Uraufführung dreier Kompositionen von Edgar Mann

"Golden weh'n die Töne nieder"

Musik entfaltet sich in der Zeit, das Kunstwerk im Raum. Altbekannt! Doch was, wenn beide eins werden? Edgar Mann, seines Zeichens Musiker und Komponist nutzte die Gelegenheit, sich in Bilder von Kunstprofessor Helmut Schuster zu vertiefen. Dem inneren Klang wollte er nachspüren, jenes Geheimnis ergründen, das ein Kunstwerk zu Kunst werden lässt. Das ist freilich nicht neu, schließlich sind sich die Künste über alle Genres hinweg näher, als manch einer denkt. Musik und bildende Kunst sind eigentlich schon immer eng miteinander verknüpft. Sie sind sozusagen in permanentem Zwiegespräch. Ein schönes Beispiel dafür ist sicherlich Marcel Duchamps Schachspiel mit John Cage. Das Brett ist mit Kontaktmikrofonen präpariert, sodass jeder Zug einen Klang initiiert, der der charakteristischen Bewegung entsprechend variiert und auf einem Oszillographen ein sich stetig veränderndes Bild erzeugt. Andere Beispiele: Anestis Logothetis entwickelt eine grafische Notation, Anton Riedl kreiert optische Lautgedichte, Musik zum Sehen. Auch György Ligeti experimentiert mit akustischer und visueller Kunst.

Lieder einer Ausstelluing

"Musik entfaltet sich in der Zeit, das Kunstwerk im Raum" erfährt insbesondere in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine Umkehrung. Dabei setzen sich Musiker und Komponisten immer wieder intensiv mit dem Raum auseinander, um seinen Klang zu erkunden.

Was allerdings bei der Eröffnung der aktuellen Helmut-Schuster-Ausstellung in der Aalener Rathausgalerie in das künstlerische Raum-Zeit-Kontinuum transformiert wird, gleicht eher dem kompositorischen Versuch von Jean Francaix, Bilder des Malers August Renoir akustisch wiederzugeben, unter anderem "Fillette au chapeau bleu". Ein reizvolles wie gelungenes Unterfangen. Aber auch eine Herausforderung. Helmut Schuster malte zwar kein Mädchen mit blauem Hut, doch Ellwangens "Schwarze Schar" wirkte wie ein Magnet auf ihn. Besser wie ein Mysterium, den als solches setzte er den Geheimbund in seine dunkle Gouache. Intensiv habe er sich mit dem Bild und den Abgebildeten beschäftigt, verrät der Komponist, um einem darin verborgenen Klang nahe zu kommen.

Drei Bildmotive greift Edgar Mann für seine Kompositionen auf, wobei er immer in der gleichen Weise vorgeht, sich von den Bildmotiven, Farben und Formen leiten lässt. Er folgt gewissermaßen  impressionistischen Empfindungen, sucht nach einem möglichst intensiven wie stimmungsvollen Ausdruck. Musikalische Bilder - bestrickende Klänge farbenreich miteinander vernetzt. Im Gegensatz zu Schusters eingängiger Malerei entstehen allerdings keine ebensolche Melodien, vielmehr kommt es in allen drei Kompositionen zu eher flüchtig wirkenden Momentaufnahmen einer vorgegebenen und damit konkreten Szenerie. Natascha Euteneier (Kulturamt) hebt dementsprechend hervor, dass Prof. Schusters Bilder einem gestalterischen Rhythmus aus Formen, Flächen, Linien und Farbnuancen unterworfen seien, die Edgar Mann in seinen Kompositionen aufgreife. "Schneeschmelze im Weinberg", "Die schwarze Schar" und ein Bild aus Schusters "Fuerteventura"-Serie - drei höchst unterschiedliche Motive, die Manns kompositorische Intuition zu höchst unterschiedlichen Klängen verarbeitet.

