Essay zur Inszenierung von "Ein Faustexperiment" am Aalener Stadttheater 

Im "Faust" summiert sich Goethes Leben. 

Goethes "Faust" ist das berühmteste Werk der deutschen Literatur. Vorlage wie Grundlage für Komponisten und Literaten. Selbst der deutsche Nationalsozialismus hat  sich auf Dr. Faustus berufen, erklärte ihn zum "arischen Übermenschen". DDR-Staatschef Walter Ulbricht  sah sich gar als Faust-Epigone, der wie dieser  "auf freiem Grund mit freiem Volke stehn" wolle. Wie auch die DDR-Kulturpolitik sich als Erbe der Weimarer Klassik verstand. Und Goethe, was hätte der wohl dazu gemeint? "Es irrt der Mensch, solang er strebt". Mit Sicherheit.

In seinem zweiundachtzigsten Lebensjahr beendet Goethe endlich seinen "Faust", der dann nach seinem Tod 1832 völlig verfügbar ist. Leicht zu lesen ist der "Faust" nicht.  Begonnen hat Goethe als junger unbekannter Schriftsteller. Während dieses langen Zeitraums erlebt er die Französische Revolution, die Napoleonischen Kriege, den Zusammenbruch des Heiligen Römischen Reiches. Das Denken verändert sich durch die zeitgenössische Philosophie fundamental. Mit Kant, dessen Lehre am tiefsten in die deutsche Kultur eingedrungen sei, so Goethe zu seinem Sekretär Eckermann; dann  Fichte, Schelling, Schopenhauer, Hegel, die Kants Philosophie  weiter ausführen. 

Mit allen ist Goethe persönlich bekannt. Nach Weimar kommt der Frankfurter Patrizier auf Einladung der Herzogin Anna Amalia, bereits ein Star der Literaturszene als Dichter des "Werther", des "Götz von Berlichingen", schließt mit  dem Thronfolger eine Lebensfreundschaft,  wird geadelt, übernimmt verantwortungsvolle politische Ämter. Unvergesslich bleibt er jedoch als der Dichter der Weimarer Klassik.  All dies spiegelt sich in seinem "Faust".

 

In der Tat ist Johann Georg Faust, eine historische Figur, um 1480 in Knittlingen bei Pforzheim geboren,  an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit, unterwegs als Heilkünstler, Hellseher, Alchemist, Astrologe. Doch gesellschaftsfähig war er nicht. Verlässliche Quellen belegen unter anderem seine Aufenthalte in Bamberg, Ingolstadt und Nürnberg. Selbst ein Bischof lässt sich von ihm das Horoskop erstellen. Auch Übergriffe auf Knaben werden angedeutet. Um 1540 kommt Faust in Staufen im Breisgau wohl bei einer Explosion ums Leben, als er bei einem alchemistischen Versuch im Auftrag des Burgherrn von Staufen Gold herstellen will.

 

Eine bis heute faszinierende Figur, um die sich zahlreiche Mythen ranken. Die "mythische Urgestalt der Moderne", wie Faust gern genannt wird. Dramen- wie Warnfigur zugleich, Prototyp des modernen Menschen, der das  mittelalterliche Ordo-Prinzip, die alten Autoritäten negiert, um sich selbst die Grenzen zu setzen.

Mythische Urgestalt der Moderne

Bereits 1587 veröffentlicht der Buchdrucker Johann Spiess die "Historia von D. Johann Fausten, dem weitbeschreyten Zauberer und Schwartzkünstler" und schafft damit die Vorlage für alle Faustdichtungen. Von Christopher Marlowe (1654-1593), dem bedeutendsten englischen Dramatiker vor Shakespeare über Johann Wolfgang von Goethe, Thomas Mann bis  hin zu Thea Dorn, spiegelt sich das Faust-Motiv im Kontext seiner Zeit. Mal rebelliert er gegen Gott, mal ist er der um Erkenntnis ringende Gelehrte, der die Grenzen der Wissenschaft zu sprengen versucht.

