Sommerkonzert Schloss Fachsenfeld

„Heut nemme, ond morga nedd glei“

Für einen kurzen Moment hätte man glauben können, der Montanara-Chor setzt zum gleichnamigen „La Montanara“ an, wie Anno 1958, denn irgendwie scheint die Zeit im Fachsenfelder Schlosshof tatsächlich stehengeblieben zu sein. Doch was da eingangs sich als Auftakt zum wohlbekannten piemontesisches Volkslied geriert, ist nur flüchtiges Sekundenglück. Dafür bestätigt sich zwischen 

Palmen und Zitronenbäumen die Ankündigung von „dolce far niente“, allerdings als urschwäbische Variante, denn "Herrn Stumpfes Zieh und Zupf Kapelle" steht im Mittelpunkt des Abends und mit ihnen das aktuelle Kapellenmotto: „Heut nemme, ond morga nedd glei“. Schwäbischer Leistungswille ist eben auch nicht mehr das, was er einmal war, wobei es den Stumpfes obliegt, unter dem Blätterdach zweier Linden Ursachenforschung zu betreiben und allerhöchst musikalisch nach dem Warum zu fragen. Eine amüsante Angelegenheit, zumal die Barden nach dem "La Montanara"-Blechbläserauftakt in altbewährter Art zielgerichtet der schwäbischen Seele auf den Leib rücken. 

Das Frappierende, aber wenig Überraschende dabei: Eigentlich kennt man fast alles, hat schon einmal irgendwann, irgendwie und irgendwo alles gehört. Umso erstaunlicher, dass diese "alte Leier" beim Publikum so gnadenlos gut ankommt, dass diese Ohrwurmmusik und diese originellen Texten außerordentliches Vergnügen bereiten. So darf denn auch über launige "bleede Witz"  - weil eben scheeane, bleede Witz - ebenso herzhaft gelacht, wie bei manch einem Lied laut mitgesungen wird. Nicht fremd dürfte dem Publikum zudem sein, wie schaffig Schnaken an feuchtwarmen Abenden sind, doch selbst solchermaßen echten Plagen können die Musiker noch etwas abgewinnen, was die krude Geschichte vom „Muggagittermonteur“ beweist. 

Gute Tradition beim OpenAir-Konzert der "Zieh und Zupf Kapelle" im Fachsenfelder Schloss ist es, die verschrobene "Singstond" für einen besonderen Gast zu unterbrechen. Heuer war es Roland Baisch, seines Zeichens Preisträger des baden-württembergischen Kleinkunstpreises 2014, der derzeit mit seinem aktuellen Programm "Der graue Star" durch die Lande tourt. Ein zweideutiges Thema, das Baisch zunächst auf sein Alter und die damit verbundene Haarfarbe bezogen wissen wollte. Kabarett? Jain, dennoch dominiert die Comedy unüberhörbar.  Allerdings darf hier eingeschränkt werden: Baischs Rundumschlag auf die männliche Identität trifft augenscheinlich doch so manch einen. 

Solch kabarettistischen Beiträge bleiben aber Ausnahme. Der Komödiant widmet sich lieber seinen Besenreißern an den Beinen, die er als hippe Tätowierung des Nil-Deltas ausgibt, und den Jungs, die so gerne coole Gangsta-Rapper wären, sich bei ihm jedoch als Sprösslinge betuchter Eltern entpuppen. Als wär die Welt ein Jammertal - Roland Baisch will davon nichts wissen, auch wenn er gerne zugibt: "Jammern befreit vom Druck des positiven Denkens!" Mit an Realsatire grenzender Ironie greift er launig zu den wohlbekannten Themen des alltäglichen Irrsinns - manchmal auch zur Gitarre singend.

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Aalener Kulturjournal