Ausstellungseröffnung am 28.9.2017 im Landratsamt in Aalen 

Dr. Alfred Geisel: Der Kommunismus in seinem Zeitalter 

Diese Ausstellung bildet die Fortsetzung ähnlicher Veranstaltungen, die die überparteiliche Vereinigung "Gegen Vergessen - Für Demokratie" seit etlichen Jahren in Zusammenarbeit mit dem Landratsamt des Ostalbkreises durchführt. Im Namen dieser Vereinigung, für die zu sprechen ich die
Ehre habe, möchte ich für diese jahrelange gute und reibungslose Zusammenarbeit
sehr herzlich danken. Die stete Bereitschaft und die Aufgeschlossenheit gerade von
Ihnen, lieber Herr Landrat Pavel, zur Durchführung solcher Veranstaltungen weiß ich
sehr zu schätzen und ich danke Ihnen dafür. Und in diesen Dank schließe ich auch
Ihre Mitarbeiterin Frau Mangold ein, mit der zusammen zu arbeiten mir eine Freude
war.

Wenn ich eingangs von einer außergewöhnlichen Ausstellung gesprochen habe, so
deshalb, weil sie sich von vergleichbaren früheren Veranstaltungen deutlich
unterscheidet. Standen bisher vor allem Themen im Vordergrund, die sich mit der
jüngsten deutschen Geschichte und der Zweistaatlichkeit des nach dem letzten
Weltkrieg bis 1989 geteilten Deutschlands befasst haben - genannt seien die
Ausstellungen "Die Mauer - eine Grenze durch Deutschland" im Jahre 2011, "Der
Volksaufstand vom 17. Juni 1953" anno 2013 und die Ausstellung "Der Weg zur
deutschen Einheit" im Jahre 2015 - so hat die heute zu eröffnende Ausstellung einen
betont internationalen Charakter, beschäftigt sie sich doch mit einer politisch und
gesellschaftlichen Ideologie und deren Auswirkungen, die im Laufe der letzten 100
Jahre weite Teile unseres Erdballs erfasst und so zu grundstürzenden Veränderungen

des Weltgeschehens beigetragen haben. Zu Recht wird deshalb in dieser Ausstellung
davon gesprochen, sie sei zur größten und tiefgreifendsten Massenbewegung des 20.
Jahrhunderts unserer Zeitrechnung geworden.

 

Gleichwohl mag die Frage gestellt werden, ob heute im Jahre 2017 eine solche
Ausstellung noch ihre Berechtigung hat. Hat doch die Ideologie des Kommunismus
in ihren poltischen und gesellschaftlichen Auswirkungen ein Übermaß an Gewalt,
Leid, Elend und Tod über viele Millionen von Menschen innerhalb und außerhalb
ihres Machtbereiches gebracht. Soll deshalb in dieser Form daran erinnert und
gedacht werden? Ist angesichts des Zusammenbruchs der kommunistischen
Führungsnacht der Sowjetunion und ihrer europäischen Satelliten in den Jahren nach
1989 eine Erinnerung daran überhaupt noch angebracht und begründet? Gibt es nicht wichtigere und aktuellere Themen in der sog. postkommunistischen Zeit, die im

Rahmen einer Ausstellung einer Diskussion und Aufarbeitung bedürften?

Mir persönlich schiene eine solche Betrachtungsweise allein schon deshalb zu kurz
gedacht, weil nur die sachlich-kritische Auseinandersetzung mit geschichtlichen
Epochen - und mögen diese noch so dunkel und persönlich bedrückend sein - den
Blick für die politischen und gesellschaftlichen Ursachen und Zusammenhänge dieses
Zeitabschnitts in der Geschichte zu öffnen vermag und so auch zum "Lehrmeister"
für die Gestaltung der Zukunft werden kann.

In den 25 Tafeln dieser Ausstellung mit ihren über 200 zeithistorischen Photos und
Dokumenten, konzipiert und zusammengestellt von dem Publizisten und
freiberuflichen Historiker Gerd Koenen und vom deutschen Historischen Museum
wissenschaftlich begleitet, wird in vielfältiger Weise diesem Fragenkomplex
nachgespürt. Interessant ist insoweit die Tatsache, dass der erwähnte Autor Gerd
Koenen, 1944 geboren, sich während seines Studiums an der Universität Tübingen
sehr eingehend mit den Theorien und Thesen von Karl Marx auseinandergesetzt hat.
Er ist auch nach der Erschießung des damaligen Studentenführers Benno Ohnesorg
anlässlich der Demonstrationen, die sich im Juni 1967 in Berlin gegen den Besuch
des damaligen iranischen Schah Resa Pahlawi richtete, dem Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW) beigetreten und hat über Jahre hinweg deren
Mitteilungsblatt redigiert. Die Beschäftigung mit der polnischen Solidarnosc-
Bewegung in der ersten Hälfte der 80iger Jahre hat Koenen freilich vom
Kommunismus desillusioniert und zu bisweilen äusserst kritischen Bewertungen der
Auswirkungen kommunistischer Politik in Theorie und Praxis geführt. Sie werden
dies unschwer beim Studium der einzelnen Ausstellungstafeln feststellen können.

 

Ich selbst sehe meine Aufgabe im Rahmen dieser Eröffnungsveranstaltung nicht
vorrangig darin, die jeweiligen Tafeln im einzelnen darzustellen und zu erläutern. Ich
will vielmehr den Versuch wagen, den Ursachen der kommunistischen Ideologie
nachzuspüren und bei ihren realen Auswirkungen über die dargestellten Fakten
hinaus auch Facetten ansprechen, die in der Ausstellung nicht oder nur kursorisch
behandelt werden. In einer Schlussbetrachtung will ich auch einige persönliche
Überlegungen formulieren, die sich mit der These befassen, die kommunistische Idee
könne durch den Zusammenbruch der Sowjetunion als Führungsnacht des
sogenannten "Sozialistischen Lagers" für tot erklärt werden. 

Die Erfindung der Dampfmaschine durch den Schotten James Watt am Ende des 18.
Jahrhunderts und die darauf fußende erste technische Revolution der Neuzeit - kurz
mit dem Begriff Maschinenzeitalter umschrieben - hat nicht nur zu umwälzenden
Veränderungen der Produktionsmöglichkeiten, sondern in deren Gefolge auch zu
entsprechenden gesellschaftlichen Verwerfungen geführt. Neuartige Fabrikanlagen
schossen aus dem Boden, in denen zunehmend Menschen - Kinder und Greise
eingeschlossen - unter unerträglichen und der Menschenwürde Hohn sprechenden
Umständen nahezu rund um die Uhr schuften mussten. Die Geburtsstunde des
profitorientierten Frühkapitalismus auf der einen Seite und des sog. 4. Standes, des
Proletariats, war gekommen. Dass diese unerträglichen Zustände Reaktionen der
verschiedensten Art auslösen mussten, war geradezu zwangsläufig. Erwähnt seien
insoweit nur zwei Reaktionen auf kirchlicher und auf weltlicher Ebene: Da gab es die Bestrebungen des katholischen Priesters Adolf Kolping, der als sogenannter
"Gesellenvater" in den 80ger Jahren des 19. Jahrhunderts in seinem beschränkten
Einzugsbereich die soziale Not der Menschen zu lindern versuchte. Auf evangelischer
Seite war dies der Theologe Johann Hinrich Wichern, der in seinem Rauen Haus in
Hamburg Vergleichbares ins Werk zu setzten versuchte. Auf weltlicher Seite
entstanden nach und nach eine Vielzahl von Arbeitervereinen, die als Vorläufer der
späteren Gewerkschaftsbewegung mit zunehmend radikaler werdenden Protesten bis
hin zu zeitweisen Arbeitsniederlegungen für eine Verbesserung der
himmelschreienden sozialen Zustände kämpften. Das geistige Rüstzeug für diese
Zuspitzung der gesellschaftlichen Situation lieferten schließlich der 1819 in Trier
geborene Journalist und Gesellschaftskritiker Karl Marx und der 1820 in Barmen,

geborene Philosoph und Historiker Friedrich Engels. In ihrem "Kommunistischen
Manifest", das 1848 in London erschienen war und das Karl Marx Jahre später in
seinem philosophisch-theoretischen Hauptwerk "Das Kapital" untermauerte, legten
Marx und Engels die geistigen Grundlagen für eine in ihren Augen zwangsläufige
kommunistische Revolution. Ausgehend von der These, dass die Machtübernahme
durch das Proletariat nur eine Frage der Zeit sei, entwickelten sie die Vision von der
allmählichen Überwindung der Klassenunterschiede, an deren Ende die Beseitigung
aller staatlichen Institutionen und die Herrschaft einer internationalen klassenlosen
Gesellschaft stehen sollte. So endet etwa das "Kommunistische Manifest" mit dem
visionären Aufruf "Proletarier aller Länder vereinigt Euch!"

Die diesem Manifest folgenden jahrzehntelangen Diskussionen innerhalb der
Arbeiterbewegung haben gerade auch in Deutschland zu heftigen
Auseinandersetzungen geführt. Es wäre reizvoll, sie hier im einzelnen darzustellen.
Dies würde freilich den Rahmen dieses Einführungsvortrages bei weitem sprengen.
In einem besonderen Zusammenhang werde ich darauf später allerdings noch kurz
eingehen.

Zu einem ersten Erfolg versprechenden Versuch, diese kommunistischen Visionen
und Absichten in die politische Wirklichkeit umzusetzen, hat es nach dem Scheitern der Pariser Kommune während des deutsch - französischen Krieges der Jahre
1870/1871 allerdings bis zur sog. russischen Oktoberrevolution vom 25. Oktober
1917 gedauert. Die letztendliche Erstürmung des sogenannten Winterpalais in Sankt
Petersburg - einst Sitz der russischen Zaren - durch die Bolschewiken, dem radikalen
Flügel der russischen Kommunisten, fand darin ihren sichtbaren Ausdruck. Anführer
der Bolschewiken war Iljitsch Wladimir Lenin, der wenige Monate zuvor in einem
verplombten Eisenbahnzug aus der Schweiz quer durch Deutschland nach Russland
zurückgekehrt war,

Dieser Sieg der radikalen Bolschewiken gerade im noch weitgehend agrarisch
strukturierten Russland ist in meinen Augen ein bemerkenswertes Phänomen. Von der
ökonomischen und gesellschaftlichen Lage aus betrachtet, hätte es eigentlich näher
gelegen, eine solche proletarische Revolution in einem Land zu erwarten, in dem das
Maschinenzeitalter mit seinen sozialen Verwerfungen weit ausgeprägter war als dies
im damaligen Russland der Fall war. Ich denke insoweit etwa an England, aber auch
an Deutschland. Meines Erachtens lässt sich dieses Phänomen nur mit zwei Fakten
begründen: Dies sind zum einen die katastrophalen Folgen des 1. Weltkrieges für die
russische Bevölkerung, die von zunehmender Armut, von Hungersnöten und
gewaltsamen Auseinandersetzungen russischer Bauern mit dem Adel und den
Großgrundbesitzern, aber auch von allgemeiner Kriegsmüdigkeit geprägt waren. Zum
andern war das zutiefst verkrustete Regierungssystem des im Volk verhassten Zaren
Nikolaus II derart ausgeprägt, dass er gegen seinen erklärten Willen gezwungen war,
im Sommer 1917 auf seine Regentschaft zu verzichten. Letztendlich endete die
Romanow-Dynastie durch die grausame Ermordung der Zarenfamilie im Juli 1918 an
ihrem Verbannungsort Jekaterinburg am Ural durch die Bolschewiken.

 

Die weitere internationale und innerparteiliche Entwicklung des Kommunismus ist in
der Folge maßgebend von den Nachkriegsereignissen der Jahre 1918 -1923 geprägt
worden. Dieser Epoche der jüngeren Geschichte wird nach meinem Eindruck zu
wenig Aufmerksamkeit geschenkt, war sie doch in Russland und in weiten Teilen
Europas von nationalen Aufständen, Bürgerkriegen und dem teilweisen Verfall staatlicher Institutionen geprägt. Ich erwähne hier nur beispielhaft die politischen
Erschütterungen in den nach dem 1. Weltkrieg durch den Zerfall des osmanischen
Reiches und der Doppelmonarchie Österreich/Ungarn selbstständig gewordenen
Balkanstaaten, in Ungarn, Bulgarien und Rumänien, an deren Folgen oft mehr
Menschen ums Leben gekommen sind, als dies während des vorangegangenen
Weltkrieges der Fall war. In diesem Zusammenhang verdient die Entwicklung in
Russland einer besonderen Beachtung. Sie war in den Jahren 1918 bis 1923 von
verschiedenen rasch eskalierenden kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen
Lenins bolschewistischer Regierungsarmee und ihren vielen konterrevolutionären
Gegnern, den Bestrebungen diverser westlicher Grenzregionen nach staatlicher
Unabhängigkeit, von Hungersnöten und von Bauernaufständen geprägt. Es muss
erschüttern, dass in dieser Zeit weit mehr als 3 Millionen Menschen im
kommunistischen Russland ihr Leben verloren haben. Hinzu kamen die von
Machtgier, Misstrauen, ja persönlichem Hass erfüllten Auseinandersetzungen
innerhalb der kommunistischen Partei der Bolschewiken, in die in besonderer Weise
Lenin, Maxim Gorki und nach Lenins Tod im Jahre 1924 Josef Stalin verstrickt
waren. Die politischen Säuberungen, die Verbannung und kaltblütige Liquidierung
politischer Gegenspieler wurde vor allem nach der Machtübernahme durch Stalin
nahezu zur Regel und machten Russland nach 1927 zu einer menschenverachtenden
Diktatur. Stalin war es vor allem, der die Vision einer klassenlosen Gesellschaft und
den Wegfall staatlicher Autoritäten ins glatte Gegenteil verkehrte. Die raue
Wirklichkeit der Sowjetunion hatte mit den Visionen des Kommunistischen
Manifestes nichts mehr zu tun. Weitere Einzelheiten dieser Entwicklung sehen Sie
v.a. auf den Tafeln 3, 5 und 6 dieser Ausstellung dokumentiert.

Der Schlachtruf "Proletarier aller Länder vereinigt Euch" wurde von den
Bannerträgern der kommunistischen Ideologie auch als Aufruf zur Weltrevolution
verstanden. So waren die Bolschewisten bei den erwähnten Wirren der Bürgerkriege
und Aufstände in den Balkanstaaten sichtlich bemüht, auch dort Umstürze nach dem
Vorbild der Sowjetunion zu inszenieren, strebte doch Lenin mit der Gründung der
Kommunistischen Internationale im Jahre 1919 den Gedanken einer weltumspannenden Revolution ins Werk zu setzen. Tatsächlich erlangten in den
erwähnten Gebieten zeitweise kommunistische Gruppierungen die Macht.
Letztendlich gelang es vor allem nationalistischen und rechtsgerichteten
Gegenbewegungen aber, die Machtverhältnisse wieder zu ihren Gunsten zu
verändern. Ich finde es bedauerlich, dass diese historischen Entwicklungen, die
manche Entwicklungen von heute in den Balkanstaaten verständlicher machen, in
der Ausstellung keinen Niederschlag gefunden haben. Bemerkenswert ist insoweit
auch, dass der Gedanke einer kommunistischen Weltrevolution gegen Ende der
20iger Jahre deshalb in den Hintergrund trat, da Stalin neben einer verstärkten
Industrialisierung der Sowjetunion vor allem die Absicht seiner Machterhaltung als
"gottgleicher Weltenschöpfer" im Riesenreich der UdSSR im Auge hatte.

 

