Ein besonderes Theaterprojekt

Der Aalener Bürgerchor stimmt sich ein

Das war´s dann wohl", kommt beim Anblick des kleinen Häufchens Interessierter, die beim Theater aufgetaucht sind, in den Sinn. Eigentlich soll an diesem Abend ein richtig großer Bürgerchor aus der Taufe gehoben werden. Teilnehmerstärker als jener, der bereits in der letzten Theatersaison von der Bühne herab über die "nebelfreie Stadt" sinnierte und dem jetzt neues Leben eingehaucht werden soll. Doch was, wenn diesmal niemand mitmachen möchte? 

Der Gedanke ist wie weggewischt, denn plötzlich kommt Bewegung in die Runde. Zu zweit, zu dritt trudeln sie ein, manchmal auch vereinzelt. Einige sind so neu, dass sie den Weg zum Aalener Stadttheater im Wi.Z erst suchen müssen. Schüchtern stehen sie nun in die zweiten Reihe, nesteln verlegen an der Jacke oder Handtasche. Es werden immer mehr. Der Zustrom scheint kein Ende zu haben! Um es vorwegzunehmen: Am Ende sind es annähernd 60, die beim Bürgerchor mitmachen 

wollen. Darüber scheinen selbst die Initiatoren überrascht, auch wenn Projektleiterin Daniela Mühlbäck verrät, dass sich viele vorab schon angemeldet hätten und deshalb die Hoffnung auf solch einen Zuspruch groß gewesen sei. 

Zurück zum Bürgerchor, besser zum Bürgerchorprojekt. Bereits 2016 interviewte die Autorin Dagrun Hintze Aalener Bürger zum Thema Heimat. Sie wollte insbesondere wissen, wie es um deren Sicht auf die Stadt und die Mitbürger steht. Beständiges beschreiben, Veränderungen benennen. Und: starken Gefühlen harte Fakten gegenüberstellen, um so zu einer klaren Sicht auf Heimat, Vielfalt und Zukunft zu kommen. So zumindest das Ziel. Mit Hilfe des gesammelten Stoffs schreibt Dagrun Hintze Texte, Balladen, Lieder. Sie habe regelrecht komponiert, heißt es seitens des Theaters.

"Mir schwätza oalemerisch!"

Gleich drei stadtbekannte Akteure haben sich vorgenommen, dafür die Choristen auf Vordermann zu bringen: Tina Brüggemann (Theater), Thomas Haller (Kirchenmusikdirektor) und Michael Flechsler ("Herrn Stumpfes Zieh und Zupf Kapelle"). Ein vielversprechendes Trio! Doch wie soll solch ein bunt zusammengewürfelter Bürgerchor in einem knappen halben Jahr zu künstlerischer Hochleistung gepuscht werden, ohne alles zu verpfuschen?

Es müsse einfach gelingen, sagen die Choristen, von denen viele erstmals auf der Bühne  stehen werden. "Schließlich findet die Premiere in der Stadthalle vor großem 

Publikum statt."  Aber was machen nun jene, die vielleicht gar nicht singen können? "Wir singen doch nicht! Wir sprechen", stellt Daniela Mühlbäck klar. Ein  Sprechchor also. Hochdeutsch oder schwäbisch? Bühnendeutsch! "Wir reden, wie es auf dem Blatt steht. Aber manchmal klingt´s etwas schwäbisch", gesteht Felizitas Eisele. Ihr Gegenüber meint: "Mir schwätza halt oalemerisch!" Irmgard Hoflacher winkt indes gelassen ab. Sie war bereits beim ersten Bürgerchor mit dabei und weiß: "Darauf kommt es letztlich gar nicht an. Es ist einfach schön, mit lauter netten Leuten zusammen zu sein." 

Nur kein Lampenfieber

Langsam füllt sich das Foyer. Tina Brüggemann strahlt ob des Zuspruchs. Dann bittet sie in den Proberaum. Ein bisschen aufgeregt sei sie schon, beichtet ihr eine künftige Choristin. So gehe es allen, kann die erfahrene Theaterfrau beruhigen. "Lampenfieber ist ganz normal, doch dagegen gibt es spezielle Übungen. Die wirken immer", verspricht sie. Bis dahin hilft nur, in der Masse unterzutauchen. Das erinnert an früher,  in der Schule hieß es immer, bloß nicht in die erste Reihe. 

Dann geht’s los. Tina Brüggemann wird zur Übungsleiterin. Ausatmen, einatmen. Lockerungsübungen folgen. Strecken, beugen, hüpfen, Schattenboxen.

Eine schöne Gelegenheit nebenbei die anderen Bürgerchoristen zu fixieren. Dabei fällt auf, was auffallen muss: Die Männer sind mal wieder allein unter Frauen. Nur ganz wenige haben sich zur Probe getraut. Wäre es politisch nicht unkorrekt, könnte man sie fast unter den Tisch fallen lassen. 

Aber eben nur fast. Schließlich sind ein paar Brummstimmen besser als keine. Dennoch stellt sich die Frage, warum Frauen schlicht mutiger sind. 

Nach der Antwort zu suchen, muss allerdings auf später verschoben werden, denn Tina Brüggemann fordert zum ersten "Chorgesang". Sie gibt ein rhythmisiertes "Blablabla blabla blablabla" vor. Lautstark folgt der Bürgerchor, wiederholt - und findet sichtlich Freude daran.

 

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Aalener Kulturjournal