Joseph von Eichendorff: "Aus dem Leben eines Taugenichts"

   Kein Gestriger, ein Hellsichtiger!

(AK) "Du Taugenichts! Da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot", schimpft der Müller seinen nichtsnutzigen Sohn, der gar nicht ans Arbeiten denkt. "Nun", sagte ich, "wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen." So beginnt Eichendorffs wundervolle Märchennovelle „Aus dem Leben eines Taugenichts".

"Ich hatte recht meine heimliche Freude, als ich da alle meine alten Bekannten und Kameraden rechts und links, wie gestern und vorgestern und immerdar, zur Arbeit hinausziehen, graben und pflügen sah, während ich so in die freie Welt hinausstrich. Ich rief den armen Leuten nach allen Seiten stolz und zufrieden Adjes zu, aber es kümmerte sich eben keiner sehr darum. Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemüte."

Der Jurist Joseph von Eichendorff (1788-1857) veröffentlicht seinen „Taugenichts“, welcher das Lebensgefühl der Spätromantik spiegelt, 1826. Seit zehn Jahren ist er preußischer Regierungsbeamter, wird später noch Dezernent im Kultusministerium in Berlin. Ein gewissenhafter Beamter, der liebevoll für seine Familie sorgt. Der mitnichten selbst ein „Taugenichts“ ist.

Während des Studiums in Halle und Heidelberg ist Eichendorff mit den romantischen Dichtern Arnim und Brentano befreundet. "Des Knaben Wunderhorn" bleibt zeitlebens Stimmgabel seiner Gedichte, unvergessliche Novellen schreibt er im Stil der Romantik. Die alte Zeit scheint ihm menschlicher als die neue Epoche.

Gegen Philister, Selbstgerechte, Besserwisser und Arbeitswütige

Die  hässlichen Folgen der Industrialisierung, das Elend des Proletariats ignoriert Eichendorff wie die meisten seiner Zeitgenossen. Er hasst die Philister, die Selbstgerechten, die Besserwisser, die Bürokratie, die Arbeitswütigen. Der typische Philister ist in der Novelle der Portier - "ein großer Herr in Staatskleidung", "prächtig wie ein aufgeblasener Puter", der "immerfort wie der Perpendikel einer Turmuhr in der Halle auf und ab wandelte". Urbild des Funktionärs. Immerzu belehrt er den Taugenichts, der aber sagt einfach: "Es waren noch mehr sehr hübsche gutgesetzte, nützliche Lehren; ich hab habe nur seither fast alles  wieder vergessen." Wunderbar resistent! Eichendorff liefert mit seiner Erzählung die liebenswürdige Antithese zu Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (1791/1796), wo ein junger Mann zu Pflicht und Verantwortung findet. Sein Taugenichts ist der erste Gammler, der Aussteiger, ein Kontrastprogramm.  

Der Müllerssohn nimmt seine Geige, macht sich ohne Ziel auf  den Weg, gewinnt am Ende die Liebe einer Schlossdame, lebt mit ihr  in einem prächtigen Schloss in der Nähe von Wien. Vorher  geht die Reise nach dem Sehnsuchtsland Italien. "Das Meer leuchtete von weitem, der Himmel glänzte und funkelte unübersehbar mit unzähligen Sternen, darunter lag die Heilige Stadt."

Eine märchenhafte Welt. Die Bäume rauschen geheimnisvoll, Vögel zwitschern, Flüsse funkeln im Sonnenlicht. Jagd- und Posthörner erklingen. Abenteuer, Verkleidungen, Paläste und wundersame Gärten. Fernweh, Tanz und Mondschein. Die romantische Sehnsucht, ziellos ins Unendliche gerichtet. Die Menschen sind zweitrangig. Typisch Eichendorff eben.

Ein märchenhafter Schluss.  Indem der Taugenichts  „Flügel und Segel“ aufspannt, geht er einer mystischen Freiheit entgegen. Eichendorff  streut seine schönsten Gedichte in den "Taugenichts" ein: "Wem Gott will rechte Gunst erweisen / Den schickt er in die weite Welt", "Den lieben Gott lass ich nur walten", Wenn ich ein Vöglein wär", "Schweigt der Menschen laute Lust".  Und so heißt es am Ende: "Und es war alles, alles gut!"   Ein  unerschütterliches Urvertrauen in die Natur und die Güte Gottes. 

Den Zug der Zeit verlassen

Obwohl während Eichendorffs Lebenszeit ein welterschütterndes Ereignis auf das andere folgt. Revolutionen verändern Europa grundlegend,  polarisieren das öffentliche Leben.

Die Industrialisierung setzt ein, das Massenzeitalter  beginnt. Das Eisenbahnnetz wird aufgebaut, sodass das Leben sich beschleunigt und verändert  in einem zuvor nie gekannten Ausmaß. Veränderungen, die Eichendorff sehr kritisch betrachtet.

Vor der Angst vor der Zukunft schützt ihn allerdings sein Gottvertrauen. Gleichzeitig steigt Eichendorff aus dem Zug der Zeit aus. In dem wenig bekannten autobiographischen Novellen-Fragment "Tröst-Einsamkeit" (1845) schreibt er:

„An einem schönen warmen Herbstmorgen kam ich auf der Eisenbahn vom andern Ende Deutschlands mit einer Vehemenz’ dahergefahren, als käme es bei Lebensstrafe darauf an, dem Reisen, das doch mein alleiniger Zweck war, auf das allerschleunigste ein Ende zu machen, die Dampffahrten rütteln die Welt, die eigentlich nur noch aus Bahnhöfen besteht, unermüdlich durcheinander wie ein Kaleidoskop, wo die vorüberjagenden Landschaften, ehe man noch irgendeine Physiognomie gefaßt, immer neue Gesichter schneiden, der fliegende Salon immer andere Sozietäten bildet, bevor man noch die alten recht überwunden. Diesmal blieb indessen eine Ruine rechts überm Walde ganz ungewöhnlich lange in Sicht.“

Das Sterben der Natur - für Eichendorff  unvorstellbar

Dort oben soll ein Einsiedler hausen: Sonderling, heimlicher Jesuit, Anarchist, beteiligt vielleicht an einem „großen politischen Verbrechen“?  Wie aktuell das doch klingt! Der Erzähler  verlässt den Zug, entscheidet sich für das „altmodische Wanderleben“, um „unter dem feierlichen Waldesrauschen auf dem steilen Fußweg“ den Berg hinaufzuklettern. „Mir war’s, als ginge ich durch irgendeine Verzauberung mitten in die alte gute Zeit, ich schüttelte mehrmals mit dem Kopf, ob mir nicht etwa unversehens ein Haarbeutel im Nacken gewachsen. So kam ich an die Ruine, oder vielmehr an ein Schloß, das allerdings ruiniert genug war, aber offenbar weniger durch sein Alter, als durch einen gewaltsamen Brand.“

Ein Aussteiger lebt dort, ein Kamerad aus den Befreiungskriegen, umgeben von seinen Enkelkindern. Vergangenheit und Zukunft kommen so zusammen, während die Gegenwart unter Dampf vorüberrast. So „alt und ehrwürdig waren wir beide seitdem geworden“. Die Beiden sind nicht verbittert, sondern vergnügt am Ende.

Und heute?  Natur?  Verbraucht, zerstört. Die von Eichendorff besungenen Wälder sterben, sind nur noch Holzäcker.   "Bunte Schmetterlinge" schweben dahin wie "verwehte Blüten", dichtet er.  Ein Insektensterben, das sich Eichendorff gar nicht hätte vorstellen können. Die Meere vergiftet, vermüllt. Mancherorts kann man die Sonne, die bei Eichendorff so wunderbar  auf- und untergeht, wegen der Luftverschmutzung nicht mehr sehen. Eichendorff ist er kein Gestriger, sondern hellsichtig.

 

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Aalener Kulturjournal