Edgar Mann, Uwe Renz und die Neue Musik

Das Konzertereignis des Jahres

"Alles ist möglich!" Das klingt nach Postulat. Oder Politik? Wer Edgar Mann und Uwe Renz kennt, weiß jedoch, hier geht´s nur um Musik. Den Komponisten und den Dirigenten treibt seit vergangenem Jahr ein Projekt um, das - je näher dessen Aufführungstermin kommt - für schlaflose Nächte sorgt. Nicht weil es möglicherweise hier und da hapern könnte, sondern weil ausgerechnet der kommende Samstag  in der Ferienzeit liegt. Und gleichzeitig das Aalener Jazzfest beginnt. Ein Blick zurück gibt Mut: Die Konzerte mit zeitgenössischer Musik in Aalen in der Vergangenheit fanden immer großen Zuspruch. Das Terrain bleibt dennoch schwierig, dessen sind sich die Beiden bewusst. Zurecht, denn Neue Musik zieht meist auch Skepsis nach sich. Da ist man schnell bei klischeebeladener Atonalität. Das müsse nicht sein, meint Uwe Renz. Neue Musik bedeute, der Vielfalt an Formen und Genres Raum zu geben und Gehör zu verschaffen. Es gehe um Kammermusik mit und ohne elektronischer Unterstützung, um Chor- und Orchestermusik, Performances sowie um experimentelles Musiktheater. Nicht zu vergessen, die Palette an allerlei Mischformen.

Aber ist das auch unterhaltsam? Wer keine Antwort parat hat, dem sei das Stuttgarter Neue-Musik-Festival "Eclat" ans Herz gelegt oder auch die Donaueschinger Musiktage.  Vielleicht dachte Aalens OB Thilo Rentschler auch an diese bemerkenswerten Musikevents, als er im vergangenen Jahr bei Uwe Renz anklopfte, um nachzufragen, ob es möglich sei, für die ersten Aalener Kulturwochen ein zeitgenössisches Musikprojekt zu entwickeln. Bei dem Dirigenten der Jungen Philharmonie Ostwürttemberg (JPO) rannte er damit offene Türen ein. „Ich hatte schon lange die Idee, in Aalen ein Ensemble für Neue Musik des 20. und 21. Jahrhunderts zu gründen.“ Mit ins Boot holte sich Uwe Renz den Aalener Komponisten Edgar Mann, der diesbezüglich mit entsprechender Erfahrung aufwarten kann. Gut in Erinnerung ist sein Konzert mit Eigenkompositionen 2014 und 2017 unter anderem die Uraufführung von "Merket auf, alle, die in dieser Zeit leben." Allerdings gibt Edgar Mann zu bedenken, dass das jetzige Projekt relativ wenig Vorlaufzeit gehabt habe. Zumal am kommenden Samstag mehr als nur ein Konzert geplant ist. In der Stadthalle wird sich erstmals das von Renz und Mann neugegründete " ensemble πk" vorstellen. "πk, das wird ein Ensemble der Stadt sein“, erklärt Uwe Renz. Es soll Teil eines großen Kulturfahrplans sein, der mit Blick auf die Aalener Kulturwochen und den kommenden Kulturbahnhof die ganze Kulturszene bereichern soll. Übrigens nicht nur in Aalen, sondern beispielsweise auch in den Partnerstädten. "Sozusagen als Botschafter nach außen strahlen“, wie Renz umschreibt.

Experimentierfreudige Musiker  

Einer mit höchst interessanter Musik im Gepäck. Uwe Renz und Edgar Mann haben für "πk" die Sopranistin Isabel Weller gewinnen können sowie 17 junge Musiker: Sabine Beißwenger, Miriam Schmidt (Flöte), Annika Oser (Oboe), Marco Gaulke (Klarinette), Michael Herzig (Fagott), Markus Ehrlich (Saxofon), Yannick Güntert (Horn), Sebastian Hahn (Trompete), Bernd Brunk, Jonas Herpichböhm (Schlagwerk), Leander Brune (Klavier/Vibrafon), Annika Chen, Paula Hochweber (Violine), Patrizia Messana (Viola), Heiko Nonaka (Violoncello) und Jim Thomas (Kontrabass). Allesamt Profis, die sich auf ihr Handwerk verstehen, denen aber auch die "Lust aufs Experimentieren" ins Musikerdasein geschrieben ist. Die Voraussetzung alle technischen, künstlerischen und zeitlichen Hürden zu nehmen.

Am Donnerstag (1. 11.) und Freitag (2.11.) spielt das gesamte "ensemble πk" in der Aalener Musikschule. "Interessierte und neugierige Zuhörer sind willkommen", betont Uwe Renz. Geboten wird unter anderem ein Vorgeschmack auf die Komposition des Amerikaners Charles Ives, dessen „The Unanswered Question“ zugleich wie ein Leitmotiv über dem Konzert steht. Weitere Musik liefern Henning Brauel, Edgar Mann und Moritz von Woellwarth. Drei Künstler, drei Generationen und unendlich viele Querverbindungen zwischen den Dreien. Beispiel: Brauel war Schüler von Hans Werner Henze, Moritz von Woellwarth und Edgar Mann waren Schüler von Brauel. "Besser geht es nicht", meint Uwe Renz. Musik verbindet eben. 

So wird neben der „Unanswered Question“ Uraufführungen zu hören sein, die sich mit der Arbeit Henzes befassen:  „Variationen in memoriam Hans Werner Henze“ (Henning Brauel) und „KAREN“ von Moritz von Woellwarth.

Gedanklich gehe es in der Neuen Musik immer auch um die Frage, welche ästhetischen Perspektiven sie eröffnen könne, so Renz. „Die Kompositionen sind von völlig verschiedener Natur", setzt Edgar Mann nach. So ziehe Moritz von Woellwarth beispielsweise deutliche Bezüge zum Jazz. Insgesamt spiegelt sich in den unterschiedlichen Beiträgen aber auch die Stilvielfalt innerhalb der zeitgenössischen Musik.

Mit der klischeebeladenen Klangwelt von Putzeimer, Kehrschaufel und Plastiktüten haben Uwe Renz und Edgar Mann nicht viel am Hut. Die Musik müsse konzeptionell  stimmig sein und Sinn wie Inhalt haben, um überhaupt ein Kunsterlebnis zu ermöglichen. Musik mit anderen Mitteln ist gefragt, Klangwelten, die sich in der Magie des Alltäglichen wiederfinden. "Keine wohlfeilen Effekte, um des Effekts willen!", so die Devise. "Die banalen Dinge des Lebens beinhalten schönen Klänge" -  John Cage lässt grüßen.

 Keine Angst vor Unbekanntem

Aalens Aufbruch in die neue Welt zeitgenössischer Kunst ist freilich kein Alleingang. In nahezu alle kulturellen Bereichen kommt derzeit Bewegung. Ein dauerhafter Schwung, so die Hoffnung, der auch die Aktivitäten im künftigen Kulturbahnhof beflügeln könnte. Entsprechend haben sich Uwe Renz und Edgar Mann Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben. So wird das "ensemble πk" auch nach dem Konzert am Samstag am Leben bleiben, zeitgenössischer Musik soll mehr Raum eingeräumt werden und auch Edgar Mann will am Ball bleiben. Er sucht die Nähe zu den Schulen. So hielt er beispielsweise im Leistungskurs Musik am Aalener Schubart-Gymnasium Vorträge über Spiel- und Kompositionstechnik. Eine Kooperation, die er noch ausweiten möchte.  

Wer meint, mit zeitgenössischer Musik nicht viel anfangen zu können, dem wird am Samstagabend geholfen werden: Natascha Euteneier vom Aalener Kulturamt wird zwischen den Stücken Musik und Komponisten vorstellen. Und wer Appetit auf mehr bekommen hat, dem liegen nach dem Konzert alle Partituren zur Einsicht bereit  wie Dirigent, Komponisten und Musiker Rede und Antwort stehen.

Nachtrag: "ensemble " was?

Das "ensemble  πk" wurde 2018 von der Stadt Aalen und Oberbürgermeister Thilo Rentschler gegründet. "π" steht für die Kreiszahl. Sie ist aperiodisch und nicht bis zur letzten Nachkommastelle berechenbar. In Kombination mit dem angehängten "k"  ergibt "π"  klingend das englische Wort "peak".

"Peak" steht unter anderem für den Spitzenwert in der Dynamik, beispielsweise für den sogenannten "peak level" bei Tonaufnahmen.

Das "ensemble  πk" hat sich zur Aufgabe gemacht, die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts einem interessierten und neugierigen Publikum näher zu bringen. Um den ständig wechselnden Besetzungen moderner zeitgenössischer Werke gerecht zu werden, wird das Ensemble in seiner Zusammensetzung immer variabel sein.

 

INFO

"ensemble πk"

Konzert "The Unanswered Qusestion"

Samstag, 3. November um 20 Uhr

Stadthalle Aalen

 

Programm

Charles Ives (1874-1954): The Unanswered Question (1906)

Henning Brauel (*1940): Variationen in memoriam Hans Werner Henze (2018) - Uraufführung

 Edgar Mann (*1961) Beiseit (1994), Neufassung 2013

Pause

Moritz von Woellwarth (*1973): KAREN (2018) - Uraufführung

Edgar Mann: Vor den Pforten der Unterwelt errette mein Leben, o Herr (Jesaja Kap. 38) (2005)

Charles Ives: The Unanswered Question.

 

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Aalener Kulturjournal