Rathausgalerie zeigt Werke von Josef A. Schaeble

Der Steineflüsterer vom Ries

Neues Jahr, neue Kunst! Die Aalener Rathausgalerie zeigt Objekte des Unterschneidheimer Künstlers Josef A. Schaeble. Gleich zwei Überraschungen erwartete die Besucher der Vernissage: Schaebles Skulpturen sind in Reih und Glied angeordnet, schlicht, still, weltabgewandt. Überraschung Nummer zwei: Wer in Aalen als Nicht-Aalener ausstellt, muss eigentlich zuvor als Marktschreier in den Gassen unterwegs sein, um Aufmerksamkeit zu erregen. Das ist nicht die Natur des Bildhauers, aber dennoch strömten die Kunstfreunde in Scharen zur Ausstellungseröffnung. Das spricht für die Aalener Kunstfreunde, selbstverständlich auch für Josef A. Schaeble und seine Kunst.  

„Kunst ist immer Mimesis [nachahmende Darstellung der Natur in der Kunst], das heißt, sie bringt etwas zur Darstellung. Es ist die Aufgabe, das, was da sprechen will, hören zu lernen", zitiert Vernissagerednerin Natascha Euteneier (Kulturamt Aalen) den Philosophen Hans-Georg Gadamer, um einzuschränken, dass in einer reizüberfluteten Welt jedoch das „Überhören und Übersehen“ dominiert. Folgerichtig lautet ihre Empfehlung: Bewusst sich Zeit nehmen, um Hören und Sehen wieder zu erlernen und um so die Kunst - hier Josef Schaebles - zu verstehen. Schließlich sei diese zentrales Ausdrucksmittel zur Selbstreflexion, Gestaltung und Kommunikation. Wobei allerdings berücksichtigt werden sollte, der in Unterschneidheim lebende Künstler ist Bildhauer, ein Mann des Steins, manche munkeln gar er sei ein Steineflüsterer. "Im Wort Stein stecken bereits einige Aspekte, die sich in den Skulpturen und im Arbeiten von Josef Schaeble finden. Denn aus den Buchstaben des Wortes Stein lassen sich Begriffe bilden wie Stille – Tiefsinn - Einfachheit– Intuition – Natur", so Natascha Euteneier. Für den Künstler sind sie Bekenntnis, will er doch nach eigener Aussage mit seinen Arbeiten der  Stille ein Gesicht geben. Gleich in dreifacher Weise:  handwerklich, künstlerisch und meditativ.  Wobei alle drei voneinander abhängig sind, gar eine Einheit bilden.

Wenn Steine reden  

Was am Vernissageabend nicht möglich war, aber beim zweiten Besuch in der Rathausgalerie realisiert werden kann: Je länger die Objekte in der Stille auf den Betrachter wirken,  umso stärker machen sie diese „hörbar“. Was sie erzählen, sind die allgegenwärtigen Gedanken der Ewigkeit, denen Schaeble kunstfertig  einen visuellen Hauch von Schwerelosigkeit verleiht.

Wer solchen Gedanken nachhängt, sie in den Steinen sichtbar machen möchte, benötigt diese Stille selbst. Johannes Schaeble findet sie in seiner „Klause“, wie er sein Atelier nennt. Inmitten der Einsamkeit des Ries  - umgeben von Wiesen und Feldern. Innere Einkehr stellt sich wie von selbst ein, begleitet von einem unwägbaren Gefühl der Melancholie.

Bei der Ausstellungseröffnung gelingt es Felix Kogel, diese Empfindungen mit dem Akkordeon einzufangen und sinnlich wiederzugeben.

Die ideale Ergänzung zu den ausgestellten Skulpturen, insbesondere jenen aus Schalenkalk.  Indes auch zu den anderen, deren überwiegend klare Formensprache überrascht. Material und Form verbinden sich zu einer wohl ausbalancierten Synthese, charakteristisch für die Werke des Bildhauers, verrät Natascha Euteneier. Josef Schaeble versuche „mit dem Stein zu fließen“, um so dessen Geschichte herauszuarbeiten. Dazu bedürfe es jeder Menge an Tiefsinn, Gedankenfülle und Nachdenklichkeit. "Manchmal sitzen wir da und `sinnieren´, sind ganz tief in unsere Gedanken versunken. Josef A. Schaeble be-sinnt sich - auf sich selbst und auf den Stein. Es ist ein „Sinnieren“ über den „Steinsinn“. Er spürt der „Steinseele“ so lange nach, bis ihn die Form quasi „anspringt“, die dem Steincharakter entspricht und künstlerisch herausgearbeitet werden will", erläutert die Vernissagerednerin, um den Künstler mit „Die Beschäftigung mit dem Stein war so etwas wie eine Besinnung“ zu zitieren.

Schlichtheit

Natascha Euteneier nimmt sich erfreulich viel Zeit, um Schaebles Kunst zu erläutern.  "Elegant und minimalistisch reduziert sind die Skulpturen, augenfällig auch ihre Leichtigkeit. Die naturbedingte Härte des Steins scheint dabei außer Kraft gesetzt.  In diesem Kontrast entfaltet sich die besondere Wirkung der Skulpturen. Schaeble findet das Leichte im Schweren.

