Collegium musicum und Magier Martin Weber

Herbstserenade mit einem Schuss Zauberei  

Draußen wird's trübe, drinnen ist es kuschelig, so die Theorie, vielleicht auch die Inspiration zu diesem Konzert, zur herbstlichen Serenade des Aalener Collegium musicums auf der Kapfenburg.

Die Wirklichkeit erweist sich jedoch ganz anders, denn statt kühlem Herbstwetter regiert an diesem Sonntagnachmittag der Altweibersommer. So steht es eben um die Unberechenbarkeit der Natur. Was indes kein Problem für die Liebhaber  herbstlich gestimmter Musik ist. Ein wunderbares Beispiel dafür ist das von Edith Piaf, später auch von Yves Montand gesungene Chanson "Les feuilles mortes". Vom Liedermacher Wolf Biermann ins Deutsche übersetzt, werden daraus "Welke Blätter", eine Parabel auf die untergehende DDR. Der Herbst in seiner zauberhaften Vieldeutigkeit. ist eben vieldeutig und war es schon immer. Und - um es nicht zu vergessen - 

die Melancholie gehört ebenfalls zur Herbstmusik. Daran hätte ein Rainer Maria Rilkes sicherlich seine Freude.

Herbststimmung, Melancholie, Zauber(ei) - die drei großen Themen des  Collegiums bei dieser Serenade. Der Trude-Rieger-Eipperle ist fast bis auf den letzten Platz ausverkauft. Jede Menge Kinder begleiten Mama und Papa, Oma und Opa. Im Saal wird es ganz still, als die Musiker ihren Platz einnehmen und der neue Dirigent des Collegiums die Bühne betritt. Schwarz gekleidet, Jackett mit Stehkragen. Eine kleine Verbeugung vor dem Publikum, das freundlich applaudiert. Dann hebt sich der Taktstock. Ruhig, sanft, ein leichtes Auf und Ab.  Fließende Figuren mit spielerischem Unterton, ein wenig pizzicato wechselt mit gedämpft sonoren  Klängen ab. So hört sich Herbst an! Zumindest ein von Feen und

Zauberern, von Magie und Eleusinischem besetzter. Henry Purcells  "Suite from the Fairy Queen" liegt auf den Notenständern der Musiker, ein Mix aus der Semi-Opera von 1692, in dem Feen im dämmrigen Wald mit den "Followers of the Night" das Rondeau der Suite tanzen. Wem noch nicht der Groschen gefallen ist, das "Collegium musicum" Purcells "Suite" zur Opera, welche inhaltlich auf Shakespeares "Sommernachtstraum" fußt. Verträumte Melodien in solch  feierlich schönem Timbre, dass der Wunsch keimt, diese Musik möge nimmer enden.

Das Programm sieht freilich mehr vor, schließlich trifft sich das "Collegium musicum" seit 60 Jahren (!) auf Schloss Kapfenburg zum gemeinsamen Musizieren. Damals war die alte Deutschordensburg noch nicht gerichtet, es gab keine Internationale Musikschulakademie und

auch noch nicht den Trude-Eipperle-Rieger-Konzertsaal. Aber es gab schon das "Collegium musicum", dieses kammermusikalische Streicherensemble in dem sowohl interessierte Laien als auch Profi-Musiker phänomenal gut den Bogen schwingen. Wie gut, belegten bereits in der Vergangenheit unzählige Konzerte aufs Beste. Nun also auch bei den "Zauberhaften Saiten" - so der Titel des Herbstprogramms. Martin Weber kommt hierbei eine besondere Rolle zu, denn der aus Aalen stammende Magier zeigt versteht sich auf Geheimnisvolles wie Verblüffendes. Ein Zauberer mit Münz- und Kartentricks bei einem gediegenen Konzert? Die Skepsis ist anfänglich groß, doch sie besitzt nur eine kurze Verfallszeit. Spätestens als Webers Zaubereien nahezu pantomimisch das "Adagio in g-moll" begleiten, löst sich aller Zweifel in

Wohlgefallen auf. Das mag auch an dem Komponisten Remo Giazotto liegen, der eine kuriose Historie bereithält, die er rund um die Entstehungsgeschichte des "Adagios" gebaut hat. Seiner Erzählung nach, bekam er die Komposition auf geheimnisvolle Art und Weise kurz nach dem Krieg von der Dresdner Staatsbibliothek zugesandt. Ein Tomaso Albinoni zugeschriebenes, somit gut 300 Jahre altes Fragment, das er - Meister Giazotto - kompositorisch vervollständigt habe.

Wahrheit oder Mythos? Wie denn auch sei, das Schöne an dem Stück ist nicht nur die akzentuiert mystische Stimmung, sondern auch der Klang einer Orgel, den man längst nicht mehr alle Tage zu hören bekommt. Schon deswegen gebührt dem Collegium, dem Dirigenten und dem Orgelspieler ein ausdrückliches Lob, sorgen sie doch gemeinsam für eine Never-

Ending-Story-gleiche Musik, bei welcher die Musici das elegisch-schwermütige Timbre hervorheben, be- wie verzaubern und begeistern. Apropos zaubern. Martin Weber tauch mit seinen magischen Fähigkeiten immer wieder auf. In guter Nachbarschaft zu Harry Potter. Denn dieser Zauberlehrling taucht im Filmmusik-Medley "The Magic of Harry Potter" auf wie auch in Patrick Doyles "Harry Potter and The Goblet Of Fire". Das Publikum zeigt sich hingerissen von den charmanten Melodien, auch von der Interpretation zweier weiterer Kompositionen (Karl Jenkins, Alexander Skrjabins). Nach gut zwei Stunden Herbstserenade, ist dann tatsächlich Schluss mit "Zauberhaften Saiten". Leider! Man hätte noch stundenlang lauschen können.

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Aalener Kulturjournal