Bei der Vernissage zur Ausstellung "Unter Tage - Über Menschen" im Wasseralfinger Bürgerhaus nahm Hermann Schludi Paul Grolls Kunst näher ins Visier.

"Paul Groll ist ein Künstler, der für jedes Ausstellungsprojekt neue Bilder kreiert, weil er die Kunst für eine existenzielle Notwendigkeit hält, die untrennbar mit dem täglichen Leben verbunden ist. Wer so arbeitet, glaubt und weiß, dass der künstlerische Prozess und die damit verbundene Kreativität unerschöpflich sind.

Deshalb hat er auch für diese Wasseralfinger Kunstschau seiner Schöpferkraft freien Raum gelassen und Bildzyklen geschaffen, die der Identität dieses Aalener Stadtteils, seiner Bürger und seiner geschichtlichen Entwicklung thematisch Rechnung tragen.

Das was hier „Unter Tage“ geschah und geschieht und Alles, was die Menschen bewegte und bewegt, ist ihm in diesen neuen Arbeiten bildwürdig. Er erzählt uns bildnerisch „Über Menschen“, die hier zuhause sind oder waren.

Das passiert singulär, wenn der ehemalige Sieger Köder-Schüler (5.-7.Klasse Schubart-G) dem bekannten Wasseralfinger Künstler-Pfarrer in einer kleinen Zeichnung mit dem Titel „Clown ohne Groll“ seine Reverenz erweist. Das findet allgemein verweisend statt, wenn Groll der langen Tradition der Bergkapelle in mehreren kleinen Werken mit dem Titel. „Glück Auf“ seinen Tribut zollt.

Diese Bild-Notate machen deutlich, dass seine künstlerische Arbeit in einem kontinuierlichen Fließen begriffen ist, dem er sich erklärtermaßen nicht entziehen kann bzw. entziehen will, weil auch die Zeit, in der wir leben sich diesem Fluss nicht entziehen kann.

Bergbau, Eisenverhüttung, Alblandschaft, Ammoniten, Berggeister, Tanz und Festivitäten; das sind grob die Themen, die Groll in dieser Ausstellung assoziativ anklingen lässt, wenn er seinen künstlerischen Blick über das nähere Umfeld gleiten lässt.

Grolls Bildinteresse gilt aber nicht nur den naheliegenden Wasseralfinger Themen, er greift auch Sujets auf, die die Region in größere, weitere Zusammenhänge einbettet wie beispielsweise die Problematik der Bootsflüchtlinge „Eine Seefahrt, nicht lustig“.

 Welche Motive er auch wählt, egal ob über oder unter Tage, egal ob über oder unter Menschen, Groll weiß, dass der künstlerische Prozess untrennbar mit dem täglichen Leben verbunden sind.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, der Schweizer Architekt und Dichter Max Frisch hat seine eigene schriftstellerische Arbeit in folgendermaßen charakterisiert: (Zitat) „Schreiben heißt, sich selber lesen.“

Analog dazu mag man Grolls künstlerischen Ansatz formulieren: „Malen heißt, sich selber sehen.“

In anderen Worten: Zeichnen bzw. Malen heißt für Groll, sich ständig ein Bild zu machen, sich ständig neue Bilder zu machen. Und jedes Mal mit dem künstlerischen Anspruch in einer immer wieder neuen Situation, die angemessene Bildlösung zu finden. Er will alles nur nicht in Routine verfallen.

Denn genau dieses ständige „im Fluss sein“ macht seine Ouevre einzigartig.

Seine Malhand hinterlässt Gesten des Formsuchens, Spuren des Farbsuchens, sie lässt sich überraschen, sie bringt den Sehvorgang in einen bildnerisch lesbaren Zustand. Besser gesagt in verschiedene Zustände, die oft parallel nebeneinander bestehen bleiben, da für Groll jeder dieser Malzustände gleichwertig ist. Seine Inhalte entstehen folglich beim zeichnenden Malen, sie fließen gleichsam aus der Hand, deshalb zählt zunächst einmal das Bild an sich. Ihm geht es nicht darum, dass es einen einzigen wahren Bildzustand gibt, sondern einen stimmigen. Grolls Bilder folgen ihrer eigenen Sprache und Grammatik, die sich nicht mit dem üblichen, begrifflichen Denken deckt.

Aus diesem Grund bleiben sie einer schnellen Wahrnehmung zunächst verschlossen, und der Betrachter sieht sich mehr mit abstrahierten Formteilen und mit Wahrnehmungsfragen als mit eindeutiger Gegenständlichkeit konfrontiert.

Paul Groll benützt seine Leinwände mit Vorliebe wie einen Notizblock, um darauf skizzenhaft seine Eindrücke von der Wirklichkeit zu gestalten. Je nach Bedarf löst er sich vom dinglichen Vorbild der Realität und konzentriert sich auf ein reduziertes pars pro toto, d.h. auf ein Teil, das stellvertretend oder sinnbildlich für das Ganze steht. Bei diesem abstrahierenden Gestaltungsprozess entstehen Zeichen, Kürzel und Symbole.

Seine Mischtechniken verbinden die bewegte und blickführende Kraft der Linie mit einer opulenten Farbigkeit, die das Auge an Bold-Orte bindet und zum Verweilen einlädt. Denn Groll ist immer Zeichner und Maler gleichzeitig: geht die Farbe auf Kontrast, wird sie vom zeichnenden Gestus zusammengehalten; driften die zeichnerischen Elemente auseinander, tritt die Farbe als harmonisierende Kraft in Erscheinung. Bei aller Offenheit und Gegensätzlichkeit lässt sich in Grolls Arbeiten eine harmonisierende Handschrift erspüren. Die Bildelemente sind aufs Bildganze gesehen immer im Gleichgewicht.

Im Übrigen sollte man Grolls Bilder immer unter zwei Distanzebenen betrachten. Aus der Nähe (mal die Brille abnehmen) und aus der Ferne.

Aus der Nahsicht wird man feststellen, dass Bildpartikel buchstäblich optisch ausgliederbar sind und für sich genommen ebenfalls eigenständige Bilder wären.

Aus der Fernsicht wiederum ordnen sich diese Teilbilder dem Bildganzen wie in einem Puzzle dienend unter, bleiben aber für sich betrachtet autonom und ebenfalls keine Antwort schuldig. Das will heißen: sie könnten jederzeit auch ohne das übergeordnete Bildganze existieren.

Solche Wahrnehmungsfragmente sind es, die Grolls Arbeiten so spannend machen und sich immer wieder zu neuen, kaleidoskopartigen und erzählerischen Assoziationszusammenhängen verketten. Wobei es ihm wichtig erscheint, seine Bildinformationen so zu gestalten, dass die Deutungsvariabilität seiner Farb- und Formzeichen äußerst polyvalent gehalten wird. Zu eindeutige Form- und Farbzeichen sind ihm suspekt und langweilig. Viel lieber verlangsamt er unsere Wahrnehmung und malt gegen unsere routinemäßigen Sehgewohnheiten und festgefahrenen Wahrnehmungsklischees an. Groll will auch alternative Seherfahrungen zulassen.

Linie und Farbe sind in seinen Arbeiten gleichberechtigt und stehen in einem vielfältigen Wechselspiel aus Ruhe und Bewegung. Sein Stift und sein Pinsel sind immer unterwegs und veranschaulichen einen suchenden, behutsam forschenden Umgang mit dem Wahrnehmungssinn. Das wird besonders deutlich in seinen erfinderischen Zeichnungen. In solchen Arbeiten visualisiert er, im wahrsten Sinn des Wortes gestisch spontane, bildnerische Aphorismen und kleine malerische Gedankenblitze. Das geht sogar so weit, dass Sprachzitate in Form von handschriftlichen Notizen ins Bild eingestreut unmerklich in skripturale Zeichen übergehen, um dann als farbiges Bildzeichen malerisch verwandelt wieder auf zu tauchen.

Seine „märchenhaften“ Zeichnungsnotizen sind hervorragende Beispiele für seine Bild-Poesie des Unfer­tigen, des Offenen, des Angedeuteten. Sie ist eine Einladung an den Be­trachter, die eigene Fantasie schweifen zu lassen und selbst die „überkommenen“ Klischeeprägungen der Märchen neu zu denken und zu entdecken.

Sehen bzw. Bilder schaffen heißt sich selber lesen!! Paul Grolls Arbeitsweise muss man analog zur Kunstauffassung des schon oben zitierten Max Frisch sehen, dessen Zitat ich im Folgenden fortführen möchte:

`Schreiben heißt: sich selber lesen. Es lässt sich nichts machen dagegen. Wir können nur, indem wir den Zickzack unsrer jewei­ligen Gedanken bezeugen und sichtbar machen, unser Wesen kennenlernen, seine Wirrnis oder seine heimliche Einheit, sein Unentrinnbares, seine Wahrheit, die wir unmittelbar nicht aussagen können, nicht von einem ein­zelnen Augenblick aus.´“

INFO

Den Bericht zur Ausstellungseröffnung gibt es hier!

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Aalener Kulturjournal