Aalener Theater zeigt E.T.A. Hoffmanns "Der goldne Topf"

Gelungener Mix aus klassischem und multimedialem Theater

(AK) In einer gemeinsamen Regiearbeit brachten Aalens Theaterintendant Tonio Kleinknecht und Marco Kreuzer E.T.A. Hoffmanns Märchennovelle „Der goldene Topf“ in einer gelungenen multimedialen Inszenierung auf die Bühne.

"Am Himmelfahrtstage nachmittags rannte ein junger Mensch in Dresden durchs Schwarze Tor und geradezu in einen Korb mit Äpfeln und Kuchen hinein, die  ein altes Weib feilbot."

Obgleich der junge Student  Anselmus dem Apfelweib seinen kompletten Geldbeutel als Entschädigung überlässt, verflucht sie ihn mit krächzender Stimme: .Ja, renne, renne nur zu, Satanskind, ins Kristall bald dein Fall, ins Kristall."

Mit diesem verhängnisvollen Missgeschick beginnt  am Himmelfahrtstag das in Dresden im 19.Jahrhundert spielende Kunstmärchen "Der goldene Topf", das am 4.Februar des darauffolgenden Jahres endet. E. T. A. Hoffmanns Erzählung trägt den Untertitel "Mährchen aus der neuen Zeit", macht  auf diese Weise gleich zu Beginn deutlich, dass er einen

Zusammenhang herstellen möchte zu seiner Gegenwart. Für den Autor ist sein Märchen „die Basis der Himmelsleiter, auf der man hinaufsteigen will in höhere Regionen, im Leben zu befestigen, so dass jeder nachzusteigen vermag.“

Anselmus  (Manuel Flach), ein junger Mensch "mit kindlichem poetischem Gemüt", dadurch offen für das Wunderbare,  stolpert in die Welt der Imagination. Der eifrige Student, der zu den "schönsten Hoffnungen" berechtigt, dem eine Karriere als "Hofrat" vorausgesagt ist, steht sich jedoch fortwährend durch seine Tollpatschigkeit und Tagträumereien im Weg.

Als er unter einem Holunderbusch  seine Pfeife raucht, vernimmt er ein "sonderbares Rieseln und Rascheln", hört  den Tanz dreier goldgrüner Schlänglein   als "Dreiklang heller Kristallglocken", von denen eine mit dunkelblauen, sehnsüchtigen Blick "glühendes Verlangen" in ihm weckt. Ob er betrunken, wahnsinnig, oder krank sei? ,  fragt er sich, misstraut den eigenen Wahrnehmungen.

Die Welt der Philister und die Welt der Künstler

Auf der ausgeräumten Bühne entfaltet sich das Spiel. Die prosaische Veronika (Mirjam Birkl), Tochter des Konrektors Paulmann (Arwid Klaws), auf der Suche nach einer lukrativen Partie, begleitet von Registrator Heerbrand (Philipp Dürschmied) stehen für die bürgerliche Welt. Der geheimnisvolle Archivarius Lindhorst (Bernd Tauber) und dessen Tochter, die zauberische Schlange Serpentina, repräsentieren die Welt der Poesie. Sie und die Hexe (Diana Wolf) bleiben während der Aufführung in der Sphäre der Phantasie, sichtbar nur als Videoprojektion,  Zwischen beiden Welten steht Anselmus. 

Beide Welten, die des Philisters und die des Künstlers,   sind bei Hoffmann, wie sonst in der Romantik üblich,  nicht voneinander geschieden, sondern berühren sich.

Alles hat einen doppelten Boden. Neben der profanen sichtbaren existiert eine das ganze Leben beeinflussende Welt, die unsichtbare. Das Gespenstische bricht in die Wirklichkeit ein.

"Nicht zu leugnen ist, dass es geheime Kräfte gibt." Die profane Wirklichkeit  verneint deren Existenz,  so    tun  der gravitätische Registrator Heerbrand und Konrektor Paulmann Anselmus´ Erzählungen als Wahn oder Schwulst ab.