Sein künstlerischer Weg hat ihn vom figurativen Ausdruck der Skulptur hin zur Abstraktion und Reduktion geführt. Nicht zuletzt waren Hans Arp und Henry Moore Inspirationsquellen für Josef A. Schaeble. Sorgfältig arbeitet Schaeble die Besonderheiten des Materials heraus. Die Steine sind behauene Zeichen und Symbole: Geformt als Schalen, als leicht geschwungene Linie (`Der Weg´) in der Horizontalen, gefasst als vertikales Streben nach oben wie die `Nadela´ oder kompakt wie der `Kubus´ und die `Balance´ (die wie ein überdimensionaler Apfelkern auf ihrem Sockel verharrt). Je nach Bearbeitung der Steine entfalten sie ihre Oberflächenstruktur in poliertem Glanz wie die Klangschale aus dunklem Nero Impala, einem Hartgestein (Gabro, auch schwarzer Granit).

Andere Skulpturen wiederum wirken in ihrer Dualität zwischen glatt polierten gegenüber grob belassenen Strukturen wie die aufbrechende `Knospe´ (Granit) oder die `Traumfrau´ (Eisenstein). Diese Kontraste verleihen den Skulpturen ihre Lebendigkeit, berühren und verführen zum genauen Hinhören und –sehen.

Es ist dieses Hören und Sehen können, was der Künstler beherrscht. Mit intuitiver Kraft erfasst er, was der Kern des Steins ist. Von der Härte des Steins ist es abhängig, welche Formen sich ihm entlocken lassen.  Je härter der Stein, desto reduzierter die Form. Dazu gehört neben der handwerklichen Versiertheit, eine Portion Talent sowie eine gewisse Beharrlichkeit.

 

Intuition und Inspiration

 

Er genießt es intuitiv die Sprache des Steins zu verstehen und die Sprache so zu übersetzen, dass die Betrachter der Steinform wie einer Linie nachgehen können. Obwohl es keine raumgreifenden Objekte sind, gehen von ihnen `Schwingung´ (Granit Impala) aus, werden Richtungen angedeutet wie im `Weg´ (Cararra-Marmor) oder weisen `Zur Mitte hin´ (Carrara-Marmor). All das liegt im steinernen Rohmaterial verborgen, das der Bildhauer behutsam aufdeckt und in eine neue Gestalt verwandelt. Den Moment des Steins zwischen Vergehen und Werden einfangen – das gelingt.

Natur

Caspar David Friedrich war der Ansicht, dass die Aufgabe eines Kunstwerks sei `den Geist der Natur erkennen und mit ganzem Herzen und Gemüt durchdringen und aufnehmen und wiedergeben´. Josef A. Schaeble nimmt den Geist und das Wesen der Natur auf in seinen Arbeiten. Seine Verbundenheit mit der Landschaft und Natur des Ries zeigt sich in der Wahl der Steine. Bevorzugt sind es Steine, die aus der Gegend stammen wie der Goldbergstein (Goldberg: ein Felsen aus Süßwasserkalk, Travertin), Muschelkalk, den Schaeble bevorzugt im Außenbereich einsetzt, Kalktuff (Gefäß) oder Kalksandstein, einem Bruchstück aus dem abgerissenen Gebäude des Pompelhofs bei Hofherrnweiler (Schriftteppich).

Andere Materialien findet er beim Straßenbau, im Bereich der antiken Via Appia (Dino aus Posidonienschiefer), auf Spaziergängen und kann dabei durchaus in `Goldgräberstimmung´ geraten.

Zwar ist das traditionelle Material der Bildhauerei der Stein: Doch auch in einer Thuja-Hecke steckt durchaus verwertbares Material. Die bizarre Struktur der Wurzel wird zum `NaturGestaltenLebensbaum´. Geschält und von Hand abgeschliffen, erobert sich die Thuja-Wurzel (respektive ein surrealer Dali-Elefant mit spinnenartig dünnen langen Beinen) den Raum.

Neben den heimischen Steinen findet sich Granit ebenso wie der berühmte Carrara- Marmor. Zwei wunderbare Beispiele dafür sind `Der Weg´ und `Nadela´, die in spitzer Eleganz als überdimensionale Nadel emporragt. Doch selbst in dieser Größe würde kaum ein Kamel durchs Nadelöhr gelangen.

Natur und Kunst begegnen sich in harmonischer Übereinstimmung, da Josef A. Schaeble es versteht, die naturgegebene `Material-Seele´ des Steins zu bewahren.

Bearbeiten, was die Natur vorgibt – so könnte das Credo des Künstlers lauten."

Kunst sei etwas Universales, „etwas, das das eigentliche Menschsein ausmacht“, zitiert Natascha Euteneier nochmals  Hans Georg Gadamer. Kunst in all ihren unterschiedlichen Ausprägungen sei demnach ein wesentlicher Bestandteil des Menschseins, sei Ausdruck eines reichen kreativen und individuellen Schatzes, den es zu nutzen gelte. Um es mit Gadamers Worten zu sagen: „Kunst ist ein freies Spiel, das Mitspielen verlangt. Jedes Werk ist für jeden, der es aufnimmt, ein Spielraum, den er ausfüllen kann. Kunst hat gleichzeitig Symbolcharakter, kann so Dauer geben. Und schließlich hat Kunst einen starken kommunikativen Zug, ist Fest“.

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Aalener Kulturjournal