Aalens Kleinkunst-Treff serviert französisches Duo "Duel"

Rau, aber herzlich!

Hand aufs Herz: Wer weiß, wie viele Musik-Duos es gibt? Zugegeben eine gute, aber leider eine nicht zu beantwortende Frage. Wikipedia vermeldet 200 Seiten (!) nicht enden wollender Namen. Wobei sicher ist, die Autoren haben nicht alle eingesammelt. Beispielsweise steht das Duo "Duel" nicht in der Liste, obwohl die beiden Franzosen eine höchst eigenwillige musikalische Show abliefern - wenn musikalisch überhaupt das rechte Wort dafür ist. Schließlich ist Musik qua Definition eine Kunstgattung, deren Werke aus organisierten Schallereignissen besteht, will heißen, unterschiedliche Töne werden nach vorgegebenen Regeln bezüglich Rhythmus, Melodie und Harmonie zu einer Gruppe von Klängen geordnet.

Wilhelm Busch hat daraus sein "Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden" gemacht. Womit wir wieder beim Duo "Duel" wären und freimütig eingestehen, die Pianistin Nathalie Miravette und Cellist Laurent Cirade verstehen sich auf vorzügliches Musizieren.

Wenn sie denn wollen! Bei ihrem "Konzert" in der Aalen Stadthalle jedenfalls gab es weder klassische noch moderne Musik, auch kein Theater, keine Comedy. Geschweige denn, dass die Sprache Worte hat, manchmal fehlt der Musik gar der Klang. Undefinierbar, was da von der Bühne schallt, was zunächst eingedenk eines klassischen Konzerts dennoch in Wogen romantischer Musik schwelgen lässt. Nur einen Augenblick später sorgen indes schrille Kratzgeräusche für Entsetzen, spielen zum Verdruss auch noch Harmonien verrückt, machen selbst vor Mozarts "Türkischem Marsch" nicht Halt.

Dabei geht es auf der Bühne immer wieder so rasant zur Sache, dass sich die Darbietungen kaum noch recht auseinandersortieren lassen. Es fließt ineinander, was nicht zusammengehört, aber doch eins wird. Klang es eben noch nach einem "Allegro con spirito", scheint es Sekunden danach "Nocturne" gesteuert dämmrig zu werden. Zugegebenermaßen überaus luftig leicht gespielt. Und wenn denn doch Cirade zu Souljazzigem á la Louis Armstrong ansetzt, beschleicht einen das Gefühl, da entwickelt sich etwas Grandioses. Kaum gedacht schon vorbei!  Schräg quietschend fährt ihm Miravette in die Bassparade.

Ein wirklich sonderbares Paar. Sie hält an musikalischer Zweisamkeit fest und ein Schild mit dem Etikett "Duo" hoch, er mag allerdings davon nichts wissen. Sie drängt zur Bühne, er trottet zwangsweise mit Cello, aber in  Unterhose hinterher. Er grunzt und grummelt, Sie

keckert ins hohe C hinein. Musik geriert so zur Pantomime,  Comedypartikelchen inklusive.

Weibliches Kokettieren und ungehobelte Männlichkeit. Bei solch schönen Klischees liegt der Gedanke an #MeTwo nicht fern. Doch gemach! Soweit lassen es die Beiden nicht kommen, schließlich sind sie kein "Duo cruel", sondern ein "Duo Opus", wenn auch ein sich duellierendes.

Gelegentlich ziehen sie aber auch an einem Strang. So bei John Lennons "Imagine". Prächtig mit Cello und Piano intoniert, verwandeln sie das Lied in eine idealistische Friedenshymne, suchen aber zugleich den von der Wirklichkeit erzwungenen Bruch: Marschierende Soldatenstiefel und das Kriegsgeschrei einstiger Diktatoren aus dem Off. Ein ernster Moment in einer sonst heiteren Show.

Klassik und Moderne tauchen auf. Zu Letzterem gehören geschwinde Beatles-, Rolling-Stones- und Michael-Jackson-Potpourris, aber auch ein klangstarker "Highway to Hell", der sich nach und nach zu Beethovens Neunte wandelt. Allerdings mit Kettensäge und Cello gespielt. Wenig überraschend, dass "Alle Menschen werden Brüder" in Brexit gleichem Chaos endet. Schnitt und durchatmen! Lieblicher erklingt die Musik. Nur - spielt hier Liszt seinen "Liebestraum" oder Schumann die "Träumerei"? Oder ist das nicht Schubert? Die Melodien erklingen überaus flüchtig, wandeln sich. Bizets "Habanera" aber bleibt. Doch, ach, kaum spielt Carmens Tanzliedchen cellomäßig seinen Charme aus, wummert ein Didgeridoo dazwischen, um den

 

afrokubanischen Sound mit dem der Aborigines zu unterfüttern. Ein bisschen Weltmusik kann nie schaden.

Manchmal schrill und laut, manchmal still und fein, das Duo kann sich in jeder Lebenslage hören lassen, sei es mit einer nett gespielten "Bagatelle", die irgendwie nach "Pour Elise" klingt oder mit dem altfranzösischen Kinderliedchen "Au claire de la lune". Harmonie pur!  Kaum gesagt, folgt der heimelnden  Friedfertigkeit alter Hader - erneut pantomimisch wie musikalisch in Szene gesetzt. Auch humorvoll? Eine ernste Frage, rüttelt sie doch an kultureller Identität. Die Antwort liegt auf der Hand, denn solcherart Heiterkeit nennt sich linksrheinisch französische Poesie. Bisweilen eine raue, aber herzliche.

   

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Aalener Kulturjournal