Else Jerusalem - Der heilige Skarabäus

Der Roman "Der heilige Skarabäus" erschien erstmals 1909 im Verlag S. Fischer. Schnell wurde er zum Weltseller, der insgesamt rund 40 Neuauflagen erlebte, 20 allein im Erscheinungsjahr, übersetzt ins Russische, Englische  Französische, Niederländische, Ungarische und Finnische.

Die 1876 geborene Else Jerusalem studierte als eine der ersten Frauen  an der Wiener Universität, war bereits eine bedeutende Autorin,  bekannt mit Arthur Schnitzler, Jakob Wassermann, Hermann Bahr, dem "Fädenzieher der Jungwiener Autoren", befreundet mit  Albert Einstein.

1911 emigrierte die Autorin nach Argentinien, publizierte bis 1939 in südamerikanischen wie auch deutschen Verlagen. 1943 starb sie in Argentinien. 

 

"Knapp hinter der glänzenden  Straße, die ein Zentrum des großstädtischen Gesellschaftsverkehrs ist, - auf deren breiten, reinlich asphaltierten Trottoirs sich täglich viele Hunderte von eleganten Herren  und geschmückten Damen - müßige Spaziergänger - anlächeln und begrüßen, beginnt jäh und unvermittelt - in allzu schroffem Übergange fast - das Reich der Finsternis." Mit diesen Worten beginnt der Roman.

Schauplatz ist das sogenannte "Rothaus"; welches von einer üblen Absteige zu einem der vornehmsten erotischen "Salons" der Stadt mutiert.

Die "schwarze Katerine", leidenschaftlich, schön und stolz, eine ehemalige Klosterschülerin, erlebt  den  Aufstieg. Zusammen mit ihrer kleinen Tochter lebt sie dort, verbittert, hasst ihr Kind: die "Krott". "Auf die Straße gehört sie." Vater der kleinen Milada, ist der  "Bauernprinz", auf dessen Gut Katerine lebte, der sie nicht heiratet, weil sie ihm gesellschaftlich nicht ebenbürtig ist. Der Roman "Der Heilige Skarabäus" spiegelt durch Miladas Leben das Rotlichtmilieu. Deren Mutter verkörpert nicht den Typus der verführten  jungen Frau, sondern erhofft sich einen gesellschaftlichen Aufstieg. Aus Rache  lebt sie mit dem Kind, das sie dem Vater vorenthält, im Bordell. Voller Selbsthass, innerlich bereits tot. Körperlich und seelisch zerstört geht sie zugrunde.

Die Prostituierten stammen aus allen Gesellschaftsschichten, jüdische Mädchen, nichtjüdische. Unaufgeklärt, verführt, schwanger geworden, gesellschaftlich geächtet, werden sie leicht Opfer. 

Vom Rothaus zum erotischen Salon

Else Jerusalem legt die Mechanismen des Bordellbetriebs offen. Gespräche im Hinterzimmer zwischen skrupellosen Geschäftemachern und korrupten Beamten, die im  "Rothaus" eine Goldgrube erkennen. Dazu die "Madame" Goldscheider. Und die Umtitulierung: Nicht Bordell, sondern "Salon" heißt es  fortan schönfärberisch. Dazu "frisches Fleisch", "das junge Menschenmaterial", " die Fräulein jung, hübsch und aufs beste dressiert".  Vordergründig führt die Goldscheider das Bordell wie ein Pensionat, in Wirklichkeit sind die Prostituierten ihr ausgeliefert.  Sie organisiert einen "groß angelegten Mädchenhandel, der sehr bald allen europäischen Interessenten bekannt und von ihnen in Anspruch genommen wurde. Dieses letzte Unternehmen bildete  nun die Hauptquelle, aus der das rasch  sich anhäufende Vermögen der Goldscheider stammte."  

Milada, im Bordell geboren, bleibt als Mädchen für alles, als ihre Mutter abgewirtschaftet gehen muss. Stolz ist sie auf das "Rothaus", da sie nichts anderes kennt. Mit 16 Jahren prostituiert sie sich wie selbstverständlich, zuerst  als "Spielzeug eines alten Aristokraten". Eine neue Zeit beginnt, denn das Bordell  geht in den "Besitz des wohlgeborenen Fräuleins Aglaja von Miller über, - einer ältlichen, hageren, verdienstvollen Dame, die runde fünfundzwanzig Jahre Wirtschafterin eines geistlichen Herrn gewesen war."  

Der Bordellsozialist erfindet den Skarabäus

Die neue "Madame" ist geizig, habgierig, intrigant. Bringt die Mädchen und die Gäste gegen sich auf. "Überall witterte sie Feinde und Feindliches." Um den wirtschaftlichen Niedergang zu verhindern, übernimmt Milada als Hauswirtschafterin das Regiment. Ohne eine "Spur von Liebedienerei und Herrschsucht". Nie "zeigte sie den brutalen und anwidernden Übereifer der Bordellmamas". Eine kluge, ernste Frau geworden, jedoch innerlich müde, empfindet sie nur noch Ekel. "Ich will nicht mehr!" Aber voller Mitleid begegnet sie den Mädchen. Denn: "Diese kranken, verdorbenen, zerstörten Geschöpfe, - das ist die Familie, der ich angehöre."

Zwei Männer berühren Milada emotional. Horner, Philosoph und Bordellsozialist, der sie mit Bildung füttert, aber nicht um ihrer selbst willen, sondern ein  "Hetärenproletariat" schaffen will, welches sie  bürgerliche Gesellschaft unterwandern soll. Von Horner stammt auch das Sinnbild vom  Mistkäfer, dem Skarabäus". Der andere: Der junge Arzt Gust Brenner, ein verzärtelter Großbürgersohn, den Milada aufrichtig liebt. 

