Die letzte Premiere steht an

Molière! Eine Komödie

Wer beim Theater in die Zukunft blicken will, muss sich stets auch der Vergangenheit vergewissern - zumindest lässt sich so das derzeit aktuelle Motto der Aalener Theatermacher interpretieren. Aber - während sich bereits die neue Saison ins rechte Licht rückt (Theaterprogramm-2017/18), geht bei der  gegenwärtigen unaufhaltsam das Licht aus. Oder? Vielleicht doch nicht ganz, denn am 30. Juni gibt es für einen ganz Großen der Theaterszene eine Premiere im Wasseralfinger Schloss. Indes ein recht betagter mag man voreilig anfügen, geht es doch um Jean-Baptiste Poquelin, besser bekannt als Molière, und der ist - obwohl bemerkenswerte 395 Jahre alt - aktueller denn je.

Molière der Autor, Regisseur, Schauspieler und und und. Fast sein ganzes Leben widmet er der Bühne, manche behaupten gar, es sei ein einziges Theaterstück. Bei Molière kann dies - angesichts von Stücken wie "Der Geizige", "Der eingebildete Kranke" und "Der Bürger als Edelmann" - selbstredend nur eine Komödie sein. Was liegt also näher, muss sich mit Blick auf ein Sommertheaterstück die hiesige Schauspielerei gesagt haben, als solch ein facettenreiches Leben und Repertoire auf die Bühne zu bringen. So legte denn auch Intendant Tonio Kleinknecht für seine Stückentwicklung Hand an Molières Wirken und Werke. Alles ineinander fließen lassen, ausgewählte Inhalte einzelner Stücke mit überlieferten Tatsachen aus Molières Leben vermischen. Ein vielversprechendes Vorhaben, bietet doch der Franzose ausreichend Stoff für eine ungezügelte Liebeserklärung an das Theater.

Mit einer Wandertruppe und dem Thespiskarren in der Provinz unterwegs, buhlt der junge Molière ab Mitte des 17. Jahrhunderts  mit Possen und Zoten um die Gunst des Publikums, wird dabei vom Bruder Ludwigs XIV. entdeckt und an den Hof des „Sonnenkönigs“ geholt. Hier beginnt seine einzigartige Theaterarbeit, die er mit Hilfe seiner Lebensgefährtin Madeleine Béjart erfolgreich professionalisiert. Mit der Zeit werden seine Stücke - aller Humoreske zum Trotz - immer bissiger. Er nimmt alles, was ihn umgibt, widerfährt  und in den Sinn kommt, aufs Korn. 

Molière will nicht nur spielen!  

In Wasseralfingen wird das Schauspielerensemble (Mirjam Birkl, Philipp Dürschmied, Marcus Krone, Arwid Klaws und Alice Katharina Schmidt) tatkräftig durch Mitglieder aus den Spielclubs des Theaters verstärkt. Dazu gibt es passende Musik (Christian Bolz), selbstredend historische Kostüme (Birgit Barth) und videogestützte Scherenschnitte (Britta Sturm). Und das alles vor einer von Ana Tasic klar strukturierten Bühne. Das alles für einen Molière, der in vier Altersphasen vorgeführt wird, der Künstler und Geschäftsmann ist und der es nicht lassen kann, seine Zeitgenossen launig aufzuziehen. Molière der Satiriker und Kritiker, der sehr genau die Wirklichkeit um sich herum wahrnimmt, um damit seine Komödien subversiv zu bereichern - was Tonio Kleinknecht mit "der will auch piksen“ umschreibt. Tina Brüggemann geht noch einen Schritt weiter, indem sie daran erinnert, dass Molière es sich nicht nehmen ließ, gar vor dem  Sonnenkönig Stücke aufzuführen, die ganz offen politische wie gesellschaftliche Autoritäten in Frage stellten.

Die Rede ist vom 17. Jahrhundert oder um es mit Schiller zu sagen: "Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen / und das Erhabene in den Staub zu ziehn." Das aber überaus lustvoll, weshalb  Molière so vehement verehrt wurde und wird. Damals wie heute. Deshalb darf Winfried Tobias sich sicher sein, dass sein „Ich hoffe, dass es hinterher mehr Molière-Fans gibt als zuvor“ in Erfüllung gehen wird. 

