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Hölderlin und Schubart – Sehnsucht nach Freundschaft

„Was bleibet aber, stiften die Dichter“

„O, es wäre eine Freude, so eines Mannes Freund zu sein. Einen ganzen Vormittag bracht ich bei ihm zu“, schreibt der junge Theologiestudent Hölderlin  (1770-1843) an seine Mutter.  Gemeint ist der 30 Jahre ältere Christian Daniel Friedrich Schubart ( 1739-17919), der dem jungen Hölderlins als Vorbild dient. Vater und Sohn könnten sie sein. Ein einziges Mal sind   die beiden wohl  einander begegnet und zwar nach der Entlassung Schubarts aus dem Kerker.

In  einem Rezitationsabend, konzipiert und moderiert von Prof. Barbara Potthast, der Stellvertretenden  Vorsitzenden der Schubart-Gesellschaft,  beleuchtet die Schubart-Gesellschaft im KUBAA das Verhältnis der aus dem Württembergischen stammenden  Literaten. Deren Gedichte werden von den Wortkünstlern Rudolf Guckelsberger und Ramon Schmid verlebendigt.

Während Christian Friedrich Daniel Schubart, Dichter, Musiker und Journalist, ein Mann der Aufklärung, zu Lebzeiten international berühmt ist, den Nerv der Zeit mit seiner Dichtkunst trifft, wie Barbara Potthast treffend erklärt, gar bildungsferne Schichten mit seinen Worten erreicht, 70 Prozent sind damals Analphabeten, ist der junge Hölderlin, noch unbekannt. Von seinen Zeitgenossen wenig geschätzt. Heute  ist er hingegen ein Dichter von Weltruhm, Schubart nahezu vergessen.  

 

Beide haben trotz aller Unterschiede  viele Gemeinsamkeiten, wie der imaginierte Dialog zeigt.

Zum Beispiel stammen sie  aus streng pietistischen Elternhäusern, was ihr Leben prägt und belastet.  So macht Schubart selbst dies verantwortlich für verinnerlichte Schuldgefühle und Ängste. Hölderlin findet stattdessen zu einem ästhetischen Pantheismus. „Eins zu sein mit allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur.“

Hölderlins Vorfahren sind Staatsbeamte und evangelische Theologen, Schubart, Sohn eines Pfarrvikars und Lehrers, stammt aus kleinen Verhältnissen. Hölderlin wird von der Mutter,  selbst Pfarrerstochter, zum Geistlichen bestimmt, obwohl er sich dazu nichtberufen fühlt. Vielmehr zum  Menschheitslehrer.

Schubart und Hölderlin leben in einer Epoche gewaltiger Umbrüche, begeistern sich für  die  Französische Revolution, für die Menschenrechte und freie Selbstbestimmung. Beide  sind zerrissene Menschen, an der Enge der Zeit leidend. Auch daran, dass sie statt der Dichtkunst sich widmen zu  können, einem ungeliebten Brotberuf nachgehen müssen. Freiheit sehen sie  als wichtigste Bedingung des Lebens.

Mit seiner „Deutschen Chronik“, die das Volk erreicht,  spricht  Schubart zornig "den Fürsten heiße Wahrheit ins Antlitz“, in  den Gedichten „Die Fürstengruft“ und dem „Kaplied“ rechnet er mit der Fürstenwillkür ab. Herzog Karl Eugen verkauft für 300.000 Gulden insgesamt 3200 württembergische Soldaten an die Holländisch-Ostindische Kompanie. Kaum 100 werden zurückkehren. „Auf, auf! ihr Brüder und seid stark / Der Abschiedstag ist da! / Schwer liegt er auf der Seele, schwer! / Wir sollen über Land und Meer / Ins heiße Afrika.“

 

Hölderlin und Schubart zahlen einen hohen Preis

 

Mit „Schubartschem Furor“ ( Barbara Potthast),  vergleichbar der „Fürstengruft“, geißelt Hölderlin die „Ehrsucht“ als Laster aller Menschen: „ Doch es sträubet sich des Jünglings Rechte, / Länger sing' ich von den Toren nicht. / Wisse! schwaches, niedriges Geschlechte! / Nahe steht der Narr am Bösewicht.“

Dafür zahlen beide  einen hohen Preis: 1777 wird Schubart ohne Gerichtsverfahren zehn Jahre lang auf dem Hohenasperg eingekerkert. 1793, wenige Jahre später physisch und psychisch gebrochen, stirbt er. 1806 kommt Hölderlin in die Irrenanstalt. Bis zu seinem Ton lebt er im Haus des Tischlermeisters Zimmer in Tübingen.

Beide stellen den Deutschen kein gutes Zeugnis aus. In seinem Briefroman „Hyperion“  nennt er sie „Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion  noch barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark …“  Was die Dichter dessen ungeachtet nicht davon abhält Fleiß und Schönheit  der württembergischen Mädchen zu besingen.

Dass  die  Württemberger sich ein  Beispiel nehmen würden an den revolutionären Franzosen,  hoffen Schubart wie Hölderlin, welche jedoch keine Revolutionäre sind. Aufzuklären, zu bilden – zu Toleranz, Meinungsfreiheit, Kritikfähigkeit, Selbstbewusstsein und Kunstempfinden,  sei Schubarts oberstes Ziel, fasst  Barbara Potthast zusammen. 

Während   Hölderlin im Ton dunkel und schwebend  vom  freien  Menschentum, von der  Versöhnung der göttlichen Natur mit dem Menschen und der Gesellschaft  spricht.

Trotz aller Verschiedenheit finden Schubart und Hölderlin hier wieder zusammen.  Zweck der Dichtkunst sei es nämlich, deren ganze Kraft zum Wohl der Menschheit einzusetzen.

„Was bleibet aber, stiften die Dichter“,  so Hölderlin.

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Aalener Kulturjournal