Nachdem Fräulein von Miller genügend Geld erwirtschaftet hat, um in  ein Kloster aufgenommen zu werden. geht das Bordell an die dritte "Madame" Nelly Spizzari. Sie verkörpert den "Typus der tüchtigsten und gewissenhärtesten aller Unternehmerinnen, die bisher dem Rothause vorgestanden hatte." Polizeikontrollen werden zur Orgie.  "Unflätig und brutal" installiert sie  eine Willkürherrschaft, in der die Mädchen wie Sklavinnen gehalten werden. Jahrelang hatte sie "Mädchenhandel getrieben und herausgefunden, daß in dieser lebenden Ware der Wille erst abgetötet werden mußte, damit man den richtigen Profit erzielen könne." Das Rothaus  "sank mit einem Schlage." Und: "Sie verlangte Dienste, von denen sich selbst skrupellose Dirnen  angewidert abwandten."

Milada, die aufgrund einer Vereinbarung mit der ersten "Madame" frei ist, beschließt auf dem Land ein  "Kinderasyl" zu gründen. Unfruchtbar geworden kann sie so dennoch Mutter werden. Hier entfaltet sich die ganze Symbolik des Skarabäus, der im Alten Ägypten, für Auferstehung und Wiedergeburt steht. Der weibliche Skarabäus legt die Eier in die Mistkugel, ermöglicht so den Nachkommen  Leben. Mutterschaft, weibliche Solidarität und ein Leben in Autonomie setzt Else Jerusalem als Gegenmodell.

"Madeln, verführts mir den dicken Kommissär!"

In dem 500 Seiten starken "Bordellroman" zeigt sie - so Else Jerusalem selbst - die Prostitution in "jeder Romantik entbehrenden Wahrhaftigkeit", entlarvt  "Doppelmoral und Scheinheiligkeit", Themen der bürgerlichen Frauenbewegung jener Zeit. Sie will bewegen, verändern: "Mein Wort geht an die bürgerlichen  Familien; lieber an Spießer, als an Snobs. Denn die sind für sociale Probleme verloren und verdorben".

 

Bei Erscheinen des Romans wurde immer wieder die Frage gestellt, woher das detaillierte Wissen Else Jerusalems, einer bürgerlichen Frau und Mutter, über das Rotlichtmilieu rühre. Im "Neuen Wiener Tageblatt" vom 2.November 1906 schreibt Karl Kraus, dass diese als Vertreterin der "Frauenliga gegen Mädchenhandel"  anwesend war beim Prozess gegen   eine Wiener Bordellwirtin.  

 

Die Anweisung der Bordellchefin bei Polizeikontrollen: "Madeln, verführts mir den dicken Kommissär, aber nehmts kein Geld von ihm." Aufgedeckt wurden die kriminellen Machenschaften durch die Wiener Presse. Genauer lassen sich die Umstände im herausragenden Nachwort der Neuausgabe nachlesen.

Else Jerusalem geht es in dem wortgewaltigen Roman um das Leben der Frauen, nicht um die Befriedigung des lüsternen Blicks des Voyeurs. Ungeheuer spannend zu lesen. Lebendige Dialoge im österreichischen Dialekt schaffen  eine authentische Atmosphäre, wechseln sich ab mit erzählenden Passagen. Die Autorin schreibe nicht aus einer "banalfeministischer" Sichtweise, sondern zeige die Frauen sowohl  als "Opfer wie Täterinnen", heißt es im Nachwort treffend. Ein Roman, der fesselt, aufrüttelt. von der letzten ersten Seite bis zur letzten. Der Verlag hat einen Schatz gehoben.

Deutschland ist zum Eldorado für Zuhälter und Bordellbetreiber geworden

Zudem ist dieser Roman von erstaunlicher Aktualität. Mythische Träume zur Prostitution spuken bis heute in den Köpfen vieler herum. Die Auffassung von der  glücklichen Genussspenderin  dürfte heute noch  verbreitet sein, bereichert durch die pseudofeministische Variante von der Selbstbestimmung.

Mädchenhandel, Verharmlosung, Gleichgültigkeit gegenüber dem Elend der  Frauen, Korruption, sozialromantisches wie pseudofeministisches Geschwätz - heute erlebbare Wirklichkeit. 2002  wurde die Prostitution in Deutschland durch die rot-grüne Regierung komplett legalisiert. Wohl mit guter Absicht. Eine EU-Studie von 2011 stellte fest, dass das Gesetz in der Praxis total gescheitert sei. "Deutschland ist zum Eldorado für Zuhälter und Bordellbetreiber geworden. Laut Gesetz dürfen sie den Frauen sogar Anweisungen erteilen, und wir als Polizei können nur zuschauen. Die Ausbeutung der Frauen geht also immer weiter",  so der ehemalige Chef der Augsburger Kriminalpolizei Klaus Bayerl.

Das äußerst verdienstvolle Nachwort  der Österreicherin  Brigitte Spreitzer, Dozentin für Deutsche Literatur in Graz und Psychotherapeutin in freier Praxis, gibt einen ausführlichen Einblick in die Biographie der Autorin und schafft den Kontext zum Verständnis des Romans, indem sie zahlreiche bisher verschüttete Quellen anfügt, sowohl Äußerungen der Schriftstellerin selbst wie auch solche über ihr Werk.  Brigitte Spreitzer war es auch, die auf den Roman aufmerksam machte.

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Aalener Kulturjournal