenz groß . Glücklicherweise gilt nicht nur hierzulande der Spruch "Das Glück ist mit den Tüchtigen". Auch die Briten kennen ihn als "The Fortune favours the bold". Bei Birte Widmann kommt noch Können hinzu.

Von 2013 bis  2016 studiert sie an der „East 15 Acting School“, macht ihren  BA in  „World Performance“, was so viel bedeutet wie: Einflüsse unterschiedlichster Kulturen werden in die Ausbildung mit einbezogen. Jeder kann seinen Neigungen folgen , Schwerpunkte sind unter anderem in Schauspiel, Regie, Choreographie oder Stückeschreiben möglich. In Basis-Modulen werden Grundlagen der Schauspielkunst vermittelt. Auch das Arbeiten an Atmung, Sprache, der eigenen Körperwahrnehmung.

"World Performance" ist zugleich auch ein Spiegelbild der Londoner Gesellschaft. Auf den Straßen herrsche ein regelrechtes babylonisches Stimmengewirr. "So viele Kulturen findet man kaum in einer anderen Stadt." In ihrem Schauspielkurs seien Finnen, Norweger, Franzosen, Italiener, Japaner, Südafrikaner und noch viele andere Nationalitäten vertreten gewesen.

Von 2016 bis 2017  studiert sie an der „Royal Central School of Speech and Drama“, macht ihren Master in Musiktheater. Birte liebt neben der Schauspielerei auch Tanz und Musik. Wobei die junge Künstlerin betont, dass ihr Herz vor allem für das Theater schlägt)

Die britischen Schauspielschulen zählten nach wie vor zu den weltweit renommiertesten und sind immer noch stark von der Theaterbühne beeinflusst. "Bereits im Studium wird Wert auf die alte Erkenntnis gelegt: Theater ist das moralische Rückgrat der Gesellschaft", so Birte Widmann. Folgerichtig müssten deshalb auch die Klassiker durch die Brille der Gegenwart betrachtet werden.

Da überrascht es wenig, dass William Shakespeares Theaterstücke bei ihr ganz oben an stehen. In „Der Sturm“, in  Euripides´ „The Bacchae“ und im Epos „Gilgamesh“ hat sie bereits mitgewirkt. “Ich konnte bei diesen Inszenierungen dank meiner Begegnungen mit anderen Kulturen schauspielerisch aus dem Vollen schöpfen.” Begeistert zeigt sich Birte Widmann von der gehobenen Sprache der Klassiker; sich darin wiederzufinden, sei die eigentliche Kunst.

In England funktioniert das Theater anders als in Deutschland. Die Schauspieler sind nicht Mitglied eines festen Ensembles an einem Theater, sondern arbeiten freiberuflich oder gehören einer Theatercompagnie an, welche durch das Land tourt. Für jede neue Produktion müssen sich die Schauspieler auch neu bewerben oder werden, wenn sie schon bekannt sind, auch mal direkt angeschrieben. "Da ist ein gut funktionierendes Netzwerk das A und O", erklärt Birte Widmann. Fleißig knüpft sie zur Zeit an diesem Netz, indem sie persönliche und berufliche Kontakte miteinander verbindet. Hilfreich dabei:  Workshops bei bekannten Theaterpersönlichkeiten wie  Emma Rice. "Hier lernt man wahnsinnig viele Menschen kennen, die alle irgendwie Verbindungen zu anderen Netzwerken haben."

Die deutsche Theaterlandschaft hat Birte Widmann freilich nicht aus den Augen verloren. Beim Aalener Intendanten Tonio Kleinknecht klopfte sie vergangenen Jahres an, um mehr über die Unterschiede zwischen englischen und deutschen Bühnen zu erfahren. Ein Gespräch mit Folgen, hielten doch die Aalener damals schon Ausschau nach einer Schauspielerin mit musikalischen Fähigkeiten. Ab kommendem Sonntag (Premiere) wird Birte Widmann beim Spaziergang durch den Fachsenfelder Schlosspark dabei sein, wenn es heißt: "Verführung ist die wahre Gewalt".

Wieder in der "alten" Heimat zu sein empfindet sie als angenehm, auch im Hinblick auf den möglichen Brexit. Die Stimmung in England sei ziemlich vergiftet, selbst in London. Eine Hiobsbotschaft folge auf die andere, die Menschen würden dadurch völlig verunsichert. "Besonders schwierig ist es für die Compagnien. Deren künftige Europatourneen stehen auf einem wackeligen Fundament, da durch einen radikalen Brexit für die Schauspieler und Musiker unter Umständen die Visa-Frage zum Problem wird. Da habe ich es mit meinem europäischen Pass leichter." Ob sie gegebenenfalls in England bleiben  werde, wisse sie allerdings noch nicht. "Am liebsten wären mir Engagements in beiden Ländern." Noch stehe sie ganz am Anfang. Was die Zukunft bringe, sei offen. "Dennoch habe ich bisher keine Sekunde bereut, diesen Beruf gewählt zu haben. Schauspiel bedeutet für mich, den Menschen einen Spiegel  vorzuhalten. Ich schlüpfe dabei in die verschiedensten Rollen und lerne dabei viel über andere Menschen. Das bereitet Freude und bereichert ungemein - seelisch und geistig!" Ob kleine oder große Rollen tue nichts zur Sache. Von den ganz großen Rollen träumt sie natürlich schon. Mit Ariel ("Der Sturm") oder Puck ("Ein Sommernachtstraum") als Anfang: “ I am that merry wanderer of the night. I jest to Oberon and make him smile.”

Man müsse die Dinge ruhig angehen und seine Zukunft sorgfältig planen, meint Birte Widmann und hält sich dabei an Adalbert von Chamisso: "Die Zeit bringt Rat, sie wird die Sache richten." Bis dahin will sie Rollen übernehmen, die ihr auch Spaß machen. Und sich vielleicht an Hörbuchproduktionen als Sprecherin beteiligen und der "World Performance" auf dem Kontinent auf die Sprünge helfen und und und ...

 

INFO
Zu sehen ist Birte Widmann bei "Verführung ist die wahre Gewalt" (Theater der Stadt Aalen) im Fachsenfelder Schloss  am

09.06. (Premiere, ausverkauft) sowie am  14.; 15.; 21. und 22. Juni.

 

Weitere Termine unter https://www.theateraalen.de/home

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Aalener Kulturjournal