Interview zum sozio-kulturellen Projekt des Stadttheaters Aalen

Am Ende des Boulevards

Der "Boulevard Ulmer Straße" endet am kommenden Sonntag mit einer großen Abschlussparty im Proviantamt. War das sozio-kulturelle Projekt des Aalener Stadttheaters ein Erfolg oder Misserfolg? Eine erste Einschätzung gibt das Leitungsteam des Theaters - Tina Brüggemann (M), Tonio Kleinknecht (l) und Winfried Tobias (r).

Das sozio-kulturelle Projekt "Boulevard Ulmer Straße" neigt sich dem Ende zu. Welches Resümee lässt sich ziehen? 

Im Rahmen unseres Mottos zur Jubiläumsspielzeit „Am liebsten erinnere ich mich an die Zukunft“ haben wir versucht, zu ermessen wie das Theater der Zukunft aussieht, was für Aalen in Zukunft wichtig sein wird und in welchem Europa wir leben wollen. Da ist es wichtig über den Tellerrand zu schauen und aus den angestammten Bühnen herauszugehen. Außerdem wollten wir mit unseren „Nachbarn“ in gemeinsamen Projekten die Vielfalt, die man in der Ulmer Straße antreffen kann, sichtbar und erlebbar machen. Das ist insgesamt sehr gut gelungen, der Besuch für die einzelnen Veranstaltungen wie auch die öffentliche Wahrnehmung des Projekts hat unsere Erwartungen erfüllt bzw. übertroffen.

Was ist besonders gut gelaufen, was eher schlecht? 

Eigentlich sind wir mit allen Projekten zufrieden. Hervorzuheben ist vielleicht die "Gerücheküche", die sich mit ihrem wöchentlichen Termin als Institution etabliert hat. Ein weiteres Highlight war sicher die sehr gut besuchte interreligiöse Lesung „Nathan Next Door“ in der Merkez Moschee, die das gute Verhältnis zu unseren muslimischen Nachbarn nochmals vertieft hat. Und auch der GSA Boogaloo in der Gesenkschmiede war eine Kraftanstrengung für die Beteiligten, die aber vom Publikum sehr gut honoriert wurde.
 

Wo lohnt es sich nachzuhaken und eventuell sogar über eine eigenständige Initiative nachzudenken? 

Bei der Gerücheküche gibt es immer wieder mal die Frage, wie es weiter geht. Aber so eine Initiative braucht viele Koordination. Und den Wagen haben wir auch nur von der Stadt geliehen. Grundsätzlich hat der Boulevard einerseits vom Engagement aller beteiligten Gruppen gelebt, das war absolut essentiell. Gleichzeitig war auch die organisatorische Arbeit seitens des Theaters wichtig. Die Kommunikation ist halt doch manchmal umständlicher als gedacht und die Interaktion der verschiedenen Gruppen untereinander ohne Bindeglied das Theater hätte vielleicht teilweise noch intensiver sein können. Aber das ist ja auch ein Lern- und Erfahrungsprozess. Welches Projekt sich nun aus diesem Kontext „eigenständig“, also z.B. ohne das Theater weiter entwickelt, bleibt entsprechend abzuwarten.

Lässt sich das gesamte Projekt wiederholen?

Viele der einzelnen Veranstaltungen könnten als Muster für Nachfolgeprojekte dienen. Den Boulevard als Summe der einzelnen Teile komplett genauso zu wiederholen würde aber wenig Sinn machen. Es ist ja auch spannender, was sich aus den gewonnen Erfahrungen und Beziehungen Neues schaffen lässt.

Wie viele Menschen wurden erreicht?

Für eine Anfrage aus der Stadt zum Thema Bürgerbeteiligung haben wir nachgerechnet, dass allein in 2017 in den Veranstaltungen über 200 Menschen direkt beteiligt waren und rund 2500 Besucher*innen gekommen sind. In der ersten Spielzeithälfte kommen da vielleicht noch einmal 1000 dazu.

Konnte auch neue Kreise interessiert werden?

Wir haben bei zahlreichen Veranstaltungen Menschen erreicht, die wahrsheinlich noch nie unsere Theaterbühnen besucht haben. Jede Gruppe, jede Institution zieht ihre „eigenen Leute“. Beim Boogaloo waren sicher viele GSA-Mitarbeiter*innen. Aber eben auch viele andere Aalener*innen. Am schönsten ist, wenn sich die verschiedenen Gruppen mischen und das ist beim Boulevard oft passiert. Wenn jetzt einige neue Gesichter auch in den regulären Theatervorstellungen auftauchen, umso besser. Wir wollten ja auch zeigen, was Theater alles sein kann und Menschen neugierig machen.

Wie nachhaltig war das Ganze mit Blick auf das soziale und kulturelle Zusammenleben in der Stadt?

Es sind viele neue Verbindungen geknüpft worden, von denen wir sehen werden, wie haltbar sie sind. Und seitens der Stadt sind die positiven Signale des Projekts für die Stadtentwicklung rund um die Ulmer Straße ja auch deutlich wahrgenommen und benannt worden. Das Theater soll und will ein Motor für die Kultur in Aalen sein, und dass wir das nicht nur auf unseren Bühnen, sondern auch in der Stadt sein können, hat sich beim „Boulevard Ulmer Straße“ gezeigt in einer Form, auf die sich aufbauen lässt.

Am kommenden Sonntag ist BUS-Abschlussparty. Was wird alles geboten?

Zum Abschluss wollen wir die schönsten Momente des Projekts noch einmal mit den Beteiligten und dem Publikum Revue passieren lassen. Um 12 Uhr geht es im Proviantamt los, es gibt Küche und Kultur, musikalische und tänzerische Highlights aus dem „GSA Boogaloo“ und dem „Rock am Boulevard“-Programm, das im Februar in der Tofa zu sehen und zu hören war. 

Der Bürgerchor wird sich nochmals sprecherisch mit Aalen auseinandersetzen und ein Ausschnitt aus der Jugendclubproduktion „Das Tierreich“ zeigt Jugendliche auf Identitätssuche. Es gibt Spielangebote für Kinder. Die Projekte aus dem Bereich der Bildenden Kunst, also „Der Augenblick“ und die „Busgeschichten“ des Künstlerkollektivs werden präsentiert. Mit Humor den Schmerz zu nehmen ist das Angebot „Wunden schminken“ der Malteser – da sieht man dann den Abschiedsschmerz vom „Boulevard“. 

Danach ist Sommerpause und dann? Wird es tatsächlich eine Neuauflage geben? Bleiben die Initiatoren bei sozio-kulturellen Projekten am Ball oder ist etwas völlig anderes geplant?

Das Theater hat für die neue Spielzeit das Label „Bürgertheater“ als Bestandteil des Programms fest eingeführt, um Angebote zur Mit- und Zusammenarbeit, auch jenseits unserer bereits länger etablierten Spielclubs zu kennzeichnen. Dazu gehört ein Bürgerchor, der bereits im Boulevard aufgetaucht ist und der für 2018 eine komplette eigene Produktion auf die Beine stellen wird. Und wir planen ein Projekt im Rötenberg, zusammen mit dem Treffpunkt Rötenberg und dem Programm BIWAQ. Die waren übrigens im Mai die Gastgeber in der Gerücheküche. Der Boulevard geht also weiter. Nur anders halt.

FOTOS: Theater Stadt Aalen, H. Kullmann

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Aalener Kulturjournal