Aalener Jazzfest am Freitag

Alle guten Dinge sind drei: Myles Sanko - Marcus Miller - Candy Dulfer  

Freitagabend im großen Zelt, Petite Bellvue genannt. Draußen nasskalt, drinnen angenehm. Drei auf einen Streich sollen es an diesem Abend sein: der bemerkenswerte Myles Sanko, der altbewährte Marcus Miller und die großartige Candy Dulfer. Drei in Aalen seit Jahren bekannte Jazzer, die unabhängig voneinander und mit jeweils höchst unterschiedlichen Akzenten musizieren wollen. 

Myles Sanko bleibt sich treu

Vor vollem "Haus" kommt Myles Sanko zum Warm up auf die Bühne, obwohl der Zeiger erst auf 17 Uhr steht.  "Freedom", "Sunshine", "Forget me not" - der britische Soulsänger war vor einem Jahr schon mit von der Partie. Auch heuer steht er akkurat gekleidet auf der Bühne, um sein sein neues Album "Just Being Me" zu präsentieren. Musik wie eine Offenbarung. Myles Sanko legt seine Sicht auf Liebe, Hoffnung, Wahrheit und Politik in reich instrumentierte Arrangements. Wobei "Freedom"  als reines Instrumental fast programmatische Züge annimmt, sich dabei eines umfänglichen Zitatenschatzes bedient, der - mal mehr, mal weniger verändert - auch in den nachfolgenden Tracks auftaucht. Sanko schlägt einen weiten Bogen vom famos souligen "Promises" über ein aufmunterndes "Sunshine" hin zu jazzigen Spezialitäten wie "This Ain t Living". Zu expressivem Gesang, gibt es wie bei "Land Of Paradise"  markante Bläsersätze und akzentuiertes Klavierspiel. Allesamt exzellente Zutaten für seinen Soul-, Groove- und R&B- Schmelztiegel, in dem der Brite seine musikalische Botschaft zubereitet. Ein in sich stimmiger Jazz entsteht, aus dessen melodischen Linien indes nach wie vor charakteristische Elemente der Zutaten herauszuhören sind - bestes Beispiel: "Forget Me Not".

Marcus Miller: Der Mann mit dem Hut

Wer auf zeitlose Tiefe, Raffinesse und Varianz setzt, sollte sich Kandidat Nummer zwei Marcus Miller gönnen. Vorweg gesagt: Hier groovt es vor lauter durchdringenden Bässen deutlich cooler.  

Der Grammygewinner (2001) mit dem charakteristischen  Pork Pie Hat  beweist eine enorme stilistische Bandbreite. Vor allem zeigt er sich auf der Bühne in bemerkenswerter  Präsenz, die ihn mit dem ersten Akkord in den musikalischen Mittelpunkt hievt. Marcus Miller beherrscht souverän alle Spielarten, ob es sich um schrillen Funk oder weiche Melodien handelt, alle dicht in sein Bassrepertoire gepackt. Den Aalener Jazzfans wird der solchermaßen gewandelte "Temptation"-Hit "Papa was a Rolling Stone" in guter Erinnerung bleiben, insbesondere da in diesem weit gezogenen Ohrwurm Millers Bass den rhythmischen Motor gibt. Die tief gelegten Akkorde wiederholen sich in einer Art Dauerschleife bis nach einer gefühlten Ewigkeit die Bläser zur Wende aufrufen, um sich dann doch dem "Papa was a Rolling Stone"-Brummen geschlagen zu geben. Allerdings  bleibt sich hier Marcus Miller treu: Fantasiereiche Spezialitäten folgen, an denen sich Solisten in vielfältigster Weise beteiligen, die jazzigen Melodien an Fahrt aufnehmen, sich ins scheinbar Uferlose steigern, bis nach gefühlter Ewigkeit der Bass wieder zu knurren beginnt. "Preachers Kid" darf nicht fehlen, dieses jazzige Beinahe-Kirchenlied mit Gospelhypothek mit den obligatorischen Überlängen, ohne die das Millersche Musikportfolio nicht auskommt. 

Candy was here

Das Ramada-Hotel ist mit dem 26. Jazzfest Vergangenheit. Und mit ihm das Restaurant, in dessen Räumen der Jazz pausierte und in dem man die Musiker treffen konnte. Beispielsweise Candy Dulfer, die vom Nachbartisch ein kurzes "Wie geht´s" herüberwarf, bevor der Cappuccino serviert wurde. Im Petite Bellvue geht es etwas anders: Candy Dulfer, ihr Saxofon locker in der Hand schwingend, steht neben einem und lauscht vom Bühnenrand aus Marcus Millers "Papa was a Rolling Stone". Bis sie an der Reihe ist.

Bereits als junge Musikerin gelang ihr ein erster Hit: „Lily Was Here“. Ein reines Instrumentalstück, das in den 1980er Jahren zu einem allgegenwärtigen Soundtrack mutierte. Klar, dass dieser Song auch im Petite Bellvue ein Muss ist. Aber mehr als Beigabe, denn Candy Dulfers Auftrag lautet: "Together". Ihre neue CD, aus der sie die einzelnen Lieder vorstellt, mit denen sie vor allem eines belegt: Candy Dulfer bleibt Candy Dulfer.  Sie bleibt sich treu, mit schnellem, energetischem Jazz und mit viel Funk - als Sängerin und Saxofonistin. Was den Aalenern bevorsteht, ist purer Funk, der mit "After Tonight" beginnt, forciert die Dynamik steigert, um den Dulfer-typischen Klangteppich zu knüpfen. Eine überaus rhythmisch dichte Musik, zum Tanzen verleitend. Vergleichbar dem energiegeladenen "How It's Done", dessen laszives Timbre besonders gut ankommt. Dazwischen setzt sie impulsive Soli, singt frisch wie dynamisch. Und da Candy Dulfer  keine Pause kennt, bleibt so manch ein Zuhörer angesichts des vorgegebenen Tempos atemlos zurück. 

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Aalener Kulturjournal