Nur beim Publikum oder auch unter den Schauspielern? Die Frage sorgt für eine kurze Denkpause, ist sie doch durchaus heikel. Moderne Zeiten verlangen - wie im gleichnamigen Film von Charly Chaplin - nicht nur vollen Einsatz im Beruf, sondern bis hinein ins Privatleben. Immer verfügbar, immer erreichbar, die Gedanken immer beim Job.

Wie war es bei Molière? Zu seiner Zeit war das eine Selbstverständlichkeit, es gab keinen Feierabend, Privates und Berufliches gingen ineinander über. Das sorge am Theater regelmäßig für Diskussionsstoff, so Tonio Kleinknecht, der vermutet, dass es sich von seiner Struktur her nie ganz strikt trennen lassen wird. Dennoch, eine Theaterkommune wolle niemand, stellt Winfried Tobias  klar. Man verbinde zwar weitestgehend Leben und Arbeit, das sei manchmal durchaus auch toll, manchmal jedoch auch anstrengend. Dessen ungeachtet sei aber unabdingbar: "Das Theater soll ein familienfreundlicher Betrieb sein."

"Hauptsache theaterverrückt!"

Für das Ensemble wie die Theaterleitung eine der unverzichtbaren Voraussetzungen für ihre Arbeit, zu denen auch die Einbindung interessierter Laienschauspieler in die professionelle Bühnenarbeit gehört. Das Stichwort heißt: Bürgertheater. Dabei gehe es um eine gedeihliche Vorortung der Kunst in der Stadt, betont Tina Brüggemann. Dienliches Mittel zum Zweck seien die Spielclubs wie auch der seit dieser Saison aktive Bürgerchor, der übrigens im kommenden Jahr eine eigene Inszenierung haben werde. Dies sei gewollt und notwendig, um einen erfolgversprechenden Mix aus Profis und Amateuren zu erreichen, meint Tina Brüggemann, die das Ganze schließlich mit "Hauptsache theaterverrückt!" auf den Punkt bringt.

Womit das Gespräch wieder beim eben solch theaterverrückten  Molière angelangt wäre. Freilich müsse niemand dessen Stücke auswendig im Kopf haben, um der Aufführung folgen zu können, versichert die Dramaturgin. Zumal er ähnlich wie Shakespeare den Anspruch verkörpere, für alle zu schreiben. Sich begeistern lassen, genüge, sind sich die Theatermacher sicher, wobei Winfried Tobias allerdings anfügen möchte: Wer die existenziellen Probleme von Molières Figuren ernst nehme, erkenne zugleich deren Tragik. 

Die höchste Kunst sei es, sich in dieser Situation über sich selbst lustig zu machen. Die besten Voraussetzungen also für eine vergnügliche Open-Air-Aufführung im Wasseralfinger Schlosshof.

Apropos Sommertheater und Schlosshof. Beides gehört zusammen, schon weil sich das Publikum sicher sein darf, das Freilufttheater dank überdimensionaler "Regenschirme" selbst bei stürmischem Nass von oben im Trockenen genießen zu können. Dennoch zögert Intendant Tonio Kleinknecht bei der Frage, ob das Stadttheater auch in künftigen Kulturbahnhofzeiten diesem Freiluftspielort treu bleiben werde. Herauszuhören ist ein deutliches Jein. Am liebsten erinnere ich mich an die Zukunft? Vielleicht ist die Frage auch nur zu früh gestellt.

 

Viel wichtiger hier und jetzt: Für die Premiere und alle nachfolgenden Aufführungen gibt es noch Karten!

"Molière! Eine Komödie"

Sommertheater im Wasseralfinger Schlosshof

 

Termine:

Öffentliche Probe: 28. Juni, 20.30 Uhr.

 

Premiere: 30. Juni, 20.30 Uhr.

 

Weitere Termine: 1., 7., 8., 9., 12., 13., 16., 18., 19., 20., 21., 22. und 23. Juli jeweils 20.30 Uhr; 27., 28., 29., 30., 31. Juli und 1. August jeweils 20 Uhr. Karten: Telefon 07361 / 522600, E-Mail kasse@theateraalen.de oder unter www.reservix.de

 

Fotos: Peter Schlipf

 

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Aalener Kulturjournal