Jazzfest

Gegensätze ziehen an: Matthew Whitacker und Hailey Tuck

Nein! Dieser Whitacker ist eindeutig ein anderer! Auch wenn man denken könnte, dass …

Er ist ein anderer! Weil sich der Roger Whittacker eben mit "tt" schreibt und weil der junge Mann auf der Bühne sicherlich keine 82 Lenze zählt. Vielmehr wirkt er sehr jung - sehr sehr jung.  Folgerichtig erklingt weder "Wenn es dich noch gibt" und auch der Abschied, der ein scharfes Schwert ist, bleibt in der Plattenhülle. Jetzt könnte man einen Punkt setzen und zugleich einen Schlussstrich ziehen. Doch eines muss noch angemerkt sein: Auch mit dem künftigen amerikanischen Justizminister Matthew Whitacker hat der junge Mann am Klavier nichts, aber auch wirklich gar nichts gemein. Außer eben den gleichen Vor- und Familiennamen.

Glücklicherweise, denn was dieser Matthew Whitacker - der Musiker - aus dem Bösendorfer-Flügel beziehungsweise aus seiner Hammond B3 holt ist schlicht und einfach Sturm und Drang pur, zumal ihm ein nach Herzenslust groovender Bassist zu Seite steht, übrigens begleitet von einem Beatnik als Dritten im Bunde, dessen Schlagfertigkeit für treibende Rhythmen sorgt, dessen Soli kräftig die Trommelfelle der Zuhörer beansprucht.

Ein authentisches Trio mit Verve. Dennoch fällt beim zweiten Blick auf, hier ist etwas ganz anders: Matthew Whitacker ist blind. Deshalb erinnert seine Art Klavier zu spielen so frappierend an Stevie Wonder beziehungsweise Ray Charles. Insbesondere von Letzterem scheint er Bewegung und Gestik übernommen zu haben.  Äußerlichkeiten zwar, die man aber gerne wahrnimmt. Wie diesen vortrefflichen Jazz, in dem sich R & B und Soul spiegeln.

Die Basis dafür liefert die Hammond, über deren Manual Whitacker abwechselnd so fingerflink rast wie über die des Flügels. Wenn er nicht der Einfachheit halber gleich beide, mit der Linken das Piano, mit der Rechten die B3, bespielt. Im Ergebnis eine mitreißende, weil dichte wie vertraute Musik.

Bühnenumbau und Wechsel zu Hailey Tuck. Eine ganz andere Welt kommt mit der "Woman in Jazz" auf die Bühne, zugleich auch eine völlig andere Performance. Eine spielerisch-humorvolle, sei angemerkt. In deren Mittelpunkt mit Bubikopf-Frisur und grünem Hängerkleidchen  Hailey Tuck. Den Flair der Goldenen Zwanziger will sie in ihre Musik holen, mit keckem Kleinmädchengehabe aber auch viel Lebenslust.

Erfrischend serviert sie einen kokett gesungenen Jazz, eine Retro-Attitüde, die mindestens genauso gut ankommt wie ihr Gesang. Leicht näselnder Slang, laszive Stimme und ein untrügliches Gespür für das gewisse Etwas der vergangenen Swing-Ära. Mit Bob Dylans "Don't Think Twice" beginnt die Texanerin, dem alten Jazz mit vermeintlich geläufigen Akkorden neues Leben einzuhauchen.

Klingt mit dem einhergehenden kleinen Touch Hillbilly richtig gut, Doch Tucks liebt ihre Finesse. Sie zieht ihre Schuhe aus, spornt die Musiker an, singt von Kaktusbaum, Unterwäsche und Alkohol. "Trouble in Mind" - Hailey Tuck liefert nachdenklich stimmende Lieder - auffallend unkonventionell arrangiert, mit ein wenig Leonard-Cohen und Joni-Mitchell-Feeling.  Aber so frech interpretiert, dass Tuck sich selbst zum Hüpfen und Tanzen verführt.

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Aalener Kulturjournal