Eine Romanze für das  Kammermusikforum in Baden-Württemberg

Die schöne Magelone

Diese Geschichte glaubt man zu kennen. Eine Rittersaga um Liebe und Leidenschaft. Eine überaus romantische Liebesgeschichte, spannend und dramatisch. Vielleicht lauschte in der Galerie des Fachsenfelder Schlosses deshalb ein so zahlreiches Publikum dem "Abenteuer" des Grafen Peter und der neapolitanischen Königstochter Magelone. Für all jene, die mehr darüber wissen wollen: "Die schöne Magelone" - so der Titel - ist eine alte provenzalische Liebesgeschichte aus dem 15. Jahrhundert, literarisch im 19. Jahrhundert von Ludwig Tieck bearbeitet. 

Mit ihr hat sich das Kammermusikforum in Baden-Württemberg etwas ganz besonderes einfallen lassen, steht doch das Märchen mit Johannes Brahms "Fünfzehn Romanzen" in unmittelbarer Beziehung, im Fachsenfelder Schloss zusätzlich noch mit einem eigenwilligen Schattenspiel unterlegt. 

Sprache, Musik, Bild - eigentlich eine treffliche Kombination, die indes bei der Matinee nicht recht gelingt, denn Anika Herzbergs und Sarah Wissners Schattenbilder, welche eine zusätzliche Interpretationsebene sein sollten, bleiben häufig ein Rätsel.  Glücklicherweise hilft SWR2-Moderator Rudolf Guckelsberger beim Entschlüsseln. Bei dieser sonntäglichen Matinee ist er der in sich ruhende Vorleser, der den roten Faden durch die Liebesgeschichte spannt. In ihr erfährt Graf Peter gleich zu Beginn, dass seine Angebetete einem anderen versprochen ist. Sie fliehen, doch Peter gerät in die Fänge von Orientalen.

 

Hochromantik im besten Sinne

Ludwig Tieck, der "König der Romantik", wie er von Friedrich Hebbel genannt wird, schöpft aus der französischen  Quelle, passt die Geschichte seiner Zeit an, formt daraus die bedeutendste Bearbeitung des Erzählstoffes. Johannes Brahms greift dies auf, um einen Liedzyklus zu komponieren, der vom Geist der Hochromantik durchdrungen ist. Sein überzeugender Kunstgriff: Er verzichtet auf eine Abfolge von Strophen,  setzt dafür musikalisch die 15 Romanzen in lyrische Stimmungsbilder, um ausdrucksvoll die Figuren der Geschichte zu charakterisieren, die Handlung zu umschreiben. Mit dem Aalener Andreas Beinhauer steht ein stimmkräftiger Bariton bereit, der dem Publikum durch verschiedene Konzerte bekannt ist. Zuletzt brillierte er in der Villa Stützel mit Schuberts "Winterreise". Im Wechsel mit Guckelsberger Rezitationen singt er im Fachsenfelder Schloss bemerkenswert die Brahmschen Lieder. 

Angemerkt werden darf: Komponist Brahms fügte die Gesänge von Liebe, Sehnsucht und Erfüllung erst im Nachhinein ein, da ihm zunächst die Melodie wichtiger schien. Aber mit Hilfe der Texte konnte er nochmals die musikalischen Stimmungsbilder verstärken. Das Publikum hört es wohl, denn das Tiecksche Märchen gleicht inhaltlich in seinem stetigen  Auf und Ab einer emotionalen Achterbahn. Für Johannes Brahms eine erfreuliche Angelegenheit, kann er doch so für seine Liederzyklus auf alle ihm zur Verfügung stehenden Genres zurückgreifen:  vom Wiegenlied über Rhapsodie bis zum Choral.

Eine wahre Herausforderung für Markus Hadulla am Flügel, muss er doch der Handlung und Beinhauers Gesang entsprechend mit dramatischen Melodien ebenso überzeugen wie mit zahllosen romantischen und melancholischen. Teils in weit gespannten Melodiebögen, bei denen er nicht nur als Pianist glänzt, sondern eben auch als Klavierbegleiter. 

Romantik pur beim Tête-à-Tête  

Andreas Beinhauer steht hingegen vor ganz anderen Herausforderungen, denn die Akustik in der Schlossgalerie erweist sich als heikel, was den Zuhörer in den hinteren Reihen des "Schlauchs" Schwierigkeiten beim Textverständnis bereitet. Dem vom Schöngesang ausgehenden recht unterschiedlichen Stimmungen und Klangfarben tut dies glücklicherweise keinen Abbruch. 

"Liebe kam aus fernen Landen" - Ein Lied, das Beinhauers gesanglichem Können Raum für vielgestaltigen Ausdruck gibt, während Guckelsberger mit seiner Rezitation verdeutlicht, wie

gerührt Magelone von dieser Hymne ist, die beider Tête-à-Tête  einleitet.

Obwohl fast ein halbes Jahrhundert zwischen Tieck und Brahms liegt, finden sie eine gemeinsame Basis, um die  mittelalterliche Liebesgeschichte stimmig zu deuten beziehungsweise in hochromantische Noten zu setzen, wobei der Klaviersatz oftmals orchestrale Wege geht. Das gibt insbesondere den dramatischen Ereignissen einen effektvollen Unterton, beispielsweise wenn Peter in seinem Kahn aufs offene Meer hinausgetrieben wird: "So tönet denn, schäumende Wellen!" 

Liebe und ein Happy End

Sowohl im ruhigen ersten wie im nachfolgenden lebhafteren zweiten Teil des Zyklus wird deutlich, wie stimmig sich Vorleser und Bariton ergänzen, wobei das eine nicht auf das andere verzichten kann, so man die Abenteuer des Liebespaares im Zusammenhang verstehen will. Erneut verstärken Gesang und Klavier zugleich die Gefühlswallungen der Liebenden, die Tieck wortreich umschreibt.

Dem Zeitgeist geschuldet ist vermutlich die immer wieder auffallende Nähe zur Musik 

Schuberts. Besonders die Strophe "Wie schnell verschwindet so Licht als Glanz" erinnert in Beinhauers Interpretation des "Wanderers" aus der "Winterreise".

Wie es sich für eine dichterische Romanze des 19. Jahrhunderts gehört, endet die schicksalhafte Liebe von Peter und der schönen Magelone als Happy-End: Nach langer Irrfahrt finden sich die Liebenden wieder. Und Andreas Beinhauer darf für beide das rührende Schlusslied anstimmen: "Treue Liebe dauert lange". 

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Aalener Kulturjournal