Die Inszenierung bindet geschickt das Märchen an unsere Gegenwart an, indem ein Zusammenhang hergestellt wird zwischen der romantischen Vorstellung von Phantasie und Realität mit der heutigen digitalen Welt. Ist doch in der Gegenwart die Gefahr, sich in dieser zu verlieren, für viele nicht gering. Hoffmanns Erzähler (Manuel Flach)  führt folglich als "Influencer on video" durch das Geschehen. Die märchenhafte Welt mit ihren akustischen und optischen Erscheinungen findet auf  drei Kuben als Projektionsflächen statt: Die blauen Augen der Schlange locken und verführen, im "strahlend poliertem Gold" des goldenen Topfes "irrlichtern  "schimmernde Reflexen allerlei Gestalten, "azurblaue Wände und goldbronzene Stämme dicker Palmbäume", eine wundersame üppige Vegetation wogt und webt. Rätselhafte Töne schaffen eine geheimnisvolle wie bedrohliche Atmosphäre.

Ein Jüngling mit poetischem Gemüt

Durch sein "kindliches poetisches Gemüt" ist der aus der Zeit gefallene Märchenheld Anselmus  auserwählt für das   poetische Atlantis an der Seite Serpentinas. Deren Vater ist  in Wirklichkeit ein Salamander, Nachfahre einer Feuerlilie, sie eine Schlange, beide  mythische Wesen, verbannt aus dem sagenumwobenen Atlantis. Der Archivarius sucht für seine Tochter Serpentina einen "Jüngling" mit "poetischem Gemüt", denn der Zauber löst sich nur, wenn es ihm gelingt, diese mit einem ebensolchen Menschensohn zu verheiraten. Ihre Mitgift ist der Glück bringende goldene Topf.

Anselmus soll als Prüfung in der Bibliothek des Archivarius Lindhorst geheimnisvolle  orientalische Schriftrollen, in welchen nach Vorstellung der Romantiker der Ursprung der Poesie ist, kopieren, ohne einen Fehler zu machen. Eine Aufgabe, welche ihn  beglückt und vom Alltag entrückt. Veronika, die bereits als "Frau Hofrätin" umher trippelt, fesselt Anselmus mithilfe "feindlicher Mächte" an sich, da sie fürchtet, ihn an Serpentina zu verlieren.  

Anselmus vergisst Serpentina, der er zuvor ewige Liebe geschworen hat, verspielt  sein "poetisches Gemüt". Öde und leer erscheinen ihm nun Lindhorsts Palastgarten und Bibliothek, die ihn so verzaubert haben. Die Prophezeiung des bösen Apfelweibes wird wahr: Anselmus von Archivarius Lindhorst  "ins Kristall" gesperrt, in das unsichtbare Gefängnis  langweiliger bürgerlicher Zufriedenheit.

Doch Glaube, Liebe und Hoffnung siegen über das Böse. Nachdem Anselmus von Herzen bereut, erhält er Serpentina zur Frau. Zuerst muss aber noch das Böse - der Kampf des Jünglings  mit dem Drachen wird als  Videoanimation eingeblendet - besiegt werden.

Schließlich lebt das junge Paar glücklich  auf Lindhorsts Rittergut im poetischen Reich Atlantis. Während Veronika sich in der Philisterwelt rasch dem hölzernen Registrator Heerbrand zuwendet. Gibt er doch - nun  zum "Hofrat" aufgestiegen -  den passablen Ehemann ab. So geht Veronikas Traum von der "Hofrätin  doch noch in Erfüllung.

 Am Ende verlässt der Erzähler die digitale Welt, erscheint auf der Bühne, um zu gestehen, wie sehr er  den glückseligen Anselmus beneide, da dieser die Bürde des alltäglichen Lebens abgeworfen habe, in Wonne und Freude auf seinem Rittergut lebe.  Er hingegen müsse weiterhin verharren im armseligen Alltag. Das Wunderbare und das  Leben müsse kein Widerspruch sein, klärt ihn Archivarius Lindhorst auf. An ihm liege es, ob er   Zugang fände zum  "Leben  in der Poesie".

Die  multimediale Inszenierung  von E.T.A. Hoffmanns „Goldenem Topf“ ist  unumwunden gesagt ein großer Wurf. Handlungsintensiv wie dramaturgisch dicht gestaltet.  Ein schwieriger Stoff der Romantik wird mit fabelhaften Regie-Einfällen aktualisiert. E.T.A. Hoffmanns abgehoben   wirkende, zugleich ausdrucksstarke  Sprache des  19. Jahrhunderts bleibt zurecht erhalten.

Mit überwältigender Spielfreude brillieren zudem alle Akteure und Akteurinnen  in ihren Rollen, stimmig wie phantasievoll  gekleidet (Birgit Barth).

Ein kleiner Wermutstropfen: Zuschauern, welche die Märchennovelle nicht kennen, dürfte es schwer gefallen sein, sämtliche Zusammenhänge zu entschlüsseln.

E.T.A. Hoffmanns Leben

E. T. A. Hoffmann, der Dichter der Schwarzen Romantik, verstand viel von der menschlichen Psyche. Sein Interesse an deren dunklen Seiten thematisiert er auch im "Goldnen Topf". Nicht zufällig gehörte er zu den Lieblingsautoren Siegmund Freuds.

Die Welt der Romantik ist fasziniert vom Wahnsinn, mit all den unterschiedlichsten Motiven. Novalis erkennt im Wahnsinnigen einen auserwählten Seher mit Zugang zu anderen Dimensionen. Ganz anders indes bei E. T. A. Hoffmann. Seelische Abgründe tun sich in seinen Romanen auf. Nichts  ist eindeutig. Vielmehr vermischen sich Wahnvorstellung und Realität.

E.T.A. Hoffmann ist ein Multitalent: Schriftsteller, Maler, Komponist, Bühnenarchitekt und Regisseur. Einerseits preußischer Beamter und Jurist, andererseits Künstler und Bohémien.

Eigentlich heißt er Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, tauscht aber den preußischen "Wilhelm" gegen "Amadeus" aus, da er den Komponisten Mozart so sehr verehrt.  Geboren wird er am 24. Januar 1776 in Königsberg in unruhigen Zeiten. Er durchlebt die Französische Revolution, deren Folgen für Europa, Napoleons Aufstieg und Untergang.

Von Hause aus ist E.T.A. Hoffmann Jurist wie Goethe, Eichendorff, Heine, Kafka, Tucholsky, Bernhard Schlink oder Ferdinand von Schirach in der Gegenwart. E.T.A. Hoffmann, als Jurist ebenso versiert, bringt es bis zum preußischen Kammergerichtsrat in Berlin, gerät als Jurist mit Zivilcourage im Zuge der Demagogenverfolgung in unmittelbare Konfrontation mit einigen seiner Vorgesetzten, vor allem bei den Ermittlungen gegen den wegen Hochverrats angeklagten Turnvater Jahn.

E.T.A. Hoffmann musiziert, komponiert, zeichnet. Alles auf höchstem Niveau. Er schreibt meisterliche Novellen, Romane, Märchen, ist zu Lebzeiten bereits ein erfolgreicher Schriftsteller, wird in Frankreich, Russland, in den Vereinigten Staaten, in England gefeiert. Einen großen Einfluss übt er auf die Autoren des 19. Jahrhunderts aus, auf Balzac, Baudelaire, Puschkin, Dostojewski und Kafka. In Deutschland mag man ihn jedoch nicht besonders. Rahel Varnhagen nennt seine Texte "krankhaft", Sir Walter Scott behauptet, seine Werk sei die Frucht eines übermäßigen Opiumgebrauchs. Goethe stimmt dem zu. Viele Zeitgenossen glauben, dass Werk und Hoffmanns Biographie deckungsgleich seien. 1822 stirbt E.T.A. Hoffmann im Alter von nur 46 Jahren.

Seine Zeitgenossen nennen ihn den "Gespenster Hoffmann". Heine urteilt: "Seine Werke sind nichts anderes als ein entsetzlicher Angstschrei." Und: "Hoffmann war als Dichter viel bedeutender als Novalis. Denn letzterer, mit seinen idealistischen Gebilden, schwebte immer in der blauen Luft, während Hoffmann mit all seinen bizarren Fratzen, sich doch immer an die irdische Realität klammert. Wie aber der Riese Antäus unbezwinglich stark blieb, wenn er mit dem Fuß die Mutter Erde berührte, und seine Kraft verlor, sobald ihn Herkules in die Höhe hob, so ist auch der Dichter stark  und gewaltig, solange er den Boden der Wirklichkeit nicht verläßt … " In E.T.A. Hoffmanns Märchen "Der goldene Topf", in den Erzählungen "Der Sandmann", "Ritter Gluck" lauert der Wahnsinn. Was ist Phantasie? Was Realität? Was Wahnsinn? Nichts ist sicher.

Die Schwarze Romantik, eine literarische Unterströmung am Ende des 18. Jahrhunderts, thematisiert die Gefährdung des Menschen durch das Böse. Wie auch die romantisch übersteigerte Subjektivität zum Wahnsinn führen kann. Der Dichter E.T.A. Hoffmann zeigt die dunklen Seiten des Menschen immer wieder in seinen Werken, die im städtischen Raum angesiedelt sind. Phantastisches und Unheimliches verschmelzen.

Nicht ohne Grund schätzt Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, E. T. A. Hoffmann sehr. Innere Fantasiewelten verschmelzen bei Hoffmann mit dem Profanen. Neben dem Sichtbaren  existiert das Unsichtbare, welches das menschliche Leben beeinflusst.

Hoffmann leidet an den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit, was sich in seiner Dichtung spiegelt. „Er behielt bei allem Hang zur Ungebundenheit und der Lust am Abenteuerlichen, bei heftigem Abscheu gegen das Regelmäßige und Pedantische doch die Kraft, sich in die bürgerliche Ordnung zu schicken, der er hinter dem Rücken Grimassen schnitt. Obwohl ihm die Rechtswissenschaft, sein eigentlicher Beruf, zuwider war, stand er seinen Mann darin; was so selbstverständlich erscheint und was die meisten Romantiker doch nicht konnten, brachte er fertig: das als notwendig Erkannte zu tun",  charakterisiert Ricarda Huch ihn  treffend.

Seine Protagonisten sind feinfühlige, versponnene Einzelgänger, die an der Banalität des Alltags zerbrechen. Hoffmann sucht nicht wie die Romantiker nach der Blauen Blume, obwohl in seinem Werk die romantische Phantastik, die ganzen romantischen Requisiten nicht wegzudenken sind.

Während aber ein Novalis sich von der Realität abwendet, um in die Poesie zu fliehen, das katholische Mittelalter verklärt, ist bei E. T. A. Hoffmann die Realität zweigeteilt.  Hier die platte Wirklichkeit der Philister, in welcher ein  empfindsamer Mensch sich einsam fühlt, dort das Leben in der Poesie, das der Künstler sich selbst erschaffen muss. „Es gab für ihn, der sich nicht eins in sich fühlte, in Wirklichkeit zwei Welten, und diese Doppelgängern, diese Bürgerschaft in zwei ganz verschiedenen Reichen, bildet den poetisch-philosophischen Grundgedanken der meisten seiner Schriften“, erläutert Ricarda Huch. Eine zeitlose Erfahrung! Der Gegensatz zwischen Kunst und Philistertum lässt sich nur in der Kunst aufheben.

 

Fotos: Marco Kreuzer, P. Schlipf, kul

 

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