Bunt, wild, roh, amüsant, verliebt und verlumpt, kochend vor Leben, mit Tod und Teufel auf Du und Du    

Grimmelshausens "Simplicissimus"

Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen. Viele kennen ihn nicht mehr. Grimmelshausen ist einer, der die „Wahrheit mit einem Lachen“ sagen will. Jedoch bleibt einem beim Lesen seines „Abentheuerlichen Simplicius Simplicissimus Teutsch“ das Lachen oft im Halse stecken. Beeindruckt hat er Thomas Mann, Bertolt Brecht und Günter Grass. Und wenn man Daniel Kehlmanns phantastisches Meisterwerk "Tyll" gelesen hat, sollte man auch den "Simplex" wieder zur Hand nehmen.

 

 Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch / Das ist: Die Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten / genant Melchior Sternfels von Fuchshaim / wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen / was er darinn gesehen / gelernet / erfahren und außgestanden / auch warumb er solche wieder freywillig quittirt. Überauß lustig / und männiglich nutzlich zu lesen. (1668)

Laut Thomas Mann "Literatur- und Lebensdenkmal der seltensten Art, ein Roman "von unwillkürlicher Großartigkeit, bunt, wild, roh, amüsant, verliebt und verlumpt, kochend vor Leben, mit Tod und Teufel auf Du und Du".  Grimmelshausen ist der bedeutendste deutsche Erzähler des 17. Jahrhunderts, der mit seinem "Simplicissimus" den ersten deutschen Prosaroman von Weltrang, inspiriert vom spanischen Schelmenroman, geschrieben hat. 

Grimmelshausen schreibt seine Geschichte

1622 wird Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen im hessischen Gelnhausen  als Sohn eines protestantischen Bäckers und Gastwirts geboren. Bereits als Zwölfjähriger verschleppen ihn kroatische Truppen nach Kassel. Bald kämpft er bei den Schweden, bald bei den Kaiserlichen, gelangt nach Württemberg, Bayern, in den Schwarzwald. Regimentsschreiber des Freiherrn von Schauenburg ist er ab 1643. Konvertiert vor Kriegsende zum katholischen Glauben, heiratet 1649 Katharina Henninger in Offenburg. Weiter ist er als Gutsverwalter, Burgvogt, Gastwirt, Pferdehändler tätig, schließlich ab 1667 im badischen Renchen als bischöflich-straßburgischer Schulteiß, wo er am 17.8.1676 stirbt.

Grimmelshausen ist kein barocker Gelehrtendichter, sondern ein belesener Autodidakt, der literarisch verarbeitet, was er selbst erlebt hat. 

Neben seinem Hauptwerk, dem barocken Kriegsroman "Simplicissimus", der  bald nach dem Erscheinen ein Bestseller ist, verfasst er  Moralsatiren, Streitschriften und Kalender- und Anekdotenbücher. Zudem verfügt Grimmelshausen über einen gewaltigen Wortschatz samt einer phantastisch grotesken Phantasie. Dazu viel schwarzer Humor, satirische Überzeichnung, ohne Sentimentalität. Laut Clemens Heselhaus "der erste große deutsche satirische Roman". Eindrucksvoll wie originell. Die Sprache - sprachgeschichtlich handelt es sich um Neuhochdeutsch - ist nicht immer leicht zu verstehen, aber es lohnt sich, sich auf  darauf einzulassen, sich einzulesen.

"Wir Leut leben wie die Tier, essen Rinden und Gras.“

Als der Roman unter dem Pseudonym German Schleifheim von Sulsfort erscheint, ist der Dreißigjährige Krieg seit zwanzig Jahren vorüber. Der Autor hat wie sonst keiner der deutschen Erzähler die Gräuel des Dreißigjährigen Krieges selbst erlebt: das entsetzliche Morden, Folterungen, Vergewaltigungen. Niedergebrannte Städte, zerstörte Dörfer, Hungersnöte, Seuchen. „Wir Leut leben wie die Tier, essen Rinden und Gras“, heißt es in einem Bibeleintrag aus den zerstörten Dörfern der Schwäbischen Alb gegen Ende des Krieges. Die Überlebenden verzehrten Eicheln, Kleie, brieten Ratten, Katzen, Hunde und Pferdekadaver.