 

Schuldgefühle gegenüber Friederike Brion, der elsässischen Pfarrerstochter, mit der der junge Goethe eine Liebesbeziehung von nicht langer Dauer verbindet, ein Prozess gegen eine Frankfurter Kindsmörderin sowie Erinnerungen an ein Puppenspiel der Kinderzeit regen  Goethe dazu an, den Fauststoff aufzugreifen. Sein "Urfaust" (1772-75) entsteht. Goethe macht den volkstümlichen "Zauberer und Schwarzkünstler Faust " zum Prototyp des modernen Genies. 

"Habe nun, ach! Philosophie, / Juristerei und Medizin, / Und leider auch Theologie! / Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. / Da steh ich nun, ich armer Tor! / Und bin so klug als wie zuvor." Ein alternder Wissenschaftler in der Midlife-Crisis, der sich als gescheitert betrachtet.  Unzufrieden. Spottet über den gängigen Wissenschaftsbetrieb; Wissen ist für ihn Macht, und die will er ganz, will Gott ähnlich werden. Repräsentant der Menschheit und deren Dranges zur Erkenntnis.

Modern gesagt: ein Selbstoptimierer! Um zu erfahren, "was die Welt im Innersten zusammenhält", ist er bereit, alle Grenzen der menschlichen Natur zu sprengen, eine Wette mit dem Teufel Mephistopheles einzugehen. Eine Wette wohlgemerkt lässt Goethe seinen  Faust abschließen, keinen Pakt mit dem Teufel wie üblich. Das Stück beginnt im Himmel, ähnelt hier der alttestamentarischen Erzählung von Hiob. Mephisto, der Teufel, stellt mit  Gottes Genehmigung Faust auf die Probe. Der Ausgang ist offen.

Goethe ist nie "Mainstream"

Zuerst einmal entführt Mephisto Faust in die Welt des Alltäglichen: Party, Alkohol, unterschiedlichste Ablenkungen. So verführt der vornehme Herr  ein einfaches, unschuldiges Mädchen von etwa  14 Jahren: Margarete, eingegangen in die Weltliteratur als Gretchen. Die wird schwanger, wird aus Verzweiflung -  aus "Furcht vor der Schand" - zur Kindsmörderin.

Zuvor stirbt Gretchens Mutter am Gift, der Bruder Valentin wird erstochen. Drahtzieher sind jeweils Faust und Mephisto. Faust hingegen setzt sich ab, verschwendet keinen Gedanken an Gretchen, feiert lieber zusammen mit Mephisto Orgien auf dem Blocksberg. Am Ende des ersten Teils hat Faust große moralische Schuld auf sich geladen, macht Mephisto Vorwürfe, der  aber weist Faust darauf hin, dass der Mensch die Gemeinschaft mit dem Bösen nicht suchen müsse, dass er sich freiwillig dazu entschieden habe. Gretchen, indes im Kerker wahnsinnig geworden, stellt sich in einem hellen Moment ihrer Verantwortung, nimmt das Todesurteil an, statt mit Mephisto und Faust, den dann doch Schuldgefühle plagen, zu fliehen. Das kleine naive Mädchen ist im ersten Teil von Goethes "Faust" die einzige Figur, die zur inneren Größe sich durchringt. 

Geht es in "Faust I" in erster Linie um die persönliche Verantwortung des Menschen für sein Handeln, so ist "Faust II", der nie so populär wird wie der erste Teil, vor allem eine Auseinandersetzung mit der Moderne, mit der klassischen "Antike" und der "Romantik", welche Goethe mit der Moderne gleichsetzt. Gemeint sind nicht die Epochen (diese Einteilung kommt später), sondern eine Haltung. Goethe lehnt die romantische Neigung zur Irrationalität, zum Überdrehten, Phantastischen ab.

