Frühjahrskonzert der Jungen Philharmonie Ostwürttemberg

Musikalische Streicheleinheiten für die Seele

Die Musik klingt kraftvoll und  aufwühlend, zugleich aber auch fragil und abgründig. Wenig überraschend, sollte man meinen, steht doch Ludwig van Beethoven über der 1807 entstandenen Komposition "Coriolan-Ouvertüre". In herrischem, drängendem Duktus lässt Dirigent Uwe Renz seine Junge Philharmonie Ostwürttemberg (JPO) diese Musik erstaunlich ausdruckstark  spielen. Hört sich so menschliches Scheitern an? Eindeutig ja, meint Beethoven, der sich in dieser Komposition auf den Feldherrn Coriolan in Heinrich von Collins Trauerspiel (nach einem antiken römischen Heldenepos) bezieht. Darin gesteht Gnaeus Marcius Coriolanus: "Ich hasse jedes Menschenantlitz, bin mir selbst ein Rätsel."

Die Grundlage für ein Drama, das sich in der Ouvertüre auf den Gegensatz von Ethos und Unvollkommenheit,  aufrichtigem Handeln und ungestümer Emotion zuspitzt. Beethoven formt - befreit von der ursprünglichen Textvorgabe - einen Konflikt, den nun die jungen Musiker auf dramatische Weise ausfechten.  Streicher und Bläser  beschwören in düsterem Moll ein sich anbahnendes Unheil, fiebriges Orchestertutti kreuzt weit gespannte Streicherakkorde. Eine bedrohlich wirkende Musik.

Eng führt Uwe Renz durch diesen Klang gewordenen Widerstreit von Größenwahn und Schuldgefühl, zeichnet so ein musikalisches Charakterbild Coriolans. Ein gegensätzliches, denn im zweiten Thema fließt die Musik überraschend sanft und ruhig. Die Stimmen der Frauen, die zum Frieden mahnen, wie Interpreten behaupten, oder sind es doch die zwei Seelen in des Kriegers Brust? Entgegen klassischer Gewohnheit führt Beethoven diesen Konflikt nicht zu Ende, verweigert eine Apotheose. In Collins Drama begeht der Römer Selbstmord. Bei Beethoven schwindet die Musik dahin, löst sich auf, verstummt. Die Stille wird Teil der Komposition.

Leander Brune erweist sich als fabelhafter Liszt-Interpret

Mit einem geschickten Schachzug ebnen sich die jungen Philharmonisten den Weg aus Beethovenscher Dramatik hin zu heiterem Musizieren: Sie klopfen bei Franz Liszt an und bitten um dessen "Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 A-Dur". Schachzug Nummer zwei: Die JPO kann seit Anbeginn auf versierte Solisten zurückgreifen. Lange Jahre nahm Elias Opferkuch am Flügel Platz, nun sitzt der 16jährige Leander Brune vor den schwarz-weißen Tasten. Eine gute Wahl, denn das Aalener Musiktalent erweist sich als fabelhafter Liszt-Interpret, dem das 20-Minuten-Stück regelrecht aus den Fingern zu fließen scheint. Zurückhaltend wie behutsam geht er zunächst das wohlgeformte Adagio an, souverän entfaltet er ein buntes Kaleidoskop, beschwört gemeinsam mit dem Orchester  hochromantische Musik vom Feinsten. Offenbar neigt Leander Brune mehr zum poetischen, denn zum zupackend dramatischen Ausdruck.

Sorgfältig spinnen Klavier und Orchester ein feines symphonisches Geflecht. Das klingt gediegen,  ausgewogen, durchaus auch erzählerisch. Bedeutsam, denn Liszts "Konzert Nr. 2" gleicht jenen Geschichten, die vom romantischen Idyll schwärmen. Entsprechend subtil klingen im "Adagio sostenuto assai" die Holzbläser, bevor das Klavier die Melodie aufgreift, das Horn schließt sich an, verführerisch gönnt sich das Klavier ein Ständchen mit dem Cello.  Ein flattriges Allegro (agitati) folgt, unruhig inszeniert von Klavier und Orchester. Noch ein Allegro, diesmal mit dem vielsagenden Zusatz  "moderato". Das Ganze entpuppt sich rasch wie unüberhörbar als außerordentlich gemäßigt. Es gleicht einem langsamen Satz, den  ein fast schon pathetisches Cello-Solo (Amelie Brune) krönt. Leander Brune umspielt es zusätzlich mit feinen Klavierfigurationen. Dann ein drittes Allegro. Dessen Impetus wird nun von der Jungen Philharmonie getragen.

Die Balance stimmt

Versiert steuert Uwe Renz  diese angespannt wirkende und dennoch so feine Abstimmung zwischen Klavier und Orchester gen schwärmerischem Ausdruck. In erstaunlich gegenwärtiger Intensität, besonders in den großen lyrischen Passagen.  Im Ergebnis ein sinfonisches Timbre sondergleichen, weil eben die Balance zwischen Tutti und Solo bis zum kleinsten Akkord stimmt. Gerade hier zeigt sich, dass Leander Brune künstlerisch auf einem guten Wege ist, findet er doch auf die Herausforderungen der Listzschen Komposition mit all ihren spieltechnischen Unwägbarkeiten und facettenreichen Interpretationsmöglichkeiten geeignete Antworten.

Im drittem Teil konzentriert sich das Konzert ganz auf Orchestermusik. Dirigent Uwe Renz ist freilich nicht unbedingt dafür bekannt, dass er seine jungen Musiker nur deren Alters wegen schont. Entsprechend wählt er davon unabhängige Werke, bei denen auch manch ein Profi ins Schwitzen kommen kann. 

Erinnert sei an die vortreffliche Aufführung von Carl Orffs "Carmina Burana" oder an die Beethoven-Sinfonien. Gut passt in dieses Bild Johannes Brahms´ "Sinfonie Nr. 4 in e-Moll op. 98", für dessen Zeitgenossen der kompromisslosen Kompositionsweise wegen ein durchaus befremdlich wirkendes Werk. Seine letzte Symphonie, aber keineswegs sein Alterswerk, widmet er sich hernach doch vor allem der Kammermusik.

Mit einem "Allegro non troppo" geht es unvermittelt und ohne thematische Einleitung in diese Symphonie, deren charmant nostalgischer Auftakt die JPO mit einem Hauch Melancholie verfeinert. Im zweiten Satz dann ein ältlich klingendes Bläserthema, aus dem sich allmählich eine weitgeschwungene elegante Kantilene der Celli entfaltet. Man sollte sich dabei in Erinnerung rufen: Brahms´ Hurra-Patriotismus der 1870er Jahre ist Vergangenheit, er besinnt sich wieder ganz auf die Musik. Die Sinfonie beendet er 1885 und sie ist spätromantisch bis in die Fingerspitzen.

Modern wie eh und je

Brahms-Preisträgerin (2008) Simone Young umschrieb in einem Interview vor einigen Jahren das "Andante moderato" mit den Worten "Man lebt fast ein ganzes Leben durch diesen einen Satz". Und in der Tat legt sich die Junge Philharmonie mächtig ins Zeug, will doch der zweite Satz scheinbar kein Ende finden. Glücklicherweise sei angemerkt, denn von dieser Melodie kann man nicht genug bekommen. Sie klingt und klingt und klingt. Dessen ungeachtet schreitet die Musik unaufhaltsam weiter, aber in kaum vorstellbar langsamen Tempi. Da muss sich sogar Liszt mit seinem "Allegro moderato" geschlagen geben. Wohlgemerkt, behutsame, keine leere Musik, die auf Langeweile programmiert ist, sondern dank genialem kompositorischem Aufbau für Spannung bis zur letzten Note sorgt.

Aber alles hat einmal ein Ende, bei Brahms Vierter heißt dies "Allegro giocoso" -  ein lautes und zugleich wunderliches. Flöte, Fagott und Triangel sorgen zwar für heiteren Klang, unterschwellig indes haftet der Musik etwas Beunruhigendes an.

Uwe Renz hebt dies bewusst hervor, wie er auch den Kontrast insgesamt betont. So baut er, vergleichbar mit dem Gegensatzpaar im zweiten Satz, einen nachhaltigen Spannungsbogen auf. 

Zurück in die Zukunft geht es im Finale mit barock anmutenden Klängen und einer Anleihe bei Bachs Kantate „Nach dir, Herr, verlanget mich", beides eingebettet in Akzente setzende, sich gleichzeitig aber widersprechende  Harmonien und Rhythmen. Das hört sich gut an, klingt schön, wirkt dicht und komplex. Vor allem aber nahezu 150 Jahren zum Trotz   verblüffend modern. Zwei Stunden romantische Musik. Für Solisten, Orchester und Dirigenten eine enorme Herausforderung, die sie jedoch exzellent meistern. Für die Zuhörer ein Genuss und Vorfreude zugleich, denn die nächsten Konzerte der Jungen Philharmonie Ostwürttemberg sind schon auf dem Weg: am 19. Juli auf Schloss Kapfenburg,  im September folgen die Sommerkonzerte.

Anmerkung:

 

Am Ende des Konzerts dankten der Landrat des Ostalbkreises Klaus Pavel und Aalens Oberbürgermeister Thilo Rentschler dem Uwe Renz überschwänglich. Gleichzeitig gratulierten sie dem überraschten JPO Chefdirigenten, denn auf den Tag genau vor 20 Jahren, am 9. März 1999,  dirigierte Uwe Renz erstmals die Junge Philharmonie Ostwürttemberg in der Aalener Stadthalle.

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Aalener Kulturjournal