Der Autor präsentiert sein Werk, angesiedelt etwa zwischen 1632 bis 1645, als Ich-Erzählung. Die Handlung beginnt mit Simplicius' Kindheit im Spessart. Der Held wächst bei Bauern auf, deren Hof von Kürassieren zerstört wird. Ähnelt in Unschuld und Unwissenheit dem  mittelalterlichen Helden Parzival, dem "tumben Toren".  Simplicius verbirgt sich in einem Gebüsch, hört  von dort aus „sowohl das Geschrei der gefolterten Bauern als auch den Gesang der Nachtigallen“. Er beschreibt die Vergewaltigung der Magd, die Qualen der Bauern, das Rauben, Schänden, Schlachten.

 

Simplicius, der Einfältige

Schließlich  flüchtet er in den Wald, irrt umher, bis er bei einem Einsiedler, der ein gottgefälliges Leben führt,  Zuflucht findet, der - wie sich später herausstellt - sein Vater ist, von dem er auch seinen Namen Simplicius, der "Einfältige", erhält. Der macht ihn "auß einer Bestia zu einem Christenmenschen" und gibt ihm, bevor er stirbt, drei Lehren mit auf den Lebensweg: "Sich selbst erkennen / böse Gesellschaft meiden / beständig bleiben". Gegen die Grausamkeit der Kriegswelt wird das Ideal der Weltflucht gesetzt. Als der  Eremit stirbt, zieht der fromme Tor hinaus in die Welt. Die Gestalt des Narren wird mit dem16.Jahrhundert zur Symbolfigur, Grund ist das  außergewöhnlich erfolgreiche Buch "Das Narrenschiff" Sebastian Brants, in dem es heißt: "Alle Gassen und Strassen sind voll Narren." 

Simplex wird Page des schwedischen Kommandanten in Hanau, der ihn wegen seiner Naivität zum Narren erklärt und ihn zwingt, ein Kalbsfell zu tragen. Rasch verliert Simplicius die  Naivität: Der Narr durchschaut die Torheit der Welt. Immer mehr gerät er in die Wirren des Krieges, verstrickt sich in Schuld,  lässt sich treiben, raubt, mordet und stiehlt, erlebt unzählige Abenteuer, steigt zum Dragoner auf, kommt als 'Jäger von Soest' zu Ruhm und Geld, lernt die Landstörzerin Courage kenne, begegnet einem Landstreicher und Narren, der sich für den Kriegsgott "Jupiter" hält, der in seiner  Rede über den Krieg die Absurdität der Machtpolitik entlarvt.

 

Als guter Mensch zur Welt gekommen, darin aber schlecht geworden.

Nach Gefangennahme und Heirat gerät Simplicius nach Paris, erlebt als "Beau Aleman" erotische Abenteuer. Überlebt die Pocken, wird  Quacksalber, schlägt sich nach Deutschland durch. Seine Frau ist gestorben, er heiratet wieder, erfährt, dass er von adliger Abstammung ist, er selbst ein Findelkind. Sein richtiger Name: Melchior Sternfels von Fuchshaim.

Ausgeliefert ist der Mensch dem Zufall, der Laune "Fortunas". Das  Schicksal führt "den seltsamen Vaganten"  durch die ganze Welt. Durch Russland, Korea, die Türkei. Schließlich lässt er sich im Schwarzwald als Eremit nieder und entsagt der Welt. 

Einer heillosen, materiell wie moralisch verelendeten Gesellschaft wird als Gegenentwurf ein  friedliches Leben in einer friedlichen Welt gegenübergestellt. Am Ende lässt Grimmelshausen seinen Protagonisten eine Lebensbilanz ziehen, die so verheerend ausfällt, dass er sich als Eremit von der Welt abwendet.

Pessimismus, Weltverachtung dokumentieren das barocke Vanitas-Thema. Ewige Veränderlichkeit ist das Gesetz des Weltlaufs, beständig ist in dieser Welt nur die Unbeständigkeit. Sicher ist nur die Unbeständigkeit, die Macht der Vergänglichkeit, die Nichtigkeit des Lebens. Die Wirklichkeit als Schein. "Schatten - Traum - Phantasey - Alchimisten Schatz".

Als guter Mensch zur Welt gekommen, aber darin schlecht geworden, zum Feind der ursprünglichen, gottgewollten Menschlichkeit. "Adjeu Welt!", so des Simplex Beschluss.

Grimmelshausen "Simplicissimus" ist kein Bildungs- und kein Schelmenroman, sondern zeigt eine verkehrte Welt als barockes Welttheater. Nur Narren können in einer wahnsinnig gewordenen  Welt überleben.

 

Hans Jacob von  Grimmelshausen, "Simplicissimus"

Verlag Anaconda

 

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Aalener Kulturjournal