 

Wie auch die unhistorische verfälschte Mittelalterverehrung anfangs des 19. Jahrhunderts. Die mittelalterliche Literatur enthalte zwar starke Charaktere, meint Goethe, jedoch keine kultivierte Menschlichkeit. Diese finde sich bei den alten Griechen. Die Glorifizierung des Mittelalters mündet zudem rasch in national-patriotische Bewegungen, denen Goethe grundsätzlich misstraut, genauso wie er Kriege verabscheut. In seinen Venezianischen Epigrammen sagt er: „Alle Freiheitsapostel, sie waren mir immer zuwider/ Willkür suchte doch nur jeder am Ende für sich.“  Goethe ist nie "Mainstream".

 

 

In "Faust II" bedient sich Goethe  einer höchst allegorischen Sprache, typisch für seinen Altersstil. Er reiht Bild an Bild, welche aufeinander verweisen, zudem Zitate aus der Mythologie, aus der Weltliteratur. 

Bei Lichte besehen ist der zweite Teil  aktueller denn je. Nun lebt Faust am Hof des Kaisers, erfindet mithilfe von Zauberei das Papiergeld, denn die  wirtschaftliche Basis der Feudalordnung liegt am Boden. Neue Kriegstechniken werden von Faust und Mephisto entwickelt, die dem Kaiser zum Sieg verhelfen, militärische Eroberungen garantieren. Zusammen mit Mephisto schafft Faust einen künstlichen Menschen, den Homunculus, das "Menschlein"; die Alchemisten versuchten schon im 16. Jahrhundert, jene Zeit, als die Wissenschaft sich von kirchlichen Vormündern zu lösen beginnt,  Leben künstlich zu erzeugen. Wieder zeigt sich am Beispiel von Faust der Typus des modernen Wissenschaftlers, des Grenzüberschreiters. Faust wird bald zum Herrscher, Herr der Meere und Kolonisator. Faust als Ingenieur, einen gigantischen Deichbau planend, um dem Meer Land abzuringen. Kanäle, Dämme, Häfen, dichte Besiedelung. Ständiger Aktionismus. Fausts Welt versinnbildlicht die Folgen von Fortschritt und Gewalt.

Auch das menschliche Zusammenleben  soll neu geordnet,  eine Gemeinschaft "freier" Individuen geschaffen werden. Was "Freiheit" bedeutet, definiert Faust, der blind agiert ohne jegliches Maß, Mephisto an seiner Seite als Anführer einer Verbrecherbande. "Man hat Gewalt, so hat man Recht", sagt Mephisto. Das alte Ehepaar Philemon und Baucis, welches die Natur als göttliche Schöpfung sieht, wird ermordet, deren Idylle zerstört. Faust in seiner Maßlosigkeit will den "Weltbesitz", kann nicht einmal "wenig Bäume" dulden, die ihm nicht gehören. Alles muss weichen, was sich ihm in den Weg stellt. Das absolute Wollen des Herrschers - Gott ähnlich - steht dem Leiden der Beherrschten gegenüber. Jedes Projekt wird ohne Rücksicht vorangetrieben. Um Neues zu schaffen, wird zerstört. Das ist der tatsächliche Pakt mit dem Teufel.

Faust geht es nur noch und ausschließlich um die Befriedigung seines Narzissmus, das eigentlich Verwerfliche. Goethe, selbst ein Mensch der Tat, verurteilt nicht die menschliche Autonomie, aber wie bei Kant gibt es für ihn keine Autonomie ohne Selbstbeschränkung.

Auf den Punkt gebracht  beleuchtet das Drama die Probleme unserer Gegenwart: Umwelt- und Wirtschaftskrise, genetische Manipulation des Menschen, künstliche Intelligenz ...

Der amerikanische Germanist David Wellberry sieht  im "Faust" das Drama der Moderne schlechthin, gerade aus diesem Grund sei es auch ein Drama über kulturelles Gedächtnis und Geschichtsbewusstsein. "Kein anderer Denker vor Marx hat den Voodoo-Kult um Werte, die noch gar nicht existieren und trotzdem schon in Anspruch genommen werden, poetisch genauer in den Blick gefasst." (Der Standard).

 

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Aalener Kulturjournal