Theater Aalen: Szenische Lesung "Fahrenheit 451"

"Du sollst nicht Gedanken, sondern denken lernen"

Der schönste Büchersaal des Ostalbkreises geht glücklicherweise nicht in Flammen auf. Aber im Rahmen des Lesereihe "Im Bann der Bücher" inszeniert das Theater der Stadt Aalen in der Bibliothek von Schloss Fachsenfeld Ray Bradburys Zukunftsroman "Fahrenheit 451", der von einer Gesellschaft erzählt, die Bücher verbrennt, da sie deren Lektüre als Verbrechen betrachtet. Neben Orwells "1984" und Huxleys "Schöne neue Welt"  der Klassiker dystopischer Literatur, mit dem der amerikanische Autor sieben Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Schrecken eines totalitären Regimes anschaulich schildert.  Ihm geht es nicht um die Darstellung wissenschaftlichen Fortschritts, vielmehr interessiert ihn die Verlorenheit des Individuums in einer entmenschlichten Welt. 

Zwischen den raumhohen Bücherregalen der Schlossbibliothek lesen Anne Klöcker und Michael Kausch aus dem finsteren Roman, dessen eigenartige Spannung  sich nicht zuletzt aus der Wortwahl des Textes speist. Aus dem poetischen Klang, der am intensivsten wirkt, wenn das beklemmende Geschehen seinen Höhepunkt erreicht - von Michael Kausch in sprachlich wie schauspielerisch in Szene gesetzt. Erweckt so den "Romanhelden" Guy Montag zum Leben. Dessen Job als Feuerwehrmann ist es, Bücher zu verbrennen. Die neue Funktion der Feuerwehr, die keine Brände mehr löscht, sondern unter dem herrschenden System zu Brandstiftern ernannt werden. Ihre Gerätschaft sind Stahlrohre, die ein Feuer mit 451 Grad Fahrenheit erzeugen,  die Temperatur, bei welcher sich Papier entzündet. 

Was sie bekämpfen und für immer vernichten, sind die letzten Zeugen individualistischen Denkens in einer technisierten Welt: Bücher. Der Grund: Solange es irgendwo in diesem fiktiven Staat noch ein Buch gibt  und solange sich ein Mensch davon inspirieren lässt, ist das Lebenselixier dieser Gewaltherrschaft, die absolute Konformität, in Gefahr.  

Zwanzig Jahre lang war Feuerwehrmann Montag ein Rädchen in diesem System, half mit, Bücherbesitzer samt ihren literarischen Schätzen zu enttarnen und  zu vernichten.

Die szenische Lesung setzt ein, als Montag einem noch selbstständig denkenden Menschen begegnet, der ihn veranlasst, nach dem "Warum" seiner Arbeit zu fragen. Verwirrt betrachtet Guy Montag sein Handeln, scheint es nicht mehr zu begreifen. Zweifel nagen an ihm.  

Ein kleines Buch, welches er heimlich vor den Flammen rettet, lässt ihn zum Abtrünnigen werden.

Das Schauspielerduo nimmt sich die nötige Zeit, um den Erkenntnisprozess, der schließlich eine Veränderung nach sich zieht, deutlich zu machen. Michael Kausch gestaltet Leerstellen, um der Reflexion Raum zu geben. Gedanklich entfernt sich Guy Montag immer weiter von seinen gleichgültigen Mitmenschen, die in verordneten Banalitäten aufgehen: Konsum, Glückspillen und TV-Trash.  Am Ende steht der willfährige Bürger. 

Eine alte Dame (eine von Anne Klöckers zahlreichen Rollen) verbrennt sich selbst mit ihren Büchern. Guy indes entwickelt sich zum Dissidenten, schließt sich mit anderen Abtrünnigen zusammen. Dennoch steht es schlecht um ihn, wie die entscheidende Szene, eine Aussprache mit dem Feuerwehrhauptmann, erahnen lässt. Letztlich kommt es in  Bradburys düsterem Zukunftsszenarium zu einer  Wende. Montag rettet sich zu einer Gruppe, die die verbotenen Bücher Wort für Wort auswendig lernt, um sie für eine bessere Zukunft zu bewahren. 

Eine Zukunftsvision mit beklemmendem Gegenwartsbezug. "Du sollst nicht Gedanken, sondern denken lernen", überschreiben die Theatermacher ihre szenische Lesung, greifen damit ein Zitat Immanuel Kants auf, um den kulturkritischen Ansatz von "Fahrenheit 451" zu betonen.  "Wenn man dir liniertes Papier gibt, schreibe quer über die Zeilen!", heißt es im Vorwort zu dem Roman - ein Plädoyer für die immer bedrohte Freiheit des Denkens.

 

INFO

Die nächste szenische Lesung zu "Fahrenheit 451" findet am 19. November um 17 Uhr im Wi.Z (!) statt.

 

FOTOS: Theater Aalen (P.Schlipf)

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Aalener Kulturjournal