Darth Vader und die Dendriten

"Schneeschmelze im Weinberg" - Edgar Mann schmunzelt sicherlich selbst über seinen Einfall, sich bei einem Liedermacher zu bedienen. Oder klingt es nur so? "Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein" sorgt für ein akustisches Sekundenglück, wenn an die Geburtsstätten der Schneekristalle in den Wolken erinnert wird. Annika Chen und Daniel Bengesser überführen mit Violine und E-Gitarre die Schneeschmelze  in eine betont emotionale Klangwerdung, der so gar nichts mit den Naturgesetzen hexagonaler Dendriten zu tun hat. Ätherische Klangfarben vereinnahmen den Raum, symbolisieren den unaufhaltsamen Übergang von Kalt zu Warm, spiegeln gar sich selbst im Rhythmus herabfallender Wassertropfen. Ein kosmisches Lied, dessen Klang und Rhythmus die Natur dem Komponisten in die Noten geschrieben hat.

Bei Bild Nummer zwei darf eine 180-Grad-Wendung vermutet werden, vielleicht auch, weil Edgar Mann alle drei Kompositionen nicht  isoliert voneinander gesehen haben möchte, sondern eher als kleine kammermusikalische Surprise. Jedenfalls wechselt er, so es denn so

ist, im zweiten Satz auf die dunkle Seite der Macht, was musikalisch betrachtet selbstredend

zu John Williams "Imperial March" führt. Doch wer Edgar Mann kennt, weiß, er gehört zu den Guten. Schon deshalb dürfen sich alle freien Gedanken wohl eher um Frédéric Chopins "Marche  Funèbre" kreisen. Doch leider hapert es bei diesem an Tempo, zu langsam, zu getragen. Und überhaupt im weiteren Verlauf zu melodisch, das würde zum Ellwanger Spuk nicht so recht passen. Edgar Manns "Schwarze Schar" braucht als Vorläufer Darth Vaders Heerscharen, den bedrohlich stampfenden Duktus des "Imperial Marchs". Auch das unterschwellig Aggressive: Klopfen auf den Gitarrenkorpus, pulsierende Akkorde, militärische Trommelschläge und trillernde Flötentöne, akzentuierende Unterbrechungen. Das steigert die Spannung, leitet indes überraschend zu einer nahezu versöhnlich klingenden Kammermusik, von Annika Chen gespielt. Kurz nur, dann geht es gen Rock. Eben noch grätscht Daniel Bengesser mit queren Tönen in den heimeligen Violinesound, jetzt darf er selbst den Solisten geben. Sein Part ist ein düsterer. Wobei nun Chen mit widerborstigem Bogenstrich hart querschießen darf. Zwei drei Akkorde noch. Die Musik endet abrupt. Mit der "Schwarzen Schar" ist es vorbei.

Aufmerksam hinsehen, aufmerksam zuhören

Der Violine sei Dank. Romantisch angehaucht  klingt es im nachfolgenden "Finalsatz". Helmut Schusters "Fuerteventura"-Serie stellt sich dem Komponisten. Der Künstler malt in zarten dünnen Farben. In Himmelblau und weichem Beige. Die Kanaren  wie aus dem Bilderbuch. Da darf man auf Edgar Manns Intentionen gespannt sein. Vielleicht lässt er sich von  Shakiras "Estoy Aqui" inspirieren oder etwas melancholischer von Marc Anthonys "Muy Dentro De Mi". Doch nichts von alledem. Wobei ein leichter Sehnsuchtshauch durchaus Manns Komposition streift, nicht nur des Dauerhalleffekts, sondern vor allem der Klangstäbchen (Chimes) wegen. Sanfte Wellen, Dünen wie gemalt, ein leichter Wind - die Costa Calma vereinnahmt. Leidenschaftlich wie die Musik von Jimi Hendrix. Etwas abgehoben, immer etwas weltabgewandt. Edgar Mann mischt in die Gitarrenriffs vibrierende Pfeifgeräusche sowie Chens anheimelnd intonierte Violinenklänge. Mit sicherem Gespür nähert sich der Komponist der Kunst Helmut Schusters, setzt mit atonalen Zwischenrufen Zeichen. Das verstärkt die Impressionen, steigert sie ins Artifizielle.  Musik erhebt sich aus den Bildern. Doch nur wer feinfühlig genug lauscht und schaut, für den verschwimmen Grenzen, kann  Bedeutung und Sinn erahnen.

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal