Ena Lindenbaur ist die 14. Kunstpreisträgerin der VR-Bank Aalen

 „Dann leben sogar die Steine - Et même les pierres vivent"

Ena Lindenbaur heißt die 14. Kunstpreisträgerin der VR-Bank Aalen. Den Pleuer-Raben als Auszeichnung bekam  die Reutlinger Zeichnerin und Malerin im Fachsenfelder Schloss überreicht. „... wenn es einem glückt, innerhalb der geschlossenen Augen, noch einmal die Augen

zu schließen: dann leben sogar die Steine!“, schreibt Peter Handke in seiner

Schrift „Gewicht der Welt“ (Journal) und meine damit ein meditatives Versinken, in dem die Trennung zwischen Ich und Welt aufgehoben wird, betonte  Dr. Sabine Heilig in ihrer Vernissagerede. Die Künstlerin wählte daraus eine Sentenz für ihre Ausstellung: „dann leben sogar die Steine... et même les pierres vivent“.

Das Ökonomiegebäude proppenvoll mit Ausstellungsbesuchern. Höchst nachteilig spätestens dann, wenn man die Großformate der Künstlerin als Ganzes in Augenschein nehmen möchte. Ein zweiter Besuch im Fachsenfelder Schloss wird so unumgänglich. Ein Vergnügen sei angefügt, denn Schloss und Park bieten neben der Kunst noch einiges mehr. Ena Lindenbaurs Bilder wirken auf den ersten Blick wie leicht zu Papier gebrachte Zeichnungen. Zugegebenermaßen höchst temporeiche.

Den Publikumszuspruch wertet der Stiftungsvorsitzende von Schloss Fachsenfeld, Aalens Oberbürgermeister Thilo Rentschler, als ein untrügliches Zeichen, dass das Schloss idealer Hort von Kunst und Kultur sei. Der VR-Bank bescheinigt er vorbildliches Engagement, wobei die Fusion mit der Gmünder VR-Bank nun die Chance eröffne, dieses entsprechend der neu gewonnenen Bedeutung der VR-Bank weiter auszuweiten.

Grenzen sprengen

Eine lohnenswertes Engagement, wie die Bilder der Preisträgerin belegen, befasse sich doch Ena Lindenbaur mit dem Thema Mensch auf höchst eindrückliche Weise, so Rentschler, um anzufügen: "An diesen Bildern kann man sich kaum satt sehen."

Dem mag Dr. Heilig ohne Abstriche folgen. Ausführlich analysierte sie das Oeuvre der Künstlerin, deren charakteristische Hinwendung zur Linie. "Im Zeichnerischen sprengt sie alle Grenzen", sagt sie. Für Ena Lindenbauer ein schöpferischer Akt. Ein erkennbarer, wie die ausgestellten Arbeiten beweisen. Ihr geht es vor allem um die Suche nach Identität. Mittel zum Zweck sind sich immer mehr verdichtende Kreise, Schnörkel, Linien. Ein nicht endenden wollendes Konvolut, das immer in Bewegung scheint. Mit "Ich tauche in das Objekt ein, werde zum Objekt", umschreibt Dr. Heilig griffig Lindenbaurs Intension.

Die Künstlerin bevorzugt auffallend abstrakte, aber dennoch figurative Kunst. In den  Arbeiten glaubt man so viel zu erkennen und sieht doch so wenig Eindeutiges. Unübersehbar: Lindenbaur legt sich nicht fest, gibt nichts vor, ermöglicht so viel Gedankenarbeit, die sich dann meist mit Hoffnungen und Träume beschäftigt. Vielleicht aber auch mit Verzweiflung und Angst. Ena Lindenbaur ist dabei mit anderen Künstlern nur eingeschränkt zu vergleichen. Vielleicht noch am ehesten mit dem frühen Jackson Pollock, mit dessen abstrakten Impressionismus. Auch wenn es manchmal so scheint, immerhin winken Händchen aus Lindenbaurs Bildern.

Ironie und Humor? Keineswegs! Hintersinniges schon eher. Wobei die Künstlerin zu einer poetischen Handschrift neigt,  wenn sie zwischen freier und figurativer Abstraktion, fantasiegeladen, aber ohne genaue Zielvorgabe in freier Entfaltung ein zunächst kreatives wirkendes Chaos auf die Leinwand bringt. Eines, das allzu große Formenvielfalt vermeidet, auf bedeutungsschwangere Farbigkeit verzichtet.

 

Kunst als Bühne der Freiheit

Nicht jedoch auf rätselhaft wirkende Konstellationen, seien es die bereits erwähnten kreisenden Linien, die in wagenburgartigen (?) Verdichtungen münden, aus deren Geflecht  immer wieder Körper, Hände, Füße heraustreten.

Der Künstlerin hat diese Art Kunst nun den 14. VR-Bank-Kunstpreis eingebracht. Für VR-Bank-Vorstand Hans-Peter Weber ist das Engagement seines Institutes gelebte Verantwortung eines Wirtschaftsbetriebes für die Gesellschaft. Kunst sei die Bühne der Freiheit. Als Symbol dafür steht der gusseiserne Pleuer-Rabe. Der schwäbische Impressionist Hermann Pleuer verewigte ihn einstmals in seiner Malerei und die Freiherrn von Koenig-Fachsenfeld holten ihn sich als Wandzierrat ins Schlossgemäuer.

Den modernen Raben als Kleinplastik schuf Alfred Neukamm als künstlerisch gestalteten SHW-Eisenguss. Mit dieser Plastik sollen über den VR-Bank Kunstpreis bedeutende Leistungen im Bereich der bildenden Kunst gewürdigt werden. Von Ena Lindenbaurs Arbeit zeigt sich VR-Bank-Vorstand Hans-Peter Weber nicht nur überzeugt, sondern auch begeistert: "Ich verliere mich beim Anblick dieser Bilder regelrecht."

Der erste VR-Bank-Preisträger hieß übrigens Werner Pokorny, dessen Groß-Plastik am Kreisel bei der Aalener Hochbrücke steht. Ena Lindenbaur ist bereits die 14. Preisträgerin, der die Vogelskulptur in Schloss Fachsenfeld überreicht wurde. 2016 ging die Auszeichnung an Anton Zirkelbach. Zu den bekanntesten Preisträgern gehören unter anderem  Romane Holderried Kaesdorf (2006), Johannes Hüppi (2008), Heinrich Weid (2009) und Dorothea Schulz (2011).

Die passende Musik zur Kunst lieferte Wolfram Karrer (Akkordeon).

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Aalener Kulturjournal