Gestatten Sie, dass ich nachfolgend kurz auch auf die Verhältnisse in Deutschland
unmittelbar nach Ende des 1, Weltkrieges eingehe, da sich insoweit entsprechende
Hinweise in der Ausstellung leider nicht finden. Auch hier gab es Ansätze einer
kommunistischen Machtübernahme. Erwähnt werden muss insoweit zum einen der
sog. Spartakus-Aufstand im Januar 1919 in Berlin, der zu Generalstreiks und
bewaffneten Kämpfen zwischen der kommissarischen Reichsregierung unter den
Sozialdemokraten Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann auf der einen Seite und
rebellierenden Gruppen der Linkssozialisten mit dem Ziel der Einführung einer
Räterepublik auf der anderen Seite führten. Überdies muss an den Versuch der
Umwandlung des Freistaates Bayern mit gleicher Zielsetzung unter dem
Linkssozialisten Kurt Eisner im Frühjahr 1919 erinnert werden. Beide Aufstände sind
damals durch die Reichsregierung mit Hilfe des Militärs und auch rechtsgerichteter
Freikorps niedergeschlagen worden - im Falle des Spartakus-Aufstandes durch die
Ermordung ihrer Anführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Es kann und darf
nicht verschwiegen werden, dass sich die sozialdemokratische Führung durch die Art
der Niederschlagung, die in der Sache sicherlich notwendig war, wahrlich nicht mit
Ruhm bekleckert hat. Andererseits muss aber auch betont werden, dass sich die
Mehrheits-SPD in den damaligen heftigen innerparteilichen Auseinandersetzungen stets für eine auf den Grundsätzen der parlamentarischen Demokratie beruhenden
Ordnung der jungen Republik und gegen eine linksradikale Räterepublik
ausgesprochen hat. Wenn gerade die Arbeiterschaft in Deutschland in der Weimarer
Republik in ihrer großen Mehrheit den Verlockungen der kommunistischen Ideologie
widerstanden hat, so ist dies ganz maßgebend auf diese konsequente Haltung der SPD
zurück zu führen. Haben Sie bitte Verständnis, dass ich dies an dieser Stelle
besonders betont habe, war doch für mich diese Tatsache ein ganz entscheidender
Punkt, vor mehr als 50 Jahren Mitglied dieser Partei zu werden.

Lassen Sie mich am Ende des ersten Kapitels meines Vortages noch auf ein
historisches Phänomen hinweisen, das in meinen Augen besondere Beachtung
verdient. Ich meine damit die verblüffenden Ähnlichkeiten und die ideologische Verwandtschaft der Diktaturen des stalinistischen Kommunismus in Russland und des
Nationalsozialismus in Deutschland. Dies zeigt sich etwa in dem gewaltsamen
Bestreben beider Diktaturen, nicht nur das Gesellschaftssystem als solches, sondern
auch das einzelne Individuum in totalitärer Weise umzugestalten. Diese Deformation
des einzelnen Menschen, seine totale Unterwerfung unter die Vorgaben der jeweils
herrschenden Partei - für den Kommunismus dargestellt in den Tafeln 16 - 20 der
Ausstellung - beraubt das Individuum nicht nur jeglicher persönlicher
Freiheitsrechte, sondern stellt eine totale Abkehr vom überkommenen
abendländischen Menschenbild humanitärer und christlicher Prägung dar. Diese nur
in Stichworten angedeutete ideologische Verwandtschaft beider Diktaturen war bei
aller äußerer Gegnerschaft möglicherweise der Schlüssel für den alle Welt
überraschenden Nichtangriffspakt zwischen der UdSSR und Hitlerdeutschland kurz
vor dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939, sicherte er doch
Nazideutschland freie Hand für den längst geplanten Angriffskrieg und der
kommunistischen Sowjetunion die weitere Industrialisierung und die
Geltendmachung umstrittener Gebietsansprüche zur Ausdehnung ihres
Machtbereiches zu. Leider bleibt dieses Faktum in der Ausstellung unerwähnt.

 

 

Lassen Sie mich in einem weiteren Abschnitt auf die Entwicklung der
kommunistischen Ideologie und deren Verbreitung nach dem 2. Weltkrieg eingehen.
Wir wir alle wissen, hat dieser Krieg mit seinem über 50 Millionen Toten weltweit
grundstürzende Veränderungen mit sich gebracht. Der Sieg der Kriegskoalition von
Großbritannien, den USA und der Sowjetunion hat nahezu ganz Ost- und
Südosteuropa zu Einflusszonen der kommunistischen UdSSR werden lassen. Selbst
Griechenland ist in den jahrzehntelangen Nachkriegswirren zeitweise unter
kommunistischer Führung gestanden. Die durch den" vaterländischen Krieg"
innerlich gestärkte Sowjetmacht hat entscheidend dazu beigetragen, dass die
kommunistische Ideologie, die durch Lenin und v.a. Stalin radikalisiert worden ist,
sich in einer Art 2. Welle neben den erwähnten europäischen Gebieten in weiten
Teilen Asiens, Mittelamerikas und auch in Afrika breit gemacht hat. Ich darf insoweit
auf die Tafeln 12-14 verweisen. Der Machtantritt der Kommunisten in China im Jahre
1949 und die Umwandlung dieses Riesenreiches mit einer Bevölkerungszahl von
weit mehr als 1 Milliarde Menschen in eine straff organisierte kommunistische
Diktatur unter Mao Tse-tung sowie der Sieg der Kommunisten in Nordkorea, in
Nordvietnam und in Teilen des asiatischen Subkontinents haben die politische
Landschaft Asiens grundlegend verändert. Und die linkssozialistische Revolution
Fidel Castros auf Kuba Anfang der 60iger Jahre hat auch in der westlichen
Hemisphäre einen neuen kommunistischen Stützpunkt geschaffen. Diese neuerlichen weltumspannenden Veränderungen der politischen und
gesellschaftlichen Verhältnisse mussten zwangsläufig zu Spannungen mit politisch
anders orientierten Staaten führen. Eine enorme - auch atomare - Aufrüstungsspirale
und die wachsende Gefahr großer kriegerischer Auseinandersetzungen waren die
Folge. Die Epoche des Kalten Krieges war geboren. Erwähnt seien insoweit nur
beispielhaft der Mauerbau quer durch Deutschland, die gewaltsame Niederschlagung
der Freiheitsbewegungen in Osteuropa oder die gefährliche Kuba-Krise des Jahres
1963, als die Sowjetunion im Begriff war, Atomwaffen vor den Toren der USA zu

stationieren. Aus heutiger Sicht zählt es - wie ich meine - zu den glücklichen
Fügungen der Weltgeschichte, dass aus dem sog. Kalten Krieg kein heißer Krieg
geworden ist. Die bedrohlichen Spannungen haben gleichwohl bis zum letzten
Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts angehalten.

Gestatten Sie mir, an dieser Stelle auf ein in meinen Augen bemerkenswertes
Phänomen hinzuweisen, das auf Tafel 10 der Ausstellung kurz angerissen wird. Ich
meine die geradezu emphatische und begeisterte Bewunderung der kommunistischen
Ideologie durch Intellektuelle und durch Künstler auch in Zeiten, als deren
menschenverachtende Fratzen bereits sichtbar geworden waren. Die nachfolgende
Namensliste solcher Persönlichkeiten aus dem deutschsprachigen Bereich kann
keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit erheben: Der Philosoph Ernst Bloch, die
Geisteswissenschaftler Theodor Adorno, Jürgen Habermas und Erich Fromm als
Vertreter der sog. Frankfurter Schule, der Soziologe Herbert Marcuse, die Dichter
und Theaterleute Berthold Brecht und Johannes R. Becher, die Maler Otto Dix und
George Grosz, die Komponisten Victor Ullmann und Erich Schulhoff. Zwar haben
sich eine ganze Reihe dieser Vertreter aus Wissenschaft und Kunst im Laufe ihres
Lebens angesichts politischer und gesellschaftlicher Exzesse wieder vom
Kommunismus abgewandt - Ernst Bloch und Herbert Marcuse etwa nach dem
Volksaufstand in Ungarn im Jahre 1956 -; gleichwohl wirft die Affinität dieser
Geistesgrößen zur kommunistischen Ideologie auch heute noch viele Fragen auf.
Ohne sie selbst beantworten zu können, scheint mir ein Moment wichtig zu sein: Die
Hoffnung auf die letztendliche Verwirklichung einer alle Menschen umfassenden
Überwindung der Klassenunterschiede ohne staatlichen und ökonomischen Zwang
und damit die Befreiung vom Kapitalismus mit all seinen Zwängen und Begierden.

 

 

Als im November 1989 in Berlin die Mauer fiel und damit den Zerfall des von der
Sowjetunion beherrschten Ostblocks und wenig später auch der kommunistisch-
leninistischen UdSSR selbst einleitete, trat eine neue Wende in der geschichtlichen
Entwicklung ein, die wenige Jahre zuvor kaum jemand für möglich gehalten hätte.

Aus heutiger Sicht ist allerdings auch eine andere Deutung möglich: Wurden die
Volksaufstände am 17. Juni 1953 in der DDR, in Ungarn im Jahre 1956 und der sog.
.Prager Frühling" in der Tschechoslowakei anno 1968 noch mit Waffengewalt brutal
niedergeschlagen, so konnte in Polen die Solidarnosc- Bewegung zu Beginn der
80iger Jahre, die für mehr individuelle Freiheit und für mehr Arbeiterrechte kämpfte,
nie völlig unterdrückt werden. In einer Reihe westlicher Staaten, etwa in Frankreich
und Italien, in denen die jeweiligen kommunistischen Parteien eine bedeutende Rolle
spielten, wandten sich diese nach und nach von der starren Moskauer Linie ab und
suchten ab den späten 70iger Jahren mit dem sog. Eurokommunismus eine neue
linkssozialistische Ausrichtung einzuleiten. Ähnliches kann selbst in der streng
moskautreuen SED der DDR festgestellt werden, als etwa zur selben Zeit Robert
Havemann den freilich gescheiterten Versuch unternommen hat, einen neuen, dritten Weg des Sozialismus zu etablieren In der Sowjetunion selbst zeichneten sich lange

vor dem Zerfall der Nach-Stalin-Diktatur neue Entwicklungen ab. So schwor die
KPdSU auf ihrem 20. Parteikongress unter Nikita Chruschtschow bereits im Jahre
1956 - freilich ohne durchschlagendem Erfolg - der götterähnlichen Stalin-Verehrung
ab. Völlig neue Entwicklungen leitete schließlich nach heftigen innerparteilichen
Auseinandersetzungen Michail Gorbatschow ab Mitte der 80iger Jahre mit seinen
Thesen von Glasnost und Perestroika ein, die letztendlich in den Jahren 1989 und
1990 zum Zusammenbruch der kommunistischen Regime in der Sowjetunion und in
Osteuropa führten. So erfreulich diese Entwicklung gerade für uns Deutsche mit der
friedlichen Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten war, darf freilich nicht
verschwiegen werden, dass der erwähnte Zusammenbruch anderwärts zu neuen
schwerwiegenden Problemen geführt hat. Erwähnt seien neue Bürgerkriege in den
selbständig gewordenen Staaten der früheren UdSSR rund um den Kaukasus und das
Entstehen neuer oligarchischer Macht- und Eigentumsstrukturen etwa in Russland
selbst oder in Weißrussland und der Ukraine. Auch die autoritären und
antidemokratischen Denkstrukturen sind auf den früher kommunistisch beherrschten
Territorien nicht ausgestorben. Dazu zähle ich nicht nur die Politik von Wladimir
Putin in Russland, sondern auch die eines Viktor Orban in Ungarn und von Jaroslaw Kaczynski in Polen - in Staaten also, die seit Anfang diesen Jahrhunderts der
Europäischen Union angehören und deren undemokratische Politik nur schwerlich
mit den Grundsätzen zu vereinbaren ist, die diesem Staatenbündnis eigen sind. 

Lassen Sie mich schließlich in einem letzten Abschnitt mit der politischen Ära
befassen, die häufig als postkommunistische Ära bezeichnet wird. Ist die
kommunistische Ideologie auf Grund der skizzierten Umwälzungen der letzten 27
Jahre tatsächlich tot? Muss die Formel vom Ende des Kommunismus nicht doch
bezweifelt, zumindest relativiert werden?

Was den europäischen Kontinent anlangt, gibt es nach meiner Kenntnis keinen Staat
mehr, in dem die kommunistische Ideologie in politische Praxis umgesetzt wird ..
Auch in Mittelamerika haben sich durch die Wiederannäherung zwischen Kuba und
den USA neue positive Ansätze ergeben. Ob dies unter der neuen amerikanischen
Administration so bleiben wird, muss allerdings abgewartet werden.

Ganz anders stellt sich freilich die Situation in Asien mit ihren kommunistisch
beherrschten Hochburgen in Vietnam, in Nordkorea und v.a. in China dar. In Vietnam
gilt auch nach der jahrelang heftig umkämpften Wiedervereinigung des Landes im
Jahre 1976 nach wie vor der Primat der kommunistischen Partei als Führungsrnacht
und das Verbot einer organisierten Opposition. Andererseits hat sich Vietnam durch
die Mitgliedschaft im Verband südostasiatischer Staaten und in der
Welthandelsorganisation aus seiner Isolation ein Stück weit gelöst und dadurch die
völkerrechtliche Anerkennung von mehr als 150 Staaten erfahren. Völlig anders stellt
sich die Lage in Nordkorea dar. Während der Südteil der koreanischen Halbinsel ein
treu er Verbündeter der USA ist, stellt der Norden nach wie vor eine von der Ideologie
des Marxismus-Leninismus geprägte Militärdiktatur dar. Nordkorea ist gerade in
jüngster Zeit durch seine undurchschaubaren Atombombendrohungen und durch die
teilweise irrationalen Reaktionen des neuen amerikanischen Präsidenten zu einer
ernsten Gefahr des Weltfriedens geworden. Hier vom Ende eines gewaltbereiten
Kommunismus zu sprechen, scheint mir eine mehr als gewagte These zu sein.

 

Bleibt schließlich China, das als bevölkerungsreichstes Land der Erde und seiner
enormen wirtschaftlichen Dynamik der letzten 30-40 Jahre zur zweitwichtigsten
Großmacht in der Welt geworden ist. Die atemberaubende Entwicklung des Landes in
fast allen Zweigen der Ökonomie und der Infrastruktur haben nicht nur zu gewaltigen
Umwälzungen in der chinesischen Gesellschaft geführt - so öffnet sich
beispielsweise die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr, wie eine kürzlich
veröffentlichte Studie der Schweizer Bank Credit Suisse mit dramatischem
Zahlenmaterial zeigt. Die bisweilen aggressive Durchdringung des Welthandels und
das zunehmende Bestreben Chinas, in Wirtschaftszweigen anderer Länder Fuß zu
fassen, lässt viele Fragen einer ausgewogenen Weltwirtschaftsstruktur in einem neuen
Licht erscheinen.

Diese einem radikalen Marktkapitalismus zuzuordnenden Entwicklungen stehen nach
meiner Ansicht freilich in einem eklatanten Widerspruch zu der politischen Struktur
der Volksrepublik China in der Gegenwart. Trotz mancher Reformversuche ist dieses
Land auch heute noch eine autoritäre Diktatur unter kommunistischer Führung, die
eine organisierte Opposition nicht zulässt und zu Rechtsstaatlichkeit und dem Schutz
der Menschenrechte ein gebrochenes Verhältnis an den Tag legt. In keinem Land der
Erde ist laut Amnesty International die Zahl der Vollstreckung politisch motivierter
Todesurteile auch nicht annähernd so hoch wie in der Volksrepublik China - und dies
bei einer enorm hohen Dunkelziffer. Mir scheint bisweilen, dass diesen nicht
hinnehmbaren Fakten angesichts der zweifellos wichtigen Wirtschaftsbeziehungen in
der aktuellen Politik und in der Berichterstattung in den Medien - auch bei uns in
Deutschland - nicht in gebührendem und notwendigem Umfang Rechnung getragen
wird. Ich würde mir wünschen, dass insoweit die gleichen strengen Maßstäbe
angelegt würden, wie bei der Behandlung und Bewertung der Politik eines Wladimir
Putin in Russland.

 

 

Was bedeuten all diese Überlegungen in Bezug auf die Zeit des sog.
Postkommunismus? Mir scheint, dass gerade angesichts der an wenigen Beispielen skizzierten Situation in Asien und speziell in China die Auseinandersetzung mit der
kommunistischen Ideologie auch 100 Jahre nach der russischen Oktoberrevolution
keineswegs überholt ist, sondern erklärungsbedürftig bleibt und möglicherweise ganz
neu überdacht werden muss. Die heute zu eröffnende Ausstellung, der ich in der Zeit
ihrer Präsentation hier im Aalener Kreishaus ein reges Interesse und einen guten
Zuspruch wünsche, ist dazu eine geeignete Hilfe. Und ich hoffe schließlich, dass
meine bisweilen persönlich gefärbten Ausführungen Ihnen ein wenig Lust gemacht
haben, selbst über diese Epoche unserer jüngsten Geschichte weiter nachzudenken.

 

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Aalener Kulturjournal