Gianna Nannini beim Festival Schloss Kapfenburg

 Grenzenlos und mit Herzklopfen bis zum Hals 

 

 "Bello, bello e impossibile / con gli occhi maroni e il tuo sapor mediorientale / bello, bello e invincibile / con gli occhi maroni e la tua bocca da baciare - Schön, schön und unmöglich mit diesen schwarzen Augen und deiner morgenländischen Art. / Schön, schön und unbesiegbar mit diesen schwarzen Augen und deinem einladenden Mund." Da mag man doch zustimmen! Vielleicht, weil die  Stimme wie ein Reibeisen klingt, das Temperament ungezügelt scheint und das R langgestreckt rollt, wie dies nur noch Adriano Celentano kann. Die Sprache ist selbstredend von Gianna Nannini, dem absoluten Highlight beim Festival Schloss Kapfenburg. Der Schlosshof brechend voll, die Stimmung von Anbeginn top und die Musik unvergleichlich. Wenn Gianna Nannini die Bühne betritt, steht einer phänomenalen OpenAir-Nacht nichts mehr im Wege.   

Bereits über eine Stunde vor Konzertbeginn füllt sich der Platz zwischen den Gemäuern, ab Konzertbeginn gibt´s kein Durchkommen mehr. Dicht an dicht standen die Besucher, rockten zur Musik, schwenkten die Arme, klatschten im Rhythmus, sangen die altbekannten Lieder. Und von denen hatte Gianna Nannini auf ihrer  Tour jede Menge dabei. Die Fans damit auf ihre Seite zu ziehen - obwohl schon tausendmal gehört? Kein Problem! Dass musikalisches Können und Qualität dafür auch keine Aufwärmphase mittels zweitrangiger Bands braucht, liegt auf der Hand, zumal „Gianna“, wie die Fans  riefen, auch nach jahrzehntelanger Karriere noch immer über jene markante Stimme verfügt, die jeder auf Anhieb erkennt, weil sie eben so anmaßend heiser und krächzend klingt. Ganz gleich, ob gesungen oder gesprochen. Was aus ihrer Kehle dringt, wird umjubelt. 

markante Stimme verfügt, die jeder auf Anhieb erkennt, weil sie eben so anmaßend heiser und krächzend klingt. Ganz gleich, ob gesungen oder gesprochen. Was aus ihrer Kehle dringt, wird umjubelt. 

Sie ist noch immer ganz Rockröhre, gibt die Wilde, rennt die Bühne auf und ab. Leicht gezügelt, schließlich geht an keiner die Jahre spurlos vorüber.  Wütend den Mikrofonständer umwerfen, auf Lautsprecherboxen springen - die jungen Rock- und Revoluzzerinnenjahre sind dahin. Was nicht zuletzt auch die Kleidung belegt. Leger aber keine Rockerjacke. Dafür ein silbriges Glitzerhemdchen. 

Die genialen Streichereinlagen sind nach wie vor mit von der Partie, bereichern die Lieder, sorgen gemeinsam mit der Band und zwei Backgroundsängerinnen für den unvergleichlich dichten Klangteppich, vor dem sich Gianna Nanninis Stimme so fabelhaft entfaltet. Nahezu zwei Stunden herrscht sie über den Schlosshof, hat die Szenerie im Griff, gibt ihren Musikern Zeichen, koordiniert und inszeniert als Hauptdarstellerin eine großartige Bühnenshow. Mit ihren Liedern steuert sie den Stimmungspegel, mal aufbrausend und rockig, mal leise und nachdenklich. Musikalisch legt sie nach wie vor dieselbe Kraft an den Tag wie in den 1970ern, unterstützt von durchaus auch einmal elegischen Violinen, aber meist von einem Gitarrenmix, der an Hendrix, Cobain und Manson erinnert. dazu kommen harte tiefe Beats und groovender Bass - eben Rock alter Schule.

Bei Gianna Nannini vermisst niemand Wohlklang. Darum ging es ihr in den Balladen auch nie. Sie will Missstände offenlegen, aussprechen, was sich niemand traut, die männlichen Sangeskollegen allemal nicht. Und es geht um das ganz große Gefühle, um „Latin Lover“ und unverzichtbar die Frage „Tu quell' espressione malinconica e quel sorriso in più, ma cosa mi fai?“ („Un estate italiana“). Gianna Nannini bleibt sich treu, auch wenn sie erkennen musste: "Vielleicht wird kein Lied / Die Spielregeln ändern, / Aber ich will es so leben, dieses Abenteuer, /Grenzenlos und mit Herzklopfen bis zum Hals."

 

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Aalener Kulturjournal