Stadtkirche Aalen: Holocaust Gedenktag

Mitten unter uns

(AK) Am 27. Januar 1945  befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, das  größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten, in welchem  mehr als eine Million Menschen in fabrikartigen Anlagen ermordet wurden. Juden, Sinti und Roma, Polen, russische Kriegsgefangene,  Menschen mit Behinderung, Homosexuelle und politische Gegner.  Im Lager  fanden sowjetische Soldaten noch etwa 7000 fast verhungerte und kranke Häftlinge vor. Auschwitz "hat wie kein anderes Ereignis das Denken und das kulturelle Empfinden des 20. Jahrhunderts beeinflusst. Es hat uns das Grauen vor Augen geführt, zu dem menschliche Existenz fähig sein kann", schreibt der Heidelberger Medizinhistoriker Professor Wolfgang U. Eckart. Auschwitz sei die Metapher für das kaum beschreibbare Böse.

Mit dem vom ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog 1996 ins Leben gerufenen Tag des Gedenkens an Auschwitz soll an das Leid der Opfer erinnert werden. Am 1. November 2005 bestimmte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 27. Januar zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust.  Erinnerung an und aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte sollen Völkerhass, Totalitarismus, Faschismus und Nationalsozialismus verhindern.

 Zum zweiten Mal traf sich am 27. Januar  in Aalen in der Evangelischen Stadtkirche ein breitgefächerten Bündnis höchst unterschiedlicher Organisationen unter der Trägerschaft von Evangelischer Kirchengemeinde, dem Bündnis gegen Rassismus und dem Verein "Gegen Vergessen - Für Demokratie", um mit eindringlichen und bewegenden Worten an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. 

Rührseligkeit statt Trauer?

Das Motto der Veranstaltung „Mitten unter uns“ machte deutlich, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus auch auf der Ostalb geschehen sind.

Dekan Ralf Drescher, der die Gedenkveranstaltung eröffnete, erinnerte an die Verantwortung jeder Generation, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, um für Gegenwart und Zukunft die richtigen Schlüssen ziehen zu können. Anschließend las die Schauspielerin Mirjam Birkl aus Hannah Arendts (1906-1975) Essay, in  welchem  diese ihre Eindrücke  schildert anlässlich ihrer ersten Reise nach dem Zweiten Weltkrieg durch Deutschland.

Hannah Arendt, eine der bedeutendsten  Philosophinnen des 20. Jahrhunderts, in Linden bei Hannover geboren, wuchs in Königsberg auf, studierte unter anderem bei Martin Heidegger und Karl Jaspers. 1933 floh sie als Jüdin  in die USA, wo sie seit 1953 politische Theorie lehrte. Hannah Arendt begriff sich ausdrücklich als politische Philosophin. Eines ihrer wissenschaftlichen Hauptthemen: die Entstehung und Funktionsweise des Totalitarismus. Die Kernaussage: Totalitäre Führer wie Hitler und Stalin können durch Terror und Mobilisierung einfältiger Massen sich einer Ideologie bemächtigen und ihre Herrschaft etablieren. Eine Zivilisation 

könne sich immer wieder innerlich zersetzen und Barbaren hervorbringen.

Arendt kam  1949 im Auftrag einer jüdischen Organisation, um  die von den Nazis geraubten jüdischen Kunst- und Kulturbestände ausfindig zu machen und zu retten. Hannah Arendt reiste in verschiedene Besatzungszonen, besuchte zahlreiche Städte - Berlin, München, Nürnberg, Stuttgart, Wiesbaden. Jahre vor Alexander Mitscherlich berichtete sie über ein Volk, das sich weigert  zu trauern.  "Gefühlsmangel, Herzlosigkeit, billige Rührseligkeit", musste sie feststellen. Die Deutschen nach 1945 wollten keinen kausalen Zusammenhang zwischen den Ursachen des Zweiten  Weltkrieges und den Verbrechen des NS-Regimes sehen. 

Flucht vor der Verantwortung

Die Stimmung schwankte  zwischen "Was haben wir gelitten" und "Wir haben von nichts gewusst". Und: "Der Durchschnittsdeutsche sucht die Ursachen des letzten Krieges nicht in den Taten des Naziregimes, sondern in den Ereignissen, die zur Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies geführt haben ."  Gleichzeitig stellte sie eine "um sich greifende öffentliche Dummheit" fest.  "Die alte Tugend, unabhängig von den Arbeitsbedingungen ein möglichst vortreffliches Endprodukt zu erzielen, hat einem blinden Zwang Platz gemacht, dauernd beschäftigt zu sein, einem gierigen

Verlangen, den ganzen Tag pausenlos an etwas zu hantieren. Beobachtet man die Deutschen, wie sie geschäftig durch die Ruinen ihrer tausendjährigen Geschichte stolpern und für die zerstörten Wahrzeichen ein Achselzucken übrig haben oder wie sie es einem verübeln, wenn man sie an die Schreckenstaten erinnert, welche die ganze übrige Welt nicht loslassen, dann begreift man, dass die Geschäftigkeit ihre Hauptwaffe bei der Abwehr der Wirklichkeit geworden ist", heißt es bei  Hannah Arendt. "Eine solche Flucht vor der Wirklichkeit ist natürlich auch eine Flucht vor der Verantwortung." 

"Nestbeschmutzer!"

Mirijam Vogel, Rosemarie Wilhelm, Michael Fitzner und Peter Maile trugen Berichte, Aktennotizen, Zeitungsausschnitte vor, allesamt Beispiele  aus Aalen und Umgebung.

In der gleichgeschalteten Zeitung aus Lippach war zu lesen: „Juden werden immer frecher“. In Ellenberg kam ein Bauer ins Konzentrationslager Welzheim, weil er sich als Gegner des Regimes äußerte. Aktennotizen aus dem Stadtarchiv Aalen, welche das Leiden der Häftlinge im KZ Wasseralfingen schildern, wurden vorgetragen. Berichtet wurde über Erschießungen an der Schillerlinde am Braunenberg, über die barbarische Behandlung von Häftlingen auf einem 

Transport von Bühlertann nach Neunheim und Eggenrot. Von den Todesmärschen der Häftlinge, als die Konzentrationslager aufgelöst wurden. Vom Martyrium der polnischen Zwangsarbeiter, von denen Bauern wie Betriebe profitierten. Die Bevölkerung schwieg. Die Täter wurden häufig nicht zur Verantwortung gezogen.

„Eine Übereinstimmung der Rechtsseele und der Rassenseele kann aber nur insoweit erzielt werden, als die Voraussetzungen dazu vorhanden sind, nämlich für ein gleichartiges Empfinden aller Volksgenossen in Gestalt rassischer Gleichartigkeit“,  schulte Aalens damaliger Bürgermeister und Nachkriegs-Oberbürgermeister

Karl Schübel die Beigeordneten und Gemeinderäte des Kreises Aalen. Auch wachte  er höchstpersönlich darüber, dass Aalens Viehmärkte „judenfrei“ waren. Nach dem Krieg berief er sich auf seine Pflicht. Selbst habe er die Maßnahmen innerlich nicht befürwortet. In der Nacht vor Kriegsende wurde in Schwäbisch Gmünd noch ein Regimegegner umgebracht. Die Täter - Polizisten - standen 1948 vor dem Landgericht Ellwangen. Der Mantel des Schweigens legte sich über alle Verbrechen. Auch nach dem Krieg war der Faschismus noch lebendig und jene, die das Schweigen gebrochen haben, wurden als "Nestbeschmutzer" beschimpft.  

Die Täter: Menschen aus der Nachbarschaft

In seinem Schlusswort betonte  Alfred Geisel, Sprecher des Vereins „Gegen Vergessen – für Demokratie“: Auschwitz sei zwar geografisch weit weg von Aalen und der Ostalb, dennoch sei es als Symbol der Entmenschlichung sehr nahe. Auf der Ostalb habe es zwar nicht den fabrikmäßig ausgeführten Massenmord gegeben, aber auch hier sei das Leben von menschenverachtendem Terror bestimmt gewesen. „Ausgeführt von Menschen aus unserer Nachbarschaft“. Geschehen sei dies in aller Öffentlichkeit. Die Menschen hätten diese Deformation des menschlichen Anstands geduldet und seien so zu willfährigen Helfern geworden. Alle Archive müssten 

geöffnet werden, um nach der Wahrheit suchen zu können, denn vieles sei noch unerforscht.

Forschungen des früheren Aalener Stadtarchivars Karl-Heinz Bauer bildeten die Grundlage für den inhaltlichen Kontext der Veranstaltung. Konzeption und Zwischentexte stammten von Herma Geiß und Rüdiger Walter.

Musikalisch umrahmt wurde das Gedenken von Birgit Trost und Isolde Schmerek (Violine), Martina Rube (Viola) und Alexander Rube (Violoncello). Ausgesucht hatte sich das Quartett Werke der einst verfemten Komponisten Erwin Schulhoff, Viktor Ullmann und Erich Wolfgang Korngold.

Streichquartett spielt die Musik der Verfolgten

Viktor Ullmann, 1942 aus Prag nach Theresienstadt deportiert, widersetzte sich der Internierung durch den ungebrochenen Willen, sein Leben in der Hand zu behalten, selbst zu bestimmen und sich nicht von äußeren Bedingungen leiten zu lassen. In Theresienstadt komponiert er weiter, organisiert Aufführungen, gibt sich ungebrochen. Doch im Oktober 1944 wird Viktor Ullmann mit einem der letzten Transporte nach Auschwitz verschleppt und in der Gaskammer ermordet. In der Stadtkirche spielte das Streichquartett das "Allegro moderato" aus seinem Opus 46.  Danach folgte Erich Wolfgang Korngolds "Intermezzo" aus 

dem Streichquartett Nr. 2 op.26".  Als Komponist erlangte der Österreicher Weltruhm, insbesondere durch die Oper "Die tote Stadt" (1920). Korngold verstand sich als Vertreter der modernen Klassik. Ihm gelang nach der Machtergreifung die Flucht in die USA.

Mit dem "Divertimento für Streichquartette op. 14" von Erwin Schulhoff  leiteten die Musiker die Gedenkveranstaltung in der Stadtkirche ein. Sphärisch oszillierende Musik, über der sich eine

zarte Geigenmelodie voller Melancholie entfaltet. Schulhoff wurde 1894 in Prag geboren, wuchs in der Musiktradition eines Dvořák oder Smetana auf, galt bereits mit sieben Jahren als  Wunderkind, studierte unter anderem bei Max Reger. Sein von den Musikern intoniertes "Rondo" aus "Divertimento" scheint zunächst klassischen Vorbildern zu folgen,  doch die romantischen Harmonien werden nach und nach gebrochen. Die Heiterkeit der Musik ist, der Abschied von alten Zeiten steht bevor. Schulhoff komponierte das Stück 1914. Er starb 1942 im Lager Wülzburg an Tuberkulose.

Buch zum Thema:

Bereits vor 13 Jahren erschien im Fischer Verlag Götz Alys "Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus".  Der Historiker Götz Aly stellt darin eine kontroverse Deutung der nationalsozialistischer Herrschaft vor. Seine Thesen lösten bei der Erstveröffentlichung eine Debatte aus, in der über die Sozialpolitik im Nationalsozialismus, die deutsche Kriegswirtschaft sowie allgemeiner über die Gründe für die Popularität der nationalsozialistischen Diktatur und über die Motivation des Holocausts gestritten wurde. Kritisch gesehen wurde das Buch wegen seiner Tendenz zu einer monokausalen Erklärungsstruktur und der dadurch hervorgehobenen „historisch-materialistisch gewendete Kollektivschuldthese“. Den Deutschen, so Aly, sei es im Zweiten Weltkrieg besser denn je gegangen. "Sie sahen im nationalen Sozialismus die Lebensform der Zukunft - begründet auf Raub, Rassenkrieg und Mord. (…) Hitler erkaufte sich die Zustimmung der Deutschen mit opulenten Versorgungsleistungen, verschonte sie von direkten Kriegssteuern, entschädigte Bombenopfer mit dem Hausrat enteigneter Juden, verwandelte Soldaten in `bewaffnete Butterfahrer´ und ließ den Krieg weitgehend von den Völkern Europas bezahlen." 

 

Götz Aly

Hitlers Volksstaat"

S.Fischer Verlag

ISBN 3-10-000420-5

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Aalener Kulturjournal