Golgatha - Ein Kreuzweg

"Und es wird alles vollendet werden."  

(AK) Ein Osteroratorium mal ganz anders: Die evangelische Kirchengemeinde wagte sich in der Stadtkirche an Michael Lipperts "Golgatha - Ein Kreuzweg". Um es vorwegzunehmen: Ein äußerst erfolgreiches Unternehmen, dem Kirchenmusikdirektor Thomas Haller (Leitung), die Aalener Kantorei, Jugendkantorei, das bewährte Orchester und Bariton Reinhard Krämer sowie April Hailer als Sprecherin eine eigne Note verleihen.

Sänger und Musiker auf der Empore, April Hailer vor dem Altar und viel Publikum im Kirchenschiff. Die Erwartungen der Zuhörer sind groß und zugleich vorhersehbar. Aber was der Bayreuther Komponist Michael Lippert in jüngerer Vergangenheit in Noten gesetzt hat, übertrifft rasch alle Erwartungen. Bekanntermaßen gehört eine verinnerlichte Stimmung immer zu solch einem Oratorium, ob zu Weihnacht oder eben zu Ostern, doch dieser Kreuzweg überflügelt an Dramatik und Emotionalität selbst kühnste Vorstellungen. Die Kenntnis über die Leiden Jesu auf seinem letzten Weg darf vorausgesetzt werden. Umso überraschender, dass Thomas Haller in seiner Dramaturgie nicht unmittelbar mit Lipperts "Sehet, wir gehen hinauf" beginnt, sondern zwei klangstarke Kirchenlieder (eines aus der Reformationszeit, beim zweiten fordert Haller von der Empore herab die Gemeinde zum Mitsingen auf) voran- und am Ende des Oratorium "Christus der uns selig macht" nachstellt. Ein wohlüberlegter wie gelungener Handgriff, der die Zuhörer atmosphärisch auf den bevorstehenden Kreuzweg einstimmt, beziehungsweise ihn adäquat ausklingen lässt.

Ein andalusischer Kreuzweg

Das Oratorium spiegelt bewusst die nach wie vor in Andalusien gepflegten Prozessionen während der Karwoche. Von Palmsonntag bis Ostern erreichen diese in Südspanien ihren Höhepunkt. Gläubige versammeln sich in den Straßen, um für mitteleuropäische Begriffe verzückt die Passion Christi zu feiern. Doch nicht nur. Theatralisch werden übergroße Figuren aus der biblischen Leidensgeschichte durch die Straßen getragen. In der Aalener Stadtkirche sind diese zwar nicht mit dabei, doch die andalusisch angehauchte Begleitmusik schon. Mystische Trommelschläge und dunkle Posaunen geben den Ton an, Bei Lippert nehmen Streicher die feinen, den Schmerz der Gottesmutter ausdrückenden Melodien auf. Viele der spanischen Prozessionsteilnehmer sind als Büßer verkleidet und erinnern so ein wenig an die Prozessionen entlang der Jerusalemer Via Dolorosa. Trotz dieses Vorbilds bleibt Lipperts Ansatz allerdings erstaunlich einfach, was sich in seinem schlichten "Sehet, wir gehen hinauf!"mit eingängiger, melancholisch gefärbter Melodie wiederfindet.

 

Eine Musik, die berührt, allmählich an Kraft gewinnt, empathischer wird, um in markanter Dynamik Christi Weg nach Golgatha zu beschreiben.

Der 1965 geborene Lippert orientiert sich bei seiner Komposition übrigens nicht an der Musik vergangener Zeiten, sondern präferiert eine höchst zeitgenössische. Ohne allerdings überlieferte Traditionen aus den Augen zu lassen.  Souverän führt Thomas Haller seine Sänger und Musiker durch dieses "Golgatha", hin zu einem durchaus auch expressiven, aber immer emotional berührenden "musikalischen Kreuzweg". Aller Vorbilder bezüglich der Karfreitagsprozessionen der Semana Santa zum Trotz widersteht Haller der Versuchung, die Musik mit ihrer südlich eingefärbten Folklore eins zu eins zu übernehmen. So wird entgegen aller Andeutungen zu Beginn des Konzerts eben doch kein andalusisches Musikfest daraus, sondern eine bewegende von bedrückenden wie zarten Tönen durchsetzte Passionsmusik voller Dramatik, was hiesigen Erwartungen an das Karfreitagsgeschehen entspricht, was die Kreuzigung Christi so überaus erfahrbar werden lässt.

Ein Trauermarsch gibt das Zeichen

April Hailer liest den allseits bekannten Text aus dem Evangelium akzentuiert, gelegentlich etwas überzeichnet, doch betont leidenschaftlich. Die Kantorei "wiederholt" in gesungenen Worten, pflegt einen klaren und homogenen Gleichklang, was ein gutes Textverständnis ermöglicht. Begleitet wird der Chor von einem kleinen Orchester, das sich auf die  erforderliche  klangmalerische Umsetzung der dramatischen Szenen versteht. Schönes Beispiel gleich zu Beginn; Der "Trauermarsch", der mit intensiven Paukenschlägen und Posaunenrufen einen vielversprechenden Spannungsbogen aufbaut. Mit "Hört die Geschichte von Golgatha" eröffnet der Begleittext. Verständlich werden die einzelnen Szenen. Auch der Tumult vorm Jerusalemer Palast. Man hört förmlich das hysterische Geschrei der sensationslüsternen Menge bei der Verurteilung Jesu. Musik und Gesang tragen dazu bei, sich gedanklich in den gefangenen Christus hineinversetzen, seinen Schmerz zu erkennen und den Willen, dem Leiden zu widerstehen. Baritons Rainer Krämer, der sich als Gesangssolist der Rolle Christi annimmt, singt bewegend von diesen eindringlichsten Momenten (Kreuzigungs- und Sterbeszene), höchst ergreifend in klarer und warmer Interpretation. Dann der Tod Jesu. Ferdinand Krannich setzt mit der Orgel einen letzten langgezogenen Ton. Minutenlange Stille folgt, die Kirchenglocken beginnen zu läuten.

Vom Weihnachts- zum Osterlied

Über eindringliche Klang- und Textcollagen erzählt das Oratorium "Golgatha" das Mysterium von Tod und Auferstehung. Lippert stellt die seelische Erschütterung in den Mittelpunkt, vermeidet durch die stationsweise Schilderung des Kreuzwegs  allzu spontane  dramatische Ausschläge. Dennoch offenbart seine Musik die unerbittliche Sinnhaftigkeit des Geschehens: das letzte Abendmahl, der Verrat des Judas, das Versagen der Jünger, der Wankelmut des Volkes, die Kreuzigung. Chor und Orchester akzentuieren Schritte für Schritt. Andalusisches Timbre schimmert durch, folgen doch Instrumentalisierung, Melodieführung und Rhythmus dortiger Passionstraditionen, allen voran die dominante Pauke, das Blech und die markanten Posaunen.

Mit dem Kunstgriff zeitgenössische Lieder aus dem evangelischen Gesangbuch und den Hymnus der alten Kirche miteinander in Beziehung zu setzen, um Süd- und Mitteleuropäisches, Katholische wie Protestantisches miteinander zu verbinden, gelingt es dem Komponisten die christliche Kirche zumindest musikalisch zu vereinen. Am Ende steht die österliche Auferstehung als mystische Andeutung: "Da haben die Dornen Rosen getragen." Von der Geburt Jesu zur Kreuzigung und Auferstehung, vom Weihnachts- zum Osterlied. Nach biblischer Überzeugung ist Christi Weg damit vollendet.

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Aalener Kulturjournal