Theodosii Spassov Quartett

  Musik aus den Schluchten des Balkans

Wundern darf man sich schon? Oder? Da kündigt sich ein vielversprechendes Jazz-Konzert  mit ebensolchen Musikern an, und keiner aus der Aalener Jazzszene lässt sich blicken. Vielleicht ist es auch gar nicht so weit her mit den heimischen Jazzapologeten, vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Musiker vom Balkan anreisten, um ihre höchst spezielle Sicht auf den Jazz zu offenbaren. Eine im besten Sinne multikulturelle, denn das Jazz Quartett Theodosii Spassov serviert einen höchst bunten Balkan-Jazz, der sich mal west-europäisch, mal bulgarisch und mal türkisch geriert. Übrigens eine Musik, die noch vor einem Vierteljahrhundert den Kommunisten Bulgariens als angebliche Kultur des Klassenfeindes  ein Dorn im Auge war. Obwohl sie einfach hätten hinhören müssen, denn der bulgarische Jazz verleugnet keineswegs seine tiefe Verwurzlung in der Volksmusik.

Bereits 1970 bereicherte der in die USA emigrierte Pianist Milcho Leviev den amerikanischen Jazz mit markanten folkloristischen Elementen, während Klarinettist Ivo Papazov auf die musikalische Tradition der Roma zurückgriff. Theodosii Spassov erweist sich im Konzertsaal der Aalener Musikschule als Vertreter eines Jazz,  dessen ethnisches Idiom unüberhörbar ist, ohne die volksmusikalische Koloristik überzustrapazieren. Gemeinsam  mit seinen  Mitmusikern Peeyo Peev (Gadulka oder Volksgeige), Genadii Rashkov (Percussions) und Hristiyan Tsvyatkov (Gitarre) sorgen sie auf Einladung des Südosteuropäisch-bulgarischen Kulturinstituts Ellwangen für ein vergnügliches Zusammenspiel, für einen temperamentvollen musikalisch dichten Konzertabend, bei dem auch mal ausgelassen getanzt werden darf.

Bläst Spassov in die Flöte, dann klingt´s immer wieder, als ob Ian Anderson zu "Locomotive breath" oder zur "Bourée" ansetzt. Seiner Kaval, eine bulgarische Hirtenflöte, die ohne Mundstück gespielt wird, entlockt er fast pastorale Melodien, um diese kurz danach in verjazzte Harmonien überzuführen oder gar in verqueres Pfeifen, Rauschen, Röcheln. Er ist der Chef im Ring, nach dem sich die anderen richten, seine Vorgaben weiterentwickeln. Ein Zusammenspiel, das sich von westlichen Jazzformen teils deutlich unterscheidet. Wobei Theodosii den anderen durchaus Raum zu

eigenen Soli und Improvisationen lässt. Insbesondere Peeyo Peev nutzt diese Gelegenheiten, um mit der Gadulka, einen orientalischen Flair in den Jazz einzubringen. Dennoch bleibt es bei einer offenen, für verschiedene osteuropäische Einflüsse durchlässige Musik, die sich geschickt mit westlichem Jazz mischt, um so unterschiedlichste Facetten an Melodien, Stimmungen und Grooves zu entwickeln, über denen sich ab und an Spassovs Scat-Gesang legt, wenn er nicht gerade ganz traditionell singend Themen wie Hirtenlyrik, Geschichten von der Beziehung Mensch und

Natur, aufgreift.

Eine Musik, die indes nicht zwischen den Welten zuhause ist, sondern sich alter südosteuropäischer Tradition verpflichtet fühlt, einem Jazz auf Balkan-Basis, mit heftigen, manchmal auch lyrischen Improvisationen, diffizilen Rhythmen und balladesken Melodien.  Über allem schwebt Spassovs  balkanesische Hirtenflöte. Höchst bemerkenswert. Kein Wunder, dass schon Ennio Morricone auf den Musiker zurückgriff, auch manch ein Jazzer. Spassovs gemeinsamer Auftritt mit dem  Radiochor Sofia war allerdings höchst programmatisch. “Mystère des Voix Bulgares” stand über der Musik.

 

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Aalener Kulturjournal