Festkonzert

250 Jahre Stadtkirche Aalen

1648/49 wurde die beim großen Stadtbrand (1634) teilzerstörte Nikolaus-Kirche (Stadtkirche) mehr schlecht als recht wieder aufgebaut. Die Bürgerschaft richtete sich auf ein eher spartanisches Leben in trostloser Nachkriegszeit ein und der junge Christian Friedrich Daniel Schubart musizierte beim Gottesdienst an der Orgel - sein Vater war Kantor in der Aalener Stadtkirche. Um die Sicherheit der Bürger besser gewährleisten zu können, wurde der Kirchturm, der zugleich als Spähturm diente, um elf auf 46 Meter aufgestockt. Allerdings mit dem Ergebnis, dass die viel zu schwachen Fundamente die neue Last nicht tragen konnten und folglich der Turm am Pfingstdienstag, dem 28. Mai 1765, zusammenbrach, das Kirchenschiff samt  Chor schwer beschädigte sowie zwei Kinder des Turmwärters unter sich begrub.

 

Bereits zwei Jahre (1767) später stand an gleicher Stelle der komplette Neubau - vor 250 Jahren. An die Wiedereinweihung der Stadtkirche wurde am vergangenen ersten Adventssonntag mit einem Festkonzert erinnert. Auf den Tag genau - ebenfalls der 1. Adventssonntag und ebenfalls der 3. Dezember, aber vor 293 Jahre -  spielte Johann Sebastian Bach in der Leipziger Thomaskirche erstmals seine Kantate "Nun komm, der Heiden Heiland" (BWV 61,1). Was bot sich also besser für den Auftakt des Festkonzerts an, als daraus die Ouvertüre zu spielen. Danach nochmal Bach, sein drittes  "Brandenburgisches Konzert". Mit "Concerts avec plusieurs instruments" umschrieb Bach seine sechs Konzerte, da jedes anders besetzt war. 

Beim dritten geht es vor allem um die Balance der einzelnen Stimmen, der Bewahrung der jeweiligen Eigenheit und insbesondere um das konzertante Miteinander, wobei zwischen den beiden Allegrosätzen sich eine Kadenz wiederfindet. Als Dirigent sorgt der Kirchenmusikdirektor für ein zügiges Musizieren, aus dem sich  die beiden Violinsolistinnen Monika und Barbara Böhm sowie Ferdinand Krannich am Cembalo hervorhoben. Bachsche Musik pur, derer man nie überdrüssig wird. 

Das Festkonzert setzte an diesem Abend auf Vielfalt, die sich selbstredend auch bei Bach findet, beispielsweise in seiner Kantate "Jauchzet Gott in allen Landen". Eine hervorgehobene Musik  in  festlicher Besetzung mit dem Ulmer Trompeter Johann Konnerth und Julia Küsswetter als Solosopranistin. Musik, die höchsten Ansprüchen gerecht wird. Konnerth ist den Aalenern als Meistertrompeter seit Jahren bekannt. Gespannt durfte man auf Julia Küsswetter sein, insbesondere darauf, wie sie mit den teils schwierigen akustischen Verhältnissen in der Stadtkirche klar kommen würde. Exzellent, wie sich rasch herausstellte. Deutlich und 

verständlich artikulierend,  mit fein gewählter Höhe und weitläufigen Bögen sang sie die "Jauchzet Gott in allen Landen"- Aria kraftvoll und anmutig zugleich. 

Vor allem verstand sich die Dinkelsbühler Künstlerin darauf, mit ihrem Gesang einer empfindsamen Ergriffenheit nahezukommen. Meister Bach wäre hocherfreut gewesen.

Bei der Wiedereröffnung der Stadtkirche vor 250 Jahren kam Bachs Choral „Sei Lob und Preis mit Ehren Gott Vater, Sohn, Heiligem Geist!" aus eben dieser Kantate „zum Einsatz". Thomas Haller setzte sie beim Festgottesdienst nun in den Mittelpunkt, präsentierte die gesamte Kantate.

Bewährte sich eingangs die Aalener Kantorei bei Bachs „Nun komm der Heiden Heiland“ mit kräftigem Chorgesang, so sorgte sie nun mit Georg Eberhard Duntz, ein Zeitgenosse Bachs, „Machet die Tore weit“ für . gehobenen festlichen Wohlklang. Unerwartet hingegen die zeitgenössische Komposition "Magnificat op. 94" des einstigen Aalener Kantors Gunther Martin Göttsche. Überraschend auch der in Latein gehaltene Text. Bei einem 1953 geborenen Komponisten wäre eigentlich ein moderner Sprachgebrach, gesetzt in moderne Harmonien, vielleicht gar von Schönbergscher Qualität zu erwarten. Nichts von alledem. 

Die Aalener Kantorei  sah sich einer leicht beschwingten, durchgehend lebhaften Melodie gegenüber, die auf musikalische Ausbrüche verzichtete, aber in Verbindung mit dem lateinischen Text die für ein Magnificat notwendige Schönheit betonte, ohne die christliche Botschaft zu vernachlässigen.

Zwischen den Musikstücken las Pfarrerin Caroline Bender aus dem zeitgenössischen Bericht des Aaleners Johann Leonhard Kauffmann über den Wiederaufbau der Stadtkirche. Daran erinnert auch im Festgottesdienst Dekan Ralf Drescher, für den Kirche als Gemeinde und Gebäude nie vollendet sei, da der Wandel von Zeit und Gesellschaft immer neue Antworten erfordere. 

Der Maßstab hierbei müsse jedoch immer das Evangelium sein. Oberbürgermeister Thilo Rentschler betonte, dass im abgelaufenen Lutherjahr das Bewusstsein für die evangelische Konfession neu geschärft worden sei. Den Wiederaufbau der Stadtkirche vor 250 Jahren versteht er als frühes konfessionsübergreifendes Gemeinschaftswerk, da der evangelische Landesbaumeister Johann Adam Gross den Architekturentwurf geliefert habe und der katholische Baumeister Johann Michael Keller für die Umsetzung sorgte. Architektonisches Vorbild sei die Schlosskirche in Stuttgart gewesen, weshalb die Aalener Stadtkirche eine der wenigen evangelischen Barockkirchen in Deutschland sei.

 

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Aalener Kulturjournal