Vernissagerede von Hermann Schludi zum Nachlesen

Vom Abbild zur Impression

„Süddeutsche Malerei des 19. Jahrhunderts“, das hört sich an nach verstaubtem Altertum und klingt nach ferner Vergangenheit. Doch dieser Eindruck ist nicht nur falsch, sondern auch ignorant. - Dies hatte schon unsere tolle Spitzweg-Ausstellung im letzten Jahr deutlich bewiesen. Dieser Eindruck ist ignorant, weil die gut hundert Jahre vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges nämlich eine mindestens ebenso zerrissene Epoche waren wie unsere Gegenwart immer noch ist. Gesellschaftlich blieb durch Landflucht und Industrialisierung kein Stein auf dem anderen. In den Naturwissenschaften revolutionäre neue Erkenntnisse alte Weltbilder einstürzen. Die bis dahin ungeahnten Möglichkeiten zu reisen erweiterten den Gesichtskreis der Bürger. Es entstanden sogar schon Vorläufer der Öko-Bewegung, und die ersten alternativen Kommunen wurden gegründet.

Das geschah im Gefolge der Aufklärung, der Französischen Revolution, der Entmachtung von Königen, Fürsten, Adel und Klerus. Daraus resultierte ein neuer Anspruch jedes Einzelnen auf Bürger- und Menschenrechte und auf Freiheit. Das entwickelte sich aufgrund neuer Einsichten in den Wissenschaften, aufgrund epochaler Erfindungen, und Verfahrensweisen in Technik und Wirtschaft. All das rief rasante, tiefgreifende Veränderungen in Geistesgeschichte und im Sozialbereich hervor. Im Gegensatz zur Kunst der vorangehenden Epochen mit ihrer relativen Einheitlichkeit über längere Zeit hin, ist die Kunst des 19. Jahrhunderts deshalb widersprüchlich, schnelllebig und vielgestaltig wie nie zuvor. Johannes Emmer spricht in seiner Kunstgeschichte von 1910 davon, dass „dies alles zusammen das 19. Jahrhundert in der Tat als ein außerordentliches erscheinen lässt, das mit keinem früheren zu vergleichen ist.“

Wenn dieser Herr Emmer das 20. Jahrhundert erlebt hätte, was würde er dann erst sagen!!!???

Es lohnt sich also einen genaueren Blick auf die bildgewordenen Zeugen jenes Jahrhunderts zu werfen. Denn in einer nie dagewesenen Vielfalt und Fülle brachte das 19. Jahrhundert – teilweise zeitgleich – die unterschiedlichsten Kunststile hervor. Ich möchte einige nennen: Klassizismus/Klassik (1770–1840), Romantik (1795–1840) und Biedermeier (1815–1850), Realismus (1850–1900), Historismus, Impressionismus (1870–1890), Symbolismus (1880–1900/1920), und den Jugendstil (1890–1910).

Dazu kam, dass die künstlerische Lehre an den staatlichen Akademien enorme Fortschritte verzeichnete. Es war also einiges in Bewegung, und das macht die Kunst des 19. Jahrhunderts auch für uns heute so interessant. Es gab im 19. Jahrhundert so viele gut und akademisch ausgebildete Künstler wie nie zuvor. Das garantierte ein breites Angebot quer durch die Genres von höchster Qualität. So ist es nicht verwunderlich, dass die Malerei des 19. Jahrhunderts erst in jüngster Zeit wieder insgesamt mehr Wertschätzung erfährt und neu in unseren Focus gerät.

Die Akademien von Stuttgart, Karlsruhe und München gehörten dabei, was Qualität und Einfluss angeht, zu den führenden Kunstschulen in Süddeutschland und weit darüber hinaus. Ungefähr 130 Werke der besten Vertreter dieser Akademien sehen Sie hier ausgestellt; Namen aufzuzählen würde den Rahmen dieser Einführung sprengen, deshalb sind alle Bilder mit Künstlernamen und Titel versehen, um Ihnen einen schnellen Überblick zu ermöglichen.

(…), die Ausstellung, die wir für Sie hier zusammengetragen haben, zeigt mehr als deutlich, dass es sich lohnt dieser Vielzahl an Stilen, künstlerischen Ansätzen und Themen ein kritisches und interessiertes Augenmerk zu widmen. Die Arbeiten datieren zwischen 1818 und 1919 und sind im Dunstkreis dieser Kunstschulen entstanden. Wir präsentieren Ihnen ein repräsentatives Kaleidoskop von Malereien, das schon auf den ersten Blick die facettenreiche Vielfalt an Sujets, Malstilen und Künstlernamen ins Blickfeld rückt.

Diese querschnittartige Kunstschau zeigt aber auch gleichzeitig wie verschieden sich die gesellschaftliche Alltagserfahrung jener Zeit im Vergleich zu unserer Gegenwart gestaltete. (Schon allein die sofort ins Auge fallende Bedeutung von Tieren als bildwürdiges Mal-Thema signalisiert eine völlig andere, bäuerlich geprägte Alltagswelt. Wir sehen eine Welt ohne Auto aber dafür mit Jahreszeiten!!!1885!))

Die Kunstwerke stammen alle aus privaten Sammlungen und sind wie Sie es von uns gewohnt sind von höchster künstlerischer und konservatorischer Qualität. (Manches Museum würde sich die Finger abschlecken, wenn es diese Malereien hätte.) Überdies sind wir mit 130 gezeigten Arbeiten bewusst auch auf Quantität gegangen um dieser stilistischen und thematischen Vielfalt dieser Epoche Respekt zu zollen.

Wir haben auch bewusst den Schwerpunkt der Auswahl auf die Zeit vor dem Impressionismus gelegt, weil der vielbeachtete Impressionismus in Deutschland eigentlich nur das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts abdeckt und keineswegs repräsentativ für jenes Säkulum steht, wie fälschlicherweise immer behauptet wird. (Der Schwäbische Impressionismus muss in seiner Blüte noch später datiert werden.)

Wir tun dies, weil zwischen Rokoko, Barock, Klassizismus und dem späteren Impressionismus einiges passiert ist. Denn Rokoko, Barock und Klassizismus hatten sich Ende des 18. Jahrhunderts im Manierismus weit von der realen Welt entfernt und waren in Schönheit erstarrt. Deshalb musste die Kunst des 19. Jahrhunderts den Blick auf die Realität völlig neu fokussieren, die Welt neu vermessen.

Ich zitiere aus einer Kunstgeschichte von Prof. Dr. Ernst Wickenhagen, die 1911 erschien: „Übersieht man die Entwicklung der deutschen Malerei in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, so ergibt sich, dass sie den Zusammenhang mit der Gegenwart verloren hatte. Die Klassizisten gingen auf das Altertum, die Romantiker auf das Mittelalter zurück. In der Geschichtsmalerei (im Historismus) sah auch die ästhetische Betrachtung die höchste Betätigung der Kunst. Die weitere Aufgabe der Malerei war sonach den Weg in das Leben der Gegenwart wiederzufinden, den Ausdruck unmittelbarer Wahrheit wiederzugewinnen, Licht und Farbe mit eigenen Augen zu sehen.“

(…), diese klaren Worte beschreiben die Hauptaufgabe der Maler jener Zeit mehr als hinlänglich.

In jener Zeit der Wertebrüche und der tiefsten Umwälzungen mussten die Künstler erst einmal den Weg der objektiven Selbstvergewisserung beschreiten und sich in ihrer Zeit mit entsprechenden künstlerischen Mitteln orientieren. Realistische und naturalistische Ansätze spielen dabei die größte Rolle. Die Ausstellung zeigt dies markant. Es entwickelte sich eine außerordentliche Themenvielfalt, die alle Lebensbereiche gestalterisch abdeckte: vom höchst privaten Umfeld, über die Arbeitswelt, den banalen Alltag, von fröhlichen Freizeitbeschäftigungen bis hin zu Menschenporträts von repräsentativ bis zum Schnappschuss. Den größten Teil dieser malerischen Neuorientierung nimmt aber sicherlich die Landschaftsmalerei ein; dies drückt sich sowohl quantitativ wie auch qualitativ in dieser Kunstschau aus.

Hervorragende Vertreter dieser für das 19. Jahrhundert so entscheidenden Kunstgattung setzen Glanzlichter in diesen Räumen. Die Ausstellungsräume sind weitestgehend nach den oben genannten Themenbereichen geordnet: In der Pferdestallgalerie sehen Sie Interieurs, Militärbilder und Einblicke in den Arbeitsalltag jener Zeit, hier in der Pleuergalerie sind Landschaften und Porträts versammelt. In den Schloßräumen finden Sie historisierende Repräsentationsbilder, sie treffen auf Malereien, die den gesellschaftlichen Alltag jener Epoche auferstehen lassen und auch Arbeiten, die den Übergang zum vielgeschätzten und beliebten Impressionismus veranschaulichen. Dieser zeigt in seiner süddeutschen bzw. schwäbischen Ausprägung mit seinen Sujets stimmungsvoll aufgeladene, lichterfüllte Naturansichten und bäuerliche Szenen.

(Diese Freilichtmalereien waren »alla prima«, das heißt ohne Vorzeichnung, mit spontan gesetzten Pinselstrichen entstanden, erinnerten damit zwar in ihrer Malweise an die der französischen Impressionisten. Im Unterschied zu diesen aber blieben die Schwaben immer bei einer naturnahen Wiedergabe des Gegenstandes.) 

(…), solche selbstschöpferischen autonomen, vom persönlichen Eindruck geprägten Landschaftsimpressionen konnten aber erst entstehen, nachdem die Künstler des 19. Jahrhunderts gelernt hatten, sich ein neues adäquates Bild jener Zeit zu machen. Und dieses musste zwangsläufig erst einmal ein realistisches bzw. naturalistisches Abbild sein, bevor es autonom und vom persönlichen Eindruck kreativ geschaffen werden konnte.

 Und hier liebe Ausstellungsbesucher sind wir beim Titel unserer Kunstschau „Vom Abbild zur Impression“ angelangt. Genau diesen Weg veranschaulicht diese großartige Ausstellung. Sie sehen also, dass der Weg zum hochgeschätzten Impressionismus mindestens genauso wichtig ist wie der Impressionismus selbst. Was diesen Weg anbelangt, gestatten Sie mir an dieser Stelle nochmals ein Zitat aus der 1910 erschienenen Emmerschen Kunstgeschichte, weil sie die Sprache und den Sachverhalt jener Zeit so trefflich wiedergibt:

„ Zunächst begnügte man sich mit der einfachen Wiedergabe der Natur, einer getreuen Darstellung der wirklichen Erscheinung (Realismus),; als man hier die völlige Sicherheit erlangt hatte, konnte man einen Schritt weitergehen und die Wirklichkeit nach dem Eindrucke, den sie auf das persönliche Empfinden des Künstlers gemacht hatte, selbstständig wiedergeben (Impressionismus)“.

Freuen Sie sich an dieser exzellenten Ausstellung, mit der es uns Dank privater Sammler -so bin ich überzeugt- gelungen ist, die Malerei des 19. Jahrhunderts in ein klares, helleres und strahlenderes Licht zu Rücken.

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal