Junge Philharmonie Ostwürttemberg & Mona Weingart & Marie Humburger

Wenn Schubert den Tango trifft

Am schönsten sind bekanntlich die Erinnerungen, die man noch vor sich hat. Und weil das so ist, kommen hier schon einmal für all jene, die vor lauter Urlaubsstress, Vergesslichkeit  oder sonstigen Gründen das Pfingstkonzert der Jungen Philharmonie Ostwürttemberg (JPO) am vergangenen Wochenende vergessen haben, Termine für die künftigen Konzerte: Mit Carls Orffs fantastischer "Carmina Burana" geht´s zum Festival nach Schloss Kapfenburg (20. Juli) oder einen Tag später auf dem Johannisplatz nach Schwäbisch Gmünd. Oder wie wäre es mit JPO und Siggi Schwarz? Diese Konzerte stehen im September auf dem Programm.

Bleiben noch die, welche die JPO nicht kennen: Nach mehr als zwei Jahrzehnten Junge Philharmonie Ostwürttemberg dürfte es allerdings kaum jemand geben, der noch nichts von diesem Orchester, von dessen talentierten jungen Musikern, engagiertem Chefdirigenten, von den vielen Unterstützern und vor allem von dessen hinreißenden Konzerten gehört hat.

Mit anderen Worten: An der JPO kommt bei Klassik und Moderne niemand vorbei. Auch nicht an den Pfingstkonzerten des  derzeit 50 Mann/Frau starken Orchesters. Nach den aktuellen Konzertauftritten in Aalen und Schwäbisch Gmünd folgen weitere in Heidenheim (8.Juni) und Ellwangen (10. Juni). Die Mehrzahl der 14- bis 25jährigen JPO-Musiker sind übrigens Preisträger des Landes- und Bundeswettbewerbs „Jugend musiziert“ und haben ihre musikalischen Wurzeln in einer der vierzehn Musikschulen der Region. In der Jungen Philharmonie finden sie die Möglichkeit ihre Talente auf hohem Niveau weiterzuentwickeln. Berufs- und ausbildungsbedingt ist die Fluktuation im Vergleich zu anderen Orchestern allerdings relativ groß. So erneuerte sich die Zusammensetzung in den zurückliegenden Jahren komplett. Seit 13 Jahren wird die JPO maßgeblich auch vom Ostalbkreis sowie der Ostalbstiftung der Kreissparkasse Ostalb finanziell unterstützt (www.jpo-w.de).

Kleine Sinfonie mit großem Klang  

Apropos Fluktuation. Statt wie beim Sommerkonzert vor zwei Jahren mit fast 100 Musikern, musste Dirigent Renz diesmal mit knapp der Hälfte auskommen. Eine gute Gelegenheit, das Programm entsprechend auszurichten. Uwe Renz und die JPO wären nicht Uwe Renz und die JPO, würden sie dafür nichts Passendes aus den Ärmeln zaubern. So gab es zum Auftakt die "Große Sinfonie Nr. 6 in C-Dur" von Franz Schubert, die dieser mit gerade einmal 21 Jahren komponierte und wegen der Pauken und Bläser flugs von seiner "Großen" sprach. Für die JPO eine treffliche Chance diese bewegende Sinfonie derart zu servieren, wie es Schubert sicherlich im Sinn hatte: leicht und transparent als sei es ein kammermusikalisches Ständchen. Elegant und reizvoll zugleich, bemerkenswert jene Passagen, in denen der Komponist seiner Beethoven-Verehrung Ausdruck verleiht und die immer wieder belegen, welch brillanter Komponist Schubert bereits in jungen Jahren war. Auch wenn sich das Werk nicht mit späteren von  Bruckner bis

Mahler messen kann, wobei Schubert selbst die Sechste relativierte, indem er seiner späteren 8. Sinfonie unter anderem deutlich mehr Zeit einräumte. Die JPO nutzte jedenfalls die Sechste, um den darin enthaltenen reichen musikalischen Zitatenschatz auf recht angenehme wie eindrucksvolle Weise hervorzuheben. Gleich zu Beginn mit Beethoven und ebenfalls noch im ersten Satz mit dramatisch klingenden Sequenzen aus Haydns Militärsinfonie, denen ein wenig von Tschaikowskys Nussknacker-Suite innewohnt und irgendwie lässt Uwe Renz noch ein paar Mozart-Klänge einfließen. mehr an Beweis ist gar nicht nötig: Franz Schubert ist und bleibt zurecht der Kreativste, wenn es um die Schöpfung wunderbarer Melodien geht, wie nicht zuletzt das Andante auf aparte Weise belegt. Apropos Beethoven. Dessen klangliche Deutung heben die Musiker im Scherzo des dritten Satzes mit Verve hervor, mit einem kraftvollen Auftakt, der sich zu einem amüsanten Spiel ausweitet, bei dem alle Stimmen (scheinbar) nach eigenem Gusto akzentuieren.

Dem Zeitgeist folgt man immer gerne. Das war auch bei Schubert so. Als 20jähriger erlag er dem gerade grassierenden Gioacchino-Rossini-Oper-Fieber. Der letzte Satz  zeugt mit einem Potpourri-ähnlichen Reigen noch heute davon.  Uwe Renz und die JPO neigen indes nicht zur diesbezüglichen Übertreibung, sondern fahren das Ganze etwas zurück, indem sie die Tempobezeichnung "Allegro moderato" beim Wort nehmen, um allem Temperament zum Trotz, Schuberts vorhandener Intention von wienerischer Gelassenheit gerecht zu werden. Höchst vergnüglich. Damit holt die Junge Philharmonie Ostwürttemberg Schubert übrigens zugleich aus der dunklen Ecke, in die er seine Lieder über Einsamkeit, Schmerz und Tod wegen immer wieder gerückt wird. Es gibt eben auch diesen anderen Schubert, den leichtsinnigen und charmanten, wie ihn Pianist Alfred Brendel charakterisierte.

Marie Humburger und Mona Weingart tanzen Claudes Tango  

Der zweite Konzertteil gehört ganz der Saxophonsolistin Marie Humburger und Akkordeonspezialistin Mona Weingart. Marie Humburger wählte für ihren Beitrag ein Werk des russischen  Komponisten Alexander Glasunow. Dessen "Saxophonkonzert in Es-Dur op.109" gehört zu jenen Musiken, die in der damaligen Sowjetunion nicht gespielt werden durften, da den herrschenden Kleingeistern das Saxophon - es galt als Instrument der Bourgeoisie - suspekt war.  Erst 36 Jahre nach Glasunows Tod wurde er in die Riege großer russischer Komponisten aufgenommen. Für  klassische Saxophonisten ist dieses "Opus 109" längst Pflicht, zeichnet es sich doch durch Qualität und Stil aus. Eine Herausforderung! Über reinem Streicherklang spielt Humburger leicht nachdenklich eine Melodie, die so modern und dennoch so romantisch klingt, in der sich indes Glasunows kosmopolitischer Geist spiegelt. Für die junge Solistin eine Herausforderung, muss sie doch russische und europäische Elemente in ihrem Ausdruck miteinander  verbinden.  Besonders nuanciert in ihren Soli, in denen sich slawische

Melancholie und europäische Lebenslust offenbaren. Was ihr vor allem dadurch gelingt, dass sie lyrische wie gesangliche Akzente zu setzen vermag, die Glasunows romantischer Ästhetik entsprechen.

Die JPO Bläser kommen auf die Bühne zurück und mit ihnen die zweite Solistin des Abends: Mona Weingart. Sie wechselt mit dem dänischen Komponisten Ole Schmidt musikalisch in die Moderne, erinnert mit dessen "Symphonic Fantasy and Allegro" zurückhaltend an jazzige Gefilde. Allerdings in kammermusikalischer Erzählweise, bei der Mona Weingart sichtliches Vergnügen an freier Entfaltung findet, eben am Spiel mit der Phantasie, die sie sowohl gemeinsam mit der JPO als auch in den Soli reichlich auszukosten versteht.  Ein Genuss für die Zuhörer, denn ob lyrisch oder zupackend, purer Streichersegen oder von Pauken und Trompeten begleitet, Ole Schmidt ermöglicht der Akkordeonistin bereits im ersten Satz (fast) alles Erdenkbare so umfassend, dass Beifall aufbrandete, obwohl noch das Allegro aussteht.

In diesem kann die Solistin dann ihr Können erneut glänzend unter Beweis stellen. Insbesondere auch Schmidts hintergründigen Humor, der sich in der abebbenden Coda mit einem überraschend delikaten wie launigen Pianissimo zeigt.

Was könnte jetzt noch den Abschluss krönen? Uwe Renz findet beim französischen Jazzmusiker und Akkordeonisten Richard Galliano das Richtige: "Tango pour Claude". Marie Humburger und Mona Weingart spielen nochmals auf -  das Saxophon gibt die Dynamik vor, das Akkordeon schwelgt ein Wenig in argentinischer Melancholie - lassen bemerkenswert unterschiedlichste Stile im Sinne eines Tango Nuevos erklingen. Neue Musik, rhythmisch und leidenschaftlich, stilistisch immer wieder an Astor Piazzolla erinnernd. Dafür gibt es zu Recht reichlich Applaus von einem begeisterten Publikum.

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Aalener Kulturjournal