Hermann Schludi über Unbekanntes von Kunstprofessor Helmut Schuster

Rhythmus in Farbe und Musik

Einer der großen Aalener Künstler wäre am 18. September 80 Jahre alt geworden. In der Aalener Rathausgalerie wird an Helmut Schuster mit einer Ausstellung erinnert. Das Besondere bei der Ausstellungseröffnung: Der Komponist Edgar Mann setzt eigens dafür einige der Bilder in Noten. Annika Chen (Violine) und Daniel Bengesser (E-Gitarre) machen daraus Musik. Eine nähere Erläuterung zur Uraufführung der insgesamt drei Kompositionen kommt noch.

Manche Kunstfreunde werden sich noch an die letzte große Ausstellung zum 70. Geburtstag Helmut Schusters erinnern, die mit „Neue Arbeiten“ überschrieben war und zu der ein entsprechendes Buch publiziert wurde (gibt es kostenlos im Rathaus). "Niemand hätte damals gedacht, dass es seine letzten Arbeiten waren, die er schuf", stellte Hermann Schludi bei der Ausstellungseröffnung fest. Doch manchmal kommt es anders als gedacht. Ausgerechnet Hermann Schludi entdeckte nämlich in Schusters Atelier 19 bisher unbekannte Arbeiten. Diese werden nun in der Ausstellung gezeigt.

Manchmal dauere es eben etwas länger, bis man beginnt, was begonnen werden müsse, meint Hermann Schludi. Bei der Vernissage zur Schuster-Ausstellung erzählt er viel von dem Aalener Kunstprofessor, von dessen nun ausgestellten Arbeiten und davon, wie es dazu kam:

 

"Wie geht das denn? Brigitte Schuster hatte anfangs des Jahres endlich den Mut gefunden in seinem Atelier „aufzuräumen“. Als langjähriger Freund war ich gerne bereit dabei zu helfen und siehe da, im chaotischen Durcheinander der Mappen und Ablagen fand sich eine erkleckliche Anzahl von Mischtechniken und Gouachen, die zwischen 1957 während seiner eigenen Schulzeit und bis in die 90er Jahre entstanden sind.

Helmut Schuster, der mir fast vor jeder Ausstellung oder vor jedem Buchprojekt sagte: „Wir machen aber keine Retrospektive!“ wäre, so glaube ich, mehr als erfreut darüber, weil diese Kunstschau wieder keine reine Rückschau ist. Denn für Schuster musste die Kunst gegenwärtig sein, sie musste die Lebensbedingungen der Jetztzeit ab­bilden.

Wer ihn kannte und kennt, weiß, dass er keiner war, der sich gerne auf Lorbeeren ausruhte oder seine eigenen Bilder als Steinbruch für immer wieder neue Variationen alter Ruinen verwendete. Er ging unbeirrt seinen Weg und war als künstlerischer Zeitzeuge immer am Puls seiner Zeit.

Seine Motive hat Helmut Schuster überall gefunden: im heimischen Garten, auf der Ostalb, auf Flughäfen, in Einkaufszentren und in Großstädten (New York), in der Toskana, an der Algarve, auf Lanzarote, in der Provence, auf den Canaren, auf dem Härtsfeld, am Strand, auf Aalener Schrottplätzen oder auf dem Fensterbrett.

Was macht einen Schuster zum Schuster?

Die Sujets seiner neuesten Arbeiten gliedern sich denn auch nahtlos in diesen ureigenen „Schuster“typischen Themenkanon ein.

Auch diese nun wirklich letzten Malereien (…) zeigen noch einmal in umfassender Weise, was das Schustersche Schaffen ausmacht. Zum ersten: sein Bekenntnis zum Primat der Farbe und zur malerischen Sinnlichkeit; zum zweiten sein oft mit den Händen zu greifender Kosmos aus farbigen Pigment- und Mikrostrukturen; und zum dritten sein unvergleichlicher Umgang mit den Wirkungen von Farbe, Licht und Pigmentmaterial im harmonischen Zusammenklang.

Lassen Sie mich hier, was die Farbe betrifft, ein Zitat von Prof. Dr. Heinrich Klotz, dem Gründungsrektor des Karlsruher ZKM und einem der wichtigsten Kunsthistoriker unseres Jahrhunderts einschieben. Er schreibt über Schuster: „Doch führt der Weg über alle Experimentalstufen der vergangenen Jahre zu diesem Ergebnis farbkompositorischer Reife. Es gibt nicht viele Maler, die solche weitgesteckten und langfristig verfolgten Ziele dann auch erreichen.“                                                  

Als viertes Bildmittel muss man seine fast musikalische Malweise, charakterisieren, die von der Linie, vom Pinselgestus rhythmisch gegliedert wird und von einer orchestralen, nuancenreichen Partitur aus Farbklängen melodisch durchsetzt wird.

In einem Textbeitrag für seine 1998 erschienen Monografie schrieb ich damals: „Für Schuster wird jede Pinseläußerung zuvorderst zum Farbklang und somit wie jeder Klang – man denke nur an die Musik – in räumliche und damit in zeitliche Bezüge eingebunden. Diese farbig modulierten Klangfolgen mit ihren unendlichen Valeurs orchestriert Schuster dann letztlich zu seinem Thema“. Wir haben gehört wie Edgar Mann diese bildnerischen Abläufe Schusters soeben in entsprechende Tonimprovisation umgesetzt hat.

Wenn Farbe zu Klang wird

Schuster wollte seine Sinne an dem schärfen, „was passiert“. Und nicht umsonst gehören seine fast im unmittelbaren Vorfeld von „nine eleven“ 2001 entstandenen New York-Bilder zu den beeindruckendsten, die Schuster hinterlassen hat. Als habe der malende Kosmopolit die Katastrophe geahnt.

In seinen Werken spürte Schuster mit seismographischer Empfindsamkeit vor allem dem menschlichen Zusammenleben zwischen Entfremdung und Kommunikation, zwischen Verheißung und Bedrohung nach und brachte dies bildnerisch zum Ausdruck.

Helmut Schuster blieb aber nie in vordergründiger Zeitkritik stecken. Seine Schrottbilder beispielsweise verweisen auf die Existenz des Schmelzfeuers und dessen transformative Kraft zur Neuschöpfung. Das Neue ist im Alten und umgekehrt. Schuster vertraute auf die Metamorphose der Formen – und das nicht nur im Bereich der Kunst -. Er erweist sich auch hier als Künstler, der über den Tellerrand der vermeintlichen Aktualität hinausblickte. Er vertraute auf die kreative Kraft der Veränderung, weil er sie als die Alles bestimmende Konstante seiner Zeit - und der Zeit an sich - erachtete. In seinen Werken gelingt dieser Spagat zwischen Aktualität und Zeitlosigkeit.

Aber - trotz aller vermeintlichen zeitkritischen Andeutungen und Bezüge, Helmut Schuster wollte erklärtermaßen als Künstler vor allem Auge sein und ein Fest der Ästhetik feiern.

Es war zwar die Ding-Welt unserer zeitgenössischen Wirklichkeit, die Schuster zu bildwürdigen Formen umgestaltete. Aber die Dinge/Motive in seinem Bildkosmos dürfen ein Eigenleben führen. Sein künstlerischer Weg ist gekennzeichnet von einem ständigen Changieren zwischen Gegenstand und Abstraktion, zwischen Annäherung und Entfernung zum Abbild hin, vom Abbild weg. Und hier schließt sich der Kreis oder besser gesagt, hier gelingt die spaltende Synthese.

Schuster Bilder sind aktuell und zeitlos zugleich

So sieht es auch der Rektor des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe Prof. Peter Weibel, der einer der wichtigsten aktuellen Kunsthistoriker ist.

Er schreibt: "Die normalerweise gegensätzlichen ästhetischen Strategien der Moderne, Gegenständlichkeit und Abstraktion, differenziert Helmut Schuster nuancenreich, setzt sie auseinander und außer Kraft. So entstehen in einem langwierigen Malvorgang autonome Bilderwelten jenseits des Dogmas."

Und was Schusters zweites Anliegen betrifft, nämlich die aus Ästhetik und zeitgenössischer Wirklichkeit Malerei zu kreieren: auch diese Synthese gelang Schuster im Sinne von Charles-Pierre Baudelaire.

Dieser schrieb in seinem Aufsatz „Der Maler des moder­nen Lebens" den Künstlern folgenden Satz ins Stammbuch: „Das Vergnügen, das uns die Darstellung der Gegenwart verschafft, entspringt nicht nur der Schönheit, worin sie sich kleiden mag, sondern auch ihrer wesentlichen Eigen­schaft als Gegenwart".

Genau unter diesem Aspekt forderte Helmut Schuster von seiner Kunst Zeitgenossenschaft, Aktualität aber auch Beständigkeit ein. Damit gehört er zu den wenigen Künstlern, denen diese Sorte gestalterischer Relevanz stets überzeugend gelang. Das ist es was seine Bilder gleichzeitig (!) so aktuell, so zeitlos, so ästhetisch erscheinen lässt. Vielleicht tat er – vielleicht tut man sich deshalb mit Retrospektiven bei seiner Kunst schwer.

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Aalener Kulturjournal