Festival für Alte Musik Aalen: "Aliens in London"

Als die Welt noch anders war

"Aliens in London" - Politikum oder doch nur TV-Serie?  Gemach, weder trafen sich May, Johnson und Co zum Brexitfeiern in der Villa Stützel noch Russell Davies mit seiner gleichnamigen "Dr. Who"-Episode.  Es war schlicht Folge zwei des Aalener Festivals für Alte Musik. Das Ensemble "Les Abbagliati" hatte seinem Programm die Überschrift beschert. Aliens im Sinne von "fremd" und der Ensemblenamen im Sinne von "erleuchtet". Durchaus erhellend, zumal Sopranistin Soetkin Elbers recht anschaulich nicht nur in die musikalische Welt des Barocks entführte, sondern zugleich auch deren Zeitgeist wiederbelebte.

Was teils von Opernaufführungen bekannt sein dürfte - Mimik und Gestik der Akteure - wurde bei ihr Teil einer unterhaltsamen Performance, die allerdings immer wieder erläutert werden musste, schließlich weiß von den Heutigen kaum noch jemand, was zu Zeiten Händels ineinander gelegte Hände zu bedeuten haben. Auch bestimmte Fingerbewegungen, Gesichtsmimik oder gar Körperhaltung - in Zeiten des Relativismus spielt solcherart indirekte Kommunikation keine Rolle mehr, auch wenn im Rap Vergleichbares wieder auftaucht.  Zeichen der  Trauer und Freude, des Begehren und der Enttäuschung - für die Sänger des Barocks unverzichtbarer Teil des künstlerischen Repertoires. Im barocken Kostüm, mit bleich geschminktem Gesicht trägt Soetkin Elbers ihre Kantaten vor. Ein schönes, weil gefühlsreiches Beispiel gibt sie hierbei mit Georg Friedrich Händels "Pensieri notturni di Filli - Phyllis’ Nächtliche Gedanken" von 1709, übrigens die einzig erhaltene Händel-Kantate in der Besetzung Sopran, Altblockflöte und Basso continuo. Je nach Liedinhalt schmückt sich die Sopranistin mit bildhaften Symbolen, bei Bononcinis "Sento dentro" beispielsweise mit  Blumengirlande und Schäferstab.

Instrumental führt das Ensemble "Les Abbagliati" ins frühe 17. Jahrhundert, in ein Musikerleben, das - für höfische Kreise bestimmt - von Violine, Flöte, Cello und Cembalo dominiert wurde. Leicht befremdliche, weil fast vergessene  Musik, die aber zu recht neugierig macht und zugleich mit überraschendem Wohlklang erfreut.  Ein wenig wie Musik aus einer anderen Welt. Wobei all jenen, die bereits am Vorabend in der Villa Stützel waren, der Unterschied in der Interpretation auffiel. Während Daniela Wartenberg ("Hot Love - High Voices") ihrem Cellospiel das tiefe, schwere Timbre des Basso continuo verlieh und mit Michael Eberth am Cembalo ein sehr ausgewogenes Miteinander pflegte, schienen die jungen Musiker des Ensembles "Les Abbagliati" mehr auf ein harmonisches Nebeneinander zu setzen. Daraus entwickelte sich ein luftigeres französisch geprägtes Spiel. Beeindruckend hierbei die Interpretation von John Playfords "Division Violin", in der die Flöte so apart das altenglische "Greensleeves" singt.

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal