Herrn Stumpfes Zieh & Zupf Kapelle gibt sich die Ehre

"Die sen oifach so guat, dass d´rs da Grend em Reng rom drehat!“

Wer mit der Gewissheit, beim Silvesterkonzert von Herrn Stumpfes Zieh und Zupfkapelle sei alles wie immer, zur Stadthalle schlenderte, sah sich getäuscht. Sicher, Parkplätze gab´s erwartungsgemäß keine mehr, aber dass einem niemand prickelnde Ahoj-Brause unter die Nase hält, war denn doch enttäuschend. Vielleicht aber …, vielleicht bewahrheitet sich auch nur die alte Erkenntnis "Wer z´schbäd kommd, den bsdrafd des Läba ". Wie´s denn auch sei, der Saal proppenvoll, die Empore proppenvoll. Jedes Jahr das gleiche Bild. Nein, das seien nicht immer die Gleichen, zu jedem Konzert kämen immer andere Stumpfes-Fan, verrät ein Verantwortlicher. Wobei zugegeben werden darf, einige trifft man schon fast ein Jahrzehnt.

Kein Wunder, denn so kurz vor Jahresschluss geht es in Aalen nochmal so richtig schön urschwäbisch, hausmusikalisch und skrupellos zur Sache. Skrupellos! Was bei Johann Sebastian Bachs "Hausmusik" als begnadet galt, heißt bei der Zieh und Zupfkapelle eben skrupellos.

Und erweist sich als ein überaus verlockendes Versprechen, ausgesprochen von vier Musikanten, deren Gefolgschaft aus Stadt und Land an den Kocher pilgert. Der Beweis:  Die Autokennzeichen verraten schwäbische wie bayrische Herkunft, ein paar Franken sind ebenfalls mit von der Partie. Besser Party, denn genau für die sorgen alle Jahre Manfred „Manne“ Arold, Benny „Banano“ Jäger, Michael „Flex“ Flechsler und Marcel „Selle“ Hafner. "Nix wie no!", lautet diesmal ihre Aufforderung, will heißen Altes und Neues, Lästerndes und Witziges  wartet auf die Fans. Lieder, die den Ruf des Quartetts als schwäbische Oberbarden seit gefühlter Ewigkeit begründen. Übrigens ganz im Sinne Friedrich Schillers, der einstmals reimte: "Ein Wirtemberger ohne Wein, / Kann der ein Wirtemberger sein?" Eine feucht-fröhliche Annäherung an die schwäbische Mundart, an die schwäbische Seele und an das schwäbische Selbstverständnis. Kein Wunder, dass Herrn Stumpfes Mannen - nebenbei erwähnt - die unangefochtene Hauskapelle von Hannes und dessen Bürgermeister sind.

Was ist nochmals skrupellose Hausmusik?

Alle Welt behauptet, mit der Stumpfes Slang konform zu gehen. Dabei - unter uns gesagt - stehen in den Ecken Unwissende, betroffen von dem Schicksal nichtschwäbischer Herkunft zu sein. Sie hadern bei diesem schwäbischen Wartburgfest schmerzlich mit Sprach- und Verständigungsproblemen. Schlimmes Migrantenschicksal eben, insbesondere, wenn sich solch "Reigschmeckte" nicht integrativ wirkender Sprachkurse befleißigen. Erinnert sei an "Frummzigg" oder gar an „Henderscheviersche“. Nach so vielen Stumpfes-Erlebnissen immer noch ein Brief mit sieben Siegeln. Für die in der Stadthalle sich wiederfindenden Hoch-, Nord- und selbst Süddeutsche nach wie vor ein unverständliches Wortmonster. Da stößt an Grenzen, was an Grenzen zu stoßen bereit ist, denn da hilft selbst des Handys Cortina nicht. Trost bietet allenfalls der aus Aalen stammende Kulturwissenschaftler Prof. Hermann Bausinger. Er postulierte, dass "Schwaben" beziehungsweise "Schwabe sein" keine Abstammungsfrage, sondern eine "Haltung" sei.

Und die ist eindeutig erkennbar! Zumindest bei jenen, die ein Stumpfes-T-Shirt tragen. Die grummeln was in den Bart und sind sich sicher: "Des kosch lerne!" Erlernbar als, die Zieh- und Zupfkapelle" selbst. In Musik und Moderation darf hier Feldforschung betrieben und dabei aus dem Vollen geschöpft werden.  

Butler James lässt grüßen

James hat freil9ich mit hiesiger Mundart wenig zu schaffen. Doch für die Runde um Miss Sophie,  Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy und Mr. Winterbottom gilt "The same procedure as every year" wie für alle Stumpfes-Fans.  Als diese nach eigenem Bekunden noch „ganz arg kloi" waren, da han´se ihr "Mama da ganza Dag gfrogt: Werd i mol später reich ond berühmt?“. Aus heutiger Sicht eine überflüssig gewordene Frage, zumindest was das Berühmtsein angeht. Dennoch, ist und bleibt es verwunderlich, dass so viele Menschen die schwäbischen Buben beim „Senga ond Gitarreschpiela“ lauschen wollen, obwohl doch längst jeder auswendig singen kann: „Posaune, Tuba, Quetschkommod ond a Waschbrett mit ’ra Schell - Wenn so was hearsch bisch sicher bei dr Zieh & Zupf Kapell“.

Das trällern die Fans zum Anwärmen bereits vorm Konzert im Stadthallenfoyer! Jede weitere Einlassung überflüssig. Höchstens noch das Erinnern an Freddie Frintons Silvesterdauerbrenner „Dinner for One“:  Auf geht´s also „The same procedure as every year - Der gleiche Ablauf wie im vergangenen Jahr!“ Doch so einfach machen es die Stumpfes sich und ihrem Publikum nicht, auch wenn erwähnt werden darf, dass es nicht nur das ausgeteilte Veschberbrod und die alten Hits sind, die die Zuhörer begeistern, zum Mitsingen und Mitklatschen verleiten. Einer dieses Oldies steht übrigens fast immer zum Auftakt oben an, die „bleede Witz“, die  „oifach bleede Witz send, oifach scheeane, bleede Witz“. Zum x-ten Male gehörten und zum x-ten Male herzerfrischend darüber gelacht, weil die halt tatsächlich „oifach guat sen“.  Programmatik pur!

Verhonepippelndes Stadlkabarett

Pünktlich marschieren die Vier ins Scheinwerferlicht plaudern , locker von der Bühne herab. Ein Du auf Du, das begeistert. Und obwohl alles schon mal gehört, wirkt es so possierlich gut, dass manch freudetrunkener Fan im eigenen Jubel zerfließen möchte. Obwohl die Zieh- und Zupfkapelle seit über einem Vierteljahrhundert  gemeinsame Sache macht. Gefühlt seit 100 Jahren. Sehr sympathisch, zumal die „Zieh & Zupf“-Mannen mit ihrer unvergleichlichen musikalischen Kehrwoche einer hemmungslosen Wühlarbeit in den Tiefen schwäbischer Seelen Vorschub zu leisten, um jeglicher Ernsthaftigkeit mit überbordendem Humor und chaotischen Gefühlsausbrüchen zu unterwandern. Sie stellen auf den Kopf, was nicht auf den Kopf zu stellen ist, verdrehen und führen vor. Nichts ist ihnen heilig, vor nichts machen sie Halt. Und von wegen "I kohs nemme heera". Natürlich kohs i und alle 1200 Fans im Saal  stimmen mit ein. Ob´s um den Muggebatscher oder´s Bäsle - es wird im Saal einfach eifrig mitgesungen. Nicht immer in ganz so schöner Stimmlage wie von der Bühne herab, doch mit dergleichen Inbrunst.   

Dabei schlägt sich „Herrn Stumpfes Zieh- und Zupfkapelle“ ungemein bravourös. Erste Sahne ser prächtige Gesang, drollig die (umfänglich allerdings kleiner gewordenen) Kinderspielzeug-Plastikinstrumenten-Gaga-Einlagen und wenn schönstes Männer-Gesangsvereins-Belcanto humorvoll verhohnepippelt wird, geht der letzte Anschein (ungewollter) Seriosität endlich und endgültig verloren, dafür dominiert ausgelassener, bisweilen auch hintergründiger Frohsinn. Mehr braucht das Stumpfsche Stadlkabarett nicht, um die Stadthalle in einen freudetaumelnden Hexenkessel zu verwandeln.

Warom ond wieso isch des so ond so ond net andersrom?

In makellosem Honoratiorendeutsch führen die Vier durch das Programm, begleitet von prächtig arrangierten und verballhornten Landlern, Volksmusiken, von Rock und Pop sowie klassischen A-Cappella-Weisen, die sich rasch zu besonders erfolgreichen Selbstläufern entwickeln. Besonders hier offenbaren sich die Musikanten klar als Komödianten alter Schule, als gestandene Schwaben mit humorigem Schmäh, die lustvoll in breitester Mundart amüsieren, ab und an wie aus Versehen ins Honoratiorendeutsch stolpern und sich dabei durchs Alltagsleben ihrer Mitmenschen wühlen. Auch eine Möglichkeit zum Glücklichsein. Kühne Possen und Stegreifwortspiele gepaart mit anmaßender Wichtigtuerei zwischen und in den Liedern gehören ebenso dazu wie das unbekümmert dreiste Spiel mit Belanglosem. Dabei wechseln sie von einem Instrument zum anderen, jeder spielt seines und alles andere auch. "Ond jeder sengt au no dazua", um es nochmals zu betonen. "Herrn Stumpfes Zieh- & Zupfkapelle" mutiert dann zum Chor mit Orchester, manchmal auch zum Nur-Chor oder Nur-Orchester. Und dauert der Wechsel vom einen zum anderen mal zu lange, dann gibt´s die einleuchtende Erklärung:  „Warom ond wieso des so ond so ond net andersrom isch“.

Die sen oifach  guat!

"The same procedure as every year" also? Ja und Nein! Zwar gleicht jeder Auftritt einen Tag vor Silvester den vorherigen, dennoch gibt es bei längst Vertrautem wie Neuem kein Halten, insbesondere wenn es darum geht, über Stumpfes Schäkern, Foppen, Singen und Musizieren herzhaft zu lachen. Das Geheimnis liegt eigentlich auf der Hand: Die Lieder handeln von Menschen wie du und ich, von den kleinen Freuden, den Gebrechen des Alltags und immer wieder vom Ist-Zustand der schwäbischen Seele. Und das so „ebbes ganz schee sei koa“ spiegelt sich in einem brillanten Mix aus Musik und Prosa. Und es spiegelt sich in diesem unverwechselbaren Kontext aus Mundart-, Comedy- und Spottsucht - schlicht das wahre wie pralle Leben. Aber immer schön schwäbisch, denn  darauf verstehen sich „Manne“, Benny „Banano“, „Flex“ und „Selle“ unvergleichlich gut. Oder wie die Besucher spätestens nach der allerletzten Hymne einmütig urteilen: "Die sen oifach so guat, dass d´rs da Grend em Reng rom drehat!“ So darf es denn sicherlich auch am 30. Dezember 2019 wieder heißen: „Nix wie no!

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Aalener Kulturjournal