Jazz mit Hayat Chaoui und der Formation Ufermann

Ein poetisch musikalischer Dialog

Zum Jazzkonzert luden die Evangelische und Katholische Erwachsenenbildung, der Christlich-Islamische Dialogkreis Aalen sowie die VHS und der FBS Aalen  in das katholische Gemeindehaus St. Maria. „Salam – Jazz und Poesie zwischen den Kulturen“, hieß die Vorgabe für die Wuppertaler Jazz-Formation Erhard Ufermann und Sängerin Hayat Chaoui. Doch zuvor bitten die  Fotografen noch zum Gruppenbild mit Dame. Entspannt geht es zu, vielleicht weil sie bereits seit 25 Jahre miteinander musizieren Bandleader Erhard Ufermann muss allerdings krankheitsbedingt an diesem Abend passen. Marius Richter vertritt ihn am Piano. Die Herren tragen Schwarz. Jazzlike eben. In ihrer Mitte Sängerin Hayat Chaoui. Sie hat in Mainz Sprachwissenschaften studiert, in Köln Gesang.  Und die Liste ihrer Aktivitäten und Wettbewerbserfolge scheint endlos. Jetzt steht sie auf der kleinen Bühne und lauscht der Musik ihrer Kollegen. Unheilheilschwangere Klänge. Bedrohlich klingende. "Ygdal". "Am Ende war Schweigen und schweigend war Gott", spricht Chaoui ins Mikrofon. Die Musik verstummt und setzt mit Vehemenz wieder ein. Vom Jazz gibt es zu diesem Zeitpunkt noch keine Spur, der kommt erst nach einem Gedankensprung mit "Osse Shalom", einem Traditional im Jazzstandardformat.

Treffen sich zeitgenössischer Jazz und alte Traditionen, ist die Überraschung nicht allzu groß, denn neu ist dies alles nicht, kommt doch Jazzfreunden spontan "Play Bach" in den Sinn. Trifft aber Poesie auf Leben, der Orient auf den Okzident. spirituelle Motive aus dem christlichen auf ebensolche aus dem islamischen und jüdischen Kulturkreis, dann gilt es aufzuhorchen. Zumal Hayat Chaoui in ihren Liedern und die Ufermann-Jazzer in den Rhythmen  aus vermeintlich Gegensätzlichem überraschende Gemeinsamkeiten extrahieren.

Im Gemeindehaus sorgt dieser musikalische Extrakt für eine ganz eigenartige Atmosphäre, für Vertrautes im Unbekannten und belegt zugleich, abgeschottet waren die unterschiedlichen Kulturen nie. Aber es ist zugleich auch der Beweis dafür, wie attraktiv solch eine facettenreicher Mix aus kulturübergreifenden lyrischen Kompositionen, Jazz, Chansons und alten spirituellen Liedern aus drei Religionen sein kann. Vorausgesetzt, jede achtet die andere.

So beschreibt denn auch Chaoui die Intention des Konzerts in wenigen Sätzen mit dem Wunsch, Verständnis für fremde Kulturen schaffen zu wollen.  Vier Stücke geben zunächst Einblick auf überlieferte Traditionen, bevor sich jeweilige Eigenheiten musikalisch in solide Jazzstandards einschleichen, dem gemeinsamen Timbre eine besondere Note verleihen.

Ein Krieg der Kulturen sei nach Nine-Eleven verkündet worden, so Hayat Chaoui.  Dem stehe jedoch der Wunsch nach Frieden gegenüber, nach Shalom und Salam. Mit wenigen Sätzen beschreibt die Sängerin den eigentlichen Kern des Konzerts: Gegenseitiges Verständnis für die unterschiedlichen Kulturen zu schaffen. 

Rhythmisch Jazz-Standard dominieren, dem Textverständnis steht fehlende Sprachkompetenz der Zuhörer gegenüber, wer spricht schon arabisch beziehungsweise hebräisch. Da muss man ab und an tatsächlich rätseln. Eindeutiger bei: "Maria durch den Dornwald ging". In einer verblüffend jazzigen Version, mit dreistimmigem Gesang. Hier kommt bestens Altes mit Neuem zusammen. Nach der düsteren Endzeitstimmung in "Ygdal", feiert diese Musik nun das Leben.  Dieses Leben spiegle sich in den Liedern wider, meint Chaoui. "Jede Zeit , jedes Geflecht hat ein eigens Lied: Die Liebe, das Sterben, die Hoffnung, der Kampf. Nur ein Flügelschlag verbindet Traditionen mit dem Erleben unserer Zeit."

Friede sei nur im eigenen Herzen zu finden, mahnt die Sängerin. Ihre Band steuert "Belo Horizonte" bei, bedächtige Jazzmusik, bei der der Bass immer wieder variationsreich über die Melodie sinnieren darf.  Komponiert von Erhard Ufermann. Wie auch das nachfolgende "Es wird ganz leise klingen".  Ein wenig Big-Band-Sound schleicht sich ein, Saxophon und Trompete dialogisieren nett, über welches Thema auch immer und dazwischen Hayat Chaouis feine wie klare Stimme, der weder Blech noch Percussions etwas anhaben können. Sie singt traditionelle und moderne Lieder, rezitiert Gedicht, übersetzt in deutsch und arabisch, singt erneut. "Time has come" - gedankenvolle Lyrik zu langsamen Rhythmen.

Poesie trifft auf das Leben der Menschen im Okzident und Orient. Die Musiker bringen zusammen, was scheinbar nicht zusammengehört, verbinden Elemente islamischer, jüdischer und christlicher Kultur mit der jeweils anderen Tradition. "Hija mia mi querida", in dem sephardischen Lied besingt eine Mutter die Liebe zu ihrer Tochter, in "A dream was born" geht es um den großen Menschheitstraum, letztlich um Martin Luther Kings "I have a dream".  

Mit zu den beeindruckendsten Lieder gehört an diesem Abend jedoch "Der Mond ist aufgegangen". Das Abendlied nach einem Gedicht vom Matthias Claudius gehört seit 1799 zu

den bekanntesten Werken der deutschen Literatur. Dass es allerdings auch ein arabisches Pendant aus dem sechsten Jahrhundert gibt, ist nur wenigen bekannt. Die Musiker bleiben ganz nah bei Schuberts Vertonung und wenn  Hayat Chaoui fast übergangslos ins Arabische wechselt, erfährt das Ganze zwar einen inhaltlichen Wandel, musikalisch bleibt es indes lediglich bei leichten orientalischen Anleihen. Zeitgenössischen Jazz mit traditionellen Formen unterschiedlichster Kulturen zusammenzubringen, bei Hayat Chaoui und der Formation "Ufermann" klingt dies bemerkenswert gut. Solch einen poetischen Dialog der Kulturen darf es öfters geben.

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Aalener Kulturjournal