Julia Stemberger zu Gast bei Oberkochens "Dell Arte" 

Aphrodite - Eine Feier der Sinne

In seiner "Kunst des Liebens"  schreibt der Sozialpsychologe Erich Fromm: "Der erste Schritt auf diesem Weg ist, sich klarzumachen, dass Lieben eine Kunst ist, genauso wie Leben eine Kunst ist." Allerdings - wie dem Leben muss manches Mal auch der Liebe nachgeholfen werden, zumal diese nicht immer so will, wie Mann oder Frau es wollen. Was liegt in solch einem Fall näher als auf Altbewährtes zurückzugreifen. In der Antike riet Göttin Aphrodite  zu Alraune, Sauerampfer und Safrankrokus.  Lange her? Von wegen! Im Oberkochener Bürgersaal sicherte sich Julia Stemberger bei der Lesung amouröser Geschichten den Beistand von Isabel Allende,

deren Kochbuch "Aphrodite - eine Feier der Sinne" so famos allen Liebenden unter die Arme greift. Wie sich rasch herausstellte, eine wahre Ode an die Sinnlichkeit, die von der Schauspielerin - zur Thematik passend elegant gekleidet und tief dekolletiert - so betont verführerisch, geistreich und inspirierend serviert wurde. "Mich reuen die Schlankheitsdiäten, mich jammern die köstlichen Gerichte, die ich aus Eitelkeit zurückwies, und ebenso leid tut es mir um die Gelegenheiten der Liebe, die ich vorübergehen ließ. Ich kann die Erotik nicht vom Essen trennen, und ich sehe auch keinen Grund, warum ich es tun sollte", schreibt Isabel Allende.

Ode an die Sinnenfreude

Mit samtweicher Stimmen, bei Bedarf indes auch mal kokett oder gar hämisch, sorgt die Vorleserin für verblüffende Offenbarungen am laufenden Band, denn auf solch ausgefallene Rezepturen zur emotionalen und sonstigen Luststeigerung kann eigentlich nur Isabell Allende kommen. In ihrem nicht nur „kulinarischen Kochbuch“ zeigt sie als Ich-Erzählerin, wie Erotik und Sinneswahrnehmung zusammenhängen, wie köstliche Speisen via Geruch und Geschmack erotische Sinnenfreuden zu beflügeln verstehen und sie so zu entscheidenden Triebfedern menschlichen Handelns und 

Lebens machen. Mit anderen Worten, Stemberger verrät mit Allendes Hilfe so manche Strategie im Umgang mit unterschiedlichsten Liebhabern. Eine zugegebenermaßen deftige Mischung aus Anekdoten und Kochbuch, deren Empfehlungen  - von bizarren  Schlangenblut über das vielversprechende Rhinozeroshorn bis hin zur vertrauten Auster, "dieser verführerischen Träne des Meeres, die sich dazu anbietet, von Mund zu Mund zu gleiten, wie ein ausgedehnter Kuss", wie es Julia Stemberger mit unüberhörbarer Süffisanz so sinnlich schön aus dem Buch zitiert. 

Weder Kolle noch Kamasutra

Doch die ganze Schose hat einen Haken, denn für Frauen gebe es kein Aphrodisiakum, "das etwas nützen könnte ohne die unerlässliche Zutat der Sympathie, die, zur Vollendung gebracht, Liebe ist“, weiß Allende. Von wegen Kolle, Kamasutra und Co. Im Buch geht es nicht um tölpelhafte Eindeutigkeit. Vielmehr erzählt die Autorin geistreich, unterhaltsam und immer mit einem Tüpfelchen Humor von höchst amourösen Abenteuern, das seinen schicksalshaften Lauf mit einem fantasiereiches Essen nimmt. Beispielsweise beim Turteln mit einem schmächtigen Männlein, dessen 

leidenschaftliche Kochkünste ihn zum begehrenswerten Mann werden lässt. oder der Kunstprofessor, der eine Studentin mit barocken Formen beim Nachspielen von  Manets Gemälde „Frühstück im Grünen“ vernaschen möchte, dem allerdings ein wild gewordener Stier den entscheidenden Moment vermasselt. Bei Allende sind Frauen freilich nicht nur passiv, wie die Geschichte des finanzschwachen Fräuleins zeigt, das einen listigen Schnösel mit gefälschten Trüffeln verführt. Sie muss indes schnell erkennen, die Qualitäten des Liebhabers sind ebenso mies wie die echter Trüffel. 

Ein weites Feld

In Anlehnung an Theodor Fontane lässt sich sicherlich feststellen: Erotik ist ein weites Feld. Manchmal bedarf es keines sinnenreichen Festmahls, manchmal genügt eine zart zufällige  Berührungen zweier Hände oder auch nur der Klang des Hohen Cs von Placido Domingo,

Stemberger weiß mit feiner Mimik, vibrierenden Zwischentönen und köstlicher Phrasierung durch den opulenten Text zu führen.

Julia Stemberger liest mit sichtlichem Vergnügen aus Isabell Allendes Geschichten, akzentuiert verborgene Zwischentöne, vermittelt den ihnen innewohnenden Humor mit frech-kokettem Augenaufschlag. Wer solch sich solch großer Themen annimmt, wer Liebe und Erotik in den Mittelpunkt rückt, braucht eine adäquate Begleitung. Julia Stemberger bat das Duo de Salón mit auf die Bühne. Peter Gillmayr (Violine) und Guntram Zauner (Gitarre)  spielten zwischen den Liebesabenteuern Tangos von klassisch über Tango Nuevo bis hin zu modernen Kompositionen. Ihre gefühlvolle Musik,  die ihre melancholisch bis heitere Inspiration aus Isabell Allende Heimat, aus Lateinamerika, bezog.  

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Aalener